Es ist wirklich amüsant: So gebetsmühlenartig, wie hier die Negativmeldungen zu Windows 11 reinprasseln, kommen auch immer dieselben Apologeten angekrochen, die PCGH genau das vorhalten, und spielen aufs Neue edler weißer Ritter für Microsoft, mit den immer wieder gleichen Ausreden: Das werde doch alles schlimmer gemacht, als es sei; sie hätten selber überhaupt keine Probleme; die Leute sollen sich mal nicht so haben, die haben doch sowieso schon überall Accounts und Werbung...
Leute, bei all diesen anderen Accounts besteht nicht die Gefahr, dass man den Zugriff auf seinen kompletten Rechner (oder mehr als einen) verliert, wenn der Anbieter einen ärgern will. Ihr kennt die Geschichte mit dem Vater, der dem Kinderarzt für Ferndiagnose Nacktbilder von seinem kleinen Sohn geschickt hat, was Googles „KI“ als strafbare Inhalte interpretierte, woraufhin sein Google-Konto gesperrt wurde, was sich auch auf alle Accounts auswirkte, die auf seine Gmail-Adresse registriert waren, Mobilfunk futsch, da bei Google-Tochter, und oben drauf noch ein polizeiliches Ermittlungsverfahren. Und jetzt stellt euch mal vor, Microsoft macht ernst und lässt die Windows-Nutzung (zumindest für Privatkunden) wirklich nur noch mit Microsoft-Konto zu, und dann passiert genau sowas, auf einem Betriebssystem, das sich schon jetzt mit übergriffigen „KI“-Features rühmt, einschließlich der Anfertigung eines Screenshots alle paar Sekunden plus Auswertung durch „KI“ – alles natürlich nur zum Wohle des Konsumenten. Ein False Positive, und ihr seid aus eurem System ausgesperrt. Wenn dann noch BitLocker/Geräteverschlüsselung aktiv war, wie es bei der Einrichtung mittlerweile standardmäßig der Fall ist, der Schlüssel gemäß Vorkonfiguration ausschließlich im TPM und der Recovery-Key im (gesperrten) Microsoft-Konto in der Cloud liegt, ist auch der Zugriff auf die Daten weg.
Kurz gesagt: Ein Betriebssystem ist etwas anderes als ein Streaminganbieter oder „oma-bertas-strickwaren.de“. Und das große Problem, das wir mit Microsoft hier haben, sind die Dark Patterns: Ja, wir aus der Tech-Bubble kennen die Kniffe, solche Zwänge zu umgehen (solange noch möglich); die meisten User da draußen kennen die aber nicht. Die kommen gar nicht erst auf die Idee, dem neu gekauften Laptop mit vorinstalliertem Windows 11 bei der Ersteinrichtung bewusst keine Zugangsdaten zum WLAN zu geben, geschweige denn darauf, in die Shell zu wechseln und Kommandozeilenbefehle einzutippen, wenn Windows ihnen sagt, sie müssten sich jetzt mit ihrem Microsoft-Konto anmelden bzw. eins anlegen. Ebenso wenig wissen sie, was BitLocker ist und dass sie das für ihre Zwecke lieber abschalten oder zumindest ohne TPM betreiben und auf keinen Fall den Recovery-Schlüssel im Microsoft-Konto hinterlegen sollten; und schon gar nicht braucht man ihnen mit Begriffen wie „Gruppenrichtlinien“ (die es in der auf den meisten Geräten installierten Home-Version sowieso nicht gibt) oder „UEFI“ zu kommen, das sind für sie böhmische Dörfer. Deswegen werden die auch zum größten Teil weder Copilot, noch Recall abschalten. Genau deshalb müssen derlei Dinge grundsätzlich, und ganz besonders bei einem – kostenpflichtigen! – Betriebssystem mit Gatekeeper-Stellung, wenn überhaupt, immer Opt-In sein – niemals Opt-Out, und schon gar nicht, wie es bei Windows zunehmend der Fall ist, offiziell komplett ohne Möglichkeit, „nein“ zu sagen. Ich habe noch nie von irgendwem ein überzeugendes Argument gehört, warum es gerade andersrum sein sollte. Die Weigerung, ein „nein“ zu akzeptieren, und seinem Kunden mit Gaslighting und Dark Patterns eine „Einwilligung“ zu entlocken, die keine ist, ist ohnehin eine Mentalität, die ich zutiefst abstoßend finde und bei der ich an ganz bestimmte Personengruppen denke.
Natürlich kann man sich da als Nerd in seiner Facharroganz suhlen und der Auffassung sein, dass all diese Leute, die nicht so gewieft sind wie man selbst, es dann auch nicht anders verdient hätten, als Freiwild für Microsoft zu sein. Und von einem gewissen Punkt aus kann ich diese Haltung sogar nachvollziehen, wenn dann so Geschichten kommen wie mit der Sekretärin, die nicht weiß, wie man Dateien kopiert, oder das leidige Thema, dass die Leute nicht mal bereit sind, von WhatsApp auf Signal zu wechseln, egal wie viele gute Argumente man dafür auf den Tisch bringt, einfach aus Bequemlichkeit und Gewohnheit. Und es heißt ja auch nicht umsonst: Kein Backup – kein Mitleid. Aber letztendlich machen wir damit auch für uns selbst die Sache immer beschissener, weil es am Ende diese Massen sind, die den Ausschlag darüber geben, ob Microsoft & Co. mit ihrer Enshittification durchkommen.
Deshalb ist auch aus meiner Sicht die bei Nerds weitverbreitete Angewohnheit ein großer Fehler, sich darauf auszuruhen, dass man sich technische Lösungen gebastelt hat, um Restriktionen zu umgehen, und dann womöglich noch über Leute zu spotten, die nicht so schlau sind; statt sich dem schwierigeren Kampf zu stellen, beim Gesetzgeber einzufordern, dass er gewisse Rechte für alle garantiert und Konzerne wie Microsoft in die Schranken weist, und das nötige Bewusstsein dafür in der Bevölkerung zu schaffen, damit es genug Druck gibt. Man löst einfach das falsche Problem, wenn man als Antwort auf Restriktionen immerzu technische Insellösungen bastelt, statt die Restriktionen als solche zu bekämpfen. Die Nerds, die seit Jahren gegen die Chatkontrolle mobil machen, hätten auch technische Mittel zur Hand, sie zu umgehen, und könnten sich einfach zurücklehnen und sagen, dass der Rest es dann halt auf die harte Tour lernen müsse. Nur bekämen sie den Überwachungsstaat mit so einer Einstellung trotzdem an die Backe und gerieten früher oder später allein dadurch, dass sie Alternativlösungen einsetzen, um nicht abgehört zu werden, ins Visier der Behörden. Deshalb war das nie eine Option. Auch bei Microsoft und Windows war das nie eine Option, und der Umstand, dass Microsoft jetzt zumindest in der EU bei Windows 10 einen Teilrückzieher machen musste, gibt Hoffnung, dass der Zug vielleicht noch nicht ganz abgefahren ist.