Volksentscheide würden wahrscheinlich gar nicht so schlecht funktionieren, wenn
- über die Medien wirklich neutral und umfassend berichtet werden würde
- die Politiker wirklich Volksvertreter und keine macht- und geldgeilen Mietmäuler wären
- der Urnenpöbel wirklich zur Wahl gehen würde
- wenn die Wahlmöglichkeiten, über die abgestimmt werden soll, nicht einseitig sein würden
Mit Ausnahme des letzten Punktes gilt genau das gleiche für die parlamentarische Demokratie.
Wenn die Bürger tatsächlich wählen gingen und wenn sie den wählen würden, der Ahnung von der Materie und das richtige Ziel vor Augen hat, dann hätte wir auch eine ordentliche Politik.
Wenn sich ein kleiner Teil der Wahlberechtigten dazu aufrafft, denn Schmierenkomödianten Macht zu verleihen, der sich in den 2-6 Wochen vor der Wahl am besten präsentiert (und die BILD auf seiner Seite) hat, dann kann das nichts werden.
Um es mal festzuhalten:
Die Union macht seit der letzten Wahl ziemlich genau das gleiche, wie davor (okay: Das Schavan waschechte Lügen erzählt, ist neu - scheint aber kaum jemanden zu interessieren) und die FDP macht ziemlich genau das, was sich von ihren Ankündigungen in einer Schwarz-Gelben-Koalition und unter den offensichtlichsten Rahmenbedingungen umsetzen lässt. D.h. wir haben genau die Politik, die die Wählermehrheit wünschte und weitere Änderungen sind absolut unnötig...
...es sei denn, die Wähler waren zu faul, 5 Minuten über DIE 2-3 größten Nachrichtenthemen der vergangenen 2-3 Jahre nachzudenken und das Wahlprogramm der Partei zu lesen, die sie gewählt haben.
Leute, die nicht einmal das hinbekommen, werden imho auch nicht in der Lage sein, eine qualifizierte Entscheidung über ein komplexes Einzelthema zu treffen.
Da habt ihr beide nicht mal unrecht.
Was unterscheidet jetzt aber das Volk in genau dieser Sachlage von den Volksvertretern, die momentan darüber entscheiden dürfen?
Nichts ... und zwar rein gar nichts.
Der Punkt, den man nämlich gern einmal übersieht, ist, dass unser Parlament genauso nur ein Abnickverein ist, der weder Langzeitfolgen abschätzen noch Zusammenhänge überblicken kann. Viele der Abgeordneten haben nicht mal einen Überblick über was sie gerade abstimmen und verlassen sich komplett auf die Parteivorgaben. Das reine Fachwissen kommt da aus den Ausschüssen und so genannten Expertenrunden, Vorschläge zumeist aus den Fraktionen, gespeist von externen Lobbyverbänden und PR-Firmen, die Umsetzung erfolgt wiederum über die Ministerien, oder noch schlimmer, ebenso von externen PR-Firmen.
Wenn man sich aber mal anschaut, was da so für Experten sitzen und wie diese Experten und Fachleute die Situation der vergangenen Jahre eingeschätzt haben, was unterscheidet diese dann noch vom Laien?
Wiederum rein gar nichts.
Nö. Wenn man genau hinguckt, dann stellt man sehr oft fest, dass Experten sehr oft den Ausgang vorhersagen, der später auch eintritt und das fast alle relevanten Aspekte zum Beginn der Entscheidungsfindung vorlagen.
Das Problem ist fast nur der politische Prozess, der die Faktoren i.d.R. nach den Wünschen der Wirtschaftslobby und/oder mit Blick auf die nächsten 1-4 Jahre priorisiert.
Aber: Diese Politiker, die trotz guter Informationslage suboptimale Ergebnisse produzieren (für alle, die nicht zur Wirtschaftsspitze gehören), sind von eben den unterinformierten und -in Bezug auf ihre Bürgerpflichten- gewissenlosen und medienhörigen Bürger gewählt worden, dem du direkt die Entscheidung übertragen willst. Wie soll es eine Verbesserung sein, wenn man den Fehler "Hörigkeit" gegen die Fehler "Hörigkeit, Unwissenheit und Desinteresse" ersetzt?
Da die zur Wahl stehenden Optionen weiterhin aus der Politik kämen, kann man nichtmal darauf hoffen, dass man durch puren Zufall einen Schnitt erreicht, der etwas weiter von den bisherigen Interessensgruppen entfernt ist.
Allerdings mit dem Unterschied, dass die Bürger sehr wohl wissen, welche Entscheidungen ihnen zum Nachteil gereichen und welche nicht.
Tun sie das?
Ich sag nur "Waldschlößchenbrücke"
Ich halte mich konsequent aus diesem Bereich des Forums, aber nur mal als Anregung: Was würden diejenigen, die Volksentscheide prinzipiell begrüßen, aber die Beeinflussung der Stimmberechtigten als zu hoch einschätzen, von einer 50/50-Regel halten? Soll heißen, käme es zu einem Volksentscheid auf Bundesebene, würde zeitlich paralell dazu (also gleichzeitiges Abstimmungsende) im Bundestag eine geheime Abstimmung stattfinden und nach der Auszählung würden die Abstimmungsergebnisse miteinander verrechnet werden.
Ich weiß nicht, was die Befürworter davon halten, aber ich sehe ein ganz grundlegendes Problem:
Der Souverän aka das Volk kann offiziell eine Entscheidung treffen und seine Beauftragten aka die Politiker können, wenn sie sich einiger sind, explizit gegen diesen Volkswillen handeln. Das wäre ein klarer Einzelfall von Oligarchie anstelle von Demokratie.