Mit Sicherheit
Der beobachtete Effekt ist m.E. weder ein Messfehler noch Esoterik, sondern das Ergebnis eines sehr spezifischen Workloads in Kombination mit Zen-5-Charakteristik, X3D-Cache und Firmware-Regelung. Entscheidend ist dabei z.B. Blender mit dem IgoBOT-Modell, das extrem viele Vertices besitzt und bei dem ein erheblicher Teil der Rechenzeit in das CPU-basierte Denoising fließt. Dieses Denoising ist formal compute-lastig, arbeitet aber mit großen, schlecht lokalisierten Datenstrukturen und vielen kurzen, latenzsensitiven Zugriffen auf temporäre Puffer, Normalen und Tiefeninformationen. Es ist damit nicht klassisch bandbreitenlimitiert, aber hochgradig abhängig davon, wie gut Speicherlatenzen überdeckt werden können. Ich nutze das Modell sehr bewusst, weil es auch bei GPUs echt fies ist.
Beim Ryzen 7 9800X3D führt langsamerer Speicher sicher dazu, dass diese Denoising-Phasen länger dauern und der effektive Kerntakt häufiger aus dem optimalen Boost-Fenster fällt. Sobald die CPU Speicherlatenzen nicht mehr sauber überdecken kann, kippt die Auslastung der Recheneinheiten. Der Leistungsverlust ist dann nicht mehr proportional zum geringeren Speichertakt, sondern fällt überproportional aus, im Extremfall zweistellig. Das erklärt die starken Einbrüche bei DDR5-4800 trotz nominell „compute-limitierter“ Last.
Der Ryzen 7 9850X3D verhält sich hier sicher robuster, obwohl Cache-Größe und Architektur identisch sind. Durch stabileres Boost-Verhalten, etwas höhere effektive Frequenzen und feinere Regelmechanismen werden einzelne Rechen- und Denoising-Phasen schneller abgeschlossen. Temporäre Daten bleiben häufiger innerhalb des Cache-Residency-Fensters, externe Speicherzugriffe werden besser überdeckt. Die Cache-Trefferquote wird dabei nicht magisch erhöht, sondern zeitlich effizienter genutzt. Genau deshalb reagiert der 9850X3D deutlich weniger empfindlich auf langsameren Speicher.
Dass sich dieser Effekt besonders stark beim IgoBOT zeigt, ist sicher kein Zufall. Szenen mit extrem hoher Mesh-Komplexität und starkem CPU-Denoising sind deutlich latenzsensitiver als texturdominierte Workloads. Letztere arbeiten mit besser vorhersagbaren, zusammenhängenderen Datenzugriffen und würden deutlich weniger extreme Unterschiede zeigen. Gleicher Cache bedeut nicht automatisch gleiche Cache-Effektivität. Wenn man hingegen immer ähnliche, vor allem auch Grafik-lastike Szenarien misst, kommt auch immer das Gleiche raus. In einem latenzsensitiven Workload wie Blender-Denoising mit extrem komplexer Geometrie entstehen nichtlineare Schwelleneffekte. Der 9800X3D fällt bei langsamem RAM unter diese Schwelle, der 9850X3D bleibt darüber. Da es nicht nur eine Anwendung ist, die solche Effekte erzeugt, kann man sicher nicht von einm temporären Messfehler ausgehen.
Alle genannten Programme haben nämlich gemeinsam, dass sie formal compute-lastig sind, intern aber stark latenzsensitiv arbeiten. Sie bestehen nicht aus gleichmäßigem Dauerrechnen, sondern aus vielen kurzen Rechenphasen mit Synchronisationspunkten und schlecht vorhersagbaren Datenzugriffen. Dazu kommen große, fragmentierte Datenstrukturen und umfangreiche Post-Processing-, Filter-, Denoising- oder Analyse-Schritte.
In genau solchen Workloads greifen nichtlineare Schwelleneffekte. Sinkt die Fähigkeit einer CPU, Speicherlatenzen zu überdecken, kippt die Effizienz plötzlich und es gehen nicht ein paar Prozent verloren, sondern zweistellig Leistung. Der Ryzen 7 9800X3D gerät bei langsamerem RAM in diesen ungünstigen Bereich, der 9850X3D bleibt dank stabilerem Boost und effizienterer zeitlicher Cache-Nutzung darüber. Deshalb sieht man hier +12, +16 oder sogar +37 Prozent statt der erwarteten +3 bis +6 Prozent. Nicht wegen mehr Cache oder „magischem Takt“, sondern weil all diese Programme
latency-dominated compute workloads mit starkem Phasencharakter sind.
Außerdem traue ich es AMD zu, dass man den 9850X3D per AGESA, FIT-Kurven, Boost-Decay oder Power-Transient-Handling anders parametriert als den 9800X3D und damit Vorteile erzielt.
Ich bin aktuell krank und habe mir neben einer Gürtelrose am Kopf dazu gleich noch eine schwere Neuropathie eingefangen, die den ganzen Körper komplett schmerzen lässt. Das schränkt mich beim Arbeiten extrem ein, so dass ich das alles nicht noch einmal komplett nachstellen kann. Aber das können andere sicher genauso gut.