Du hast erneut die Wähler völlig außer Acht gelassen.
Es stimmt zwar, dass je mehr Lobby = weniger Demokratie, aber das Gegenteil löst immernoch das Grundproblem des Interessen-Paradoxons nicht.
Du müsstes davon ausgehen, dass jeder Wähler immer vollends über alle Faktoren im Bilde ist, bevor er wählen geht. Und das ist praktisch nirgendwo der Fall.
Genausowenig, wie Politiker jedes Themengebiet abstecken, können ohne das Fachwissen Dritter. Die Berater die du meintest, sind doch praktisch das gleiche wie Lobbyisten: Experten, die sich in einem gewissen Fachbereich besonders gut auskennen und dementsprechend die Politik darin beraten oder - im boshaften Fall - lenken können.
Die Behauptung, Lobbyismus sei ausschließlich eine privat finanzierte Angelegenheit von Industrie, Gewerkschaften oder Verbände in Form eines bezahlten Interessenvertreters, ist übrigens falsch; Jeder, absolut jeder, kann Kontakt mit einem Abgeordneten aufnehmen und ihm seine "Interessen" mitteilen <- das ist auf dem Papier dieselbe Form der Meinungsbeeinflussung.
Und frag' doch mal in den Kommunen nach, wie viel da für's Ehrenamt von politischer Stelle aus getan wird.
Dort findest du meistens auch nur die gleichen Lippenbekenntnisse. Organisationen, die massiv vom Ehrenamt abhängig sind (Rotes Kreuz, Malteser, ASB usw.) stellen die am schlechtesten ausgestatteten Hilfs- und Einsatzkräfte. Freiwillige Feuerwehren sind von der Großzügigkeit des Bürgermeisters ihrer Ortschaft abghängig.
Genau das sind aber die Leute, von denen jeder funktionierende Staat abhängig ist. Ohne Ehrenamt brennen dir auf dem Land die Häuser ab, in Katastrophenfällen sterben erheblich mehr Menschen und Alte, Kranke wie Schwerstbehinderte ohne Fahrdienste hätten den ganzen Tag zu hungern. Das
interessiert aber eben kaum keinen. Deshalb: Interessenvertretung. Deshalb Lobbyismus, auch von gemeinnützigen Organisationen.
Die Flüchtlingskrise ist da auch wieder so ein tolles Beispiel: Völlig überarbeitete Helfer aus dem Ehrenamt, die so lange in Unterkünften vor Ort im Einsatz waren, dass sie schon von ihrem Arbeitgeber mit der Kündigung bedroht wurden. Überarbeitet, erschöpft, kaputt oder in der Fachsprache,
burned out. Anerkennung? Fast Null. Den hat, auch dank der Medien, Merkel für sich eingestrichen.
Wie wäre es denen ergangen, wenn sich mehr für deren Interessen eingesetzt hätten?
Hier hast du wieder so ein Problem, die Medien. Die womöglich mächtigste "Lobby" überhaupt: Die Politiker müssen sich gut mit denen stellen, wenn sie in der Öffentlichkeit positiv wahrgenommen werden möchten. Und die Wähler kriegen die Meinung der Interessengruppen hinter den Medien präsentiert, ohne das sie es wirklich merken.
Du siehst: Wenn du keinen Lobbyismus willst, musst du das System ändern.
