Da es einige hier in der Vergangenheit interessiert hat oder zumindest als Argument gebraucht wurde: Die taz hatte diese Woche einen Überblick über diverse Studien, wie belastbar die Kriegsopferzahlen der Hamas sind.
Gemäß der Erwartungen aus früheren Konflikten hat niemand eine Übersteigerung gefunden - im Gegenteil. Mehrere unabhängige internationale Untersuchungen mit unterschiedlicher Methodik kamen jeweils zu der Schätzung, dass die realen Opferzahlen 2/3 höher als die offiziellen Angaben sein dürften, da letztere nur relativ gut verifizierte Todesfälle enthalten. In Anbetracht der flächigen Zerstörung und des vernichteten Gesundheitsystems im Gazastreifen werden viele Opfer aber nicht mehr verifiziert, sondern verwesen unter Trümmern oder werden ohne Interaktion mit Behörden/Ärzten begraben.
Wie viele Menschen im Gaza-Krieg gestorben sind, ist umstritten. Studien legen nahe: Selbst die palästinensischen Zahlen sind wohl viel zu niedrig.
taz.de
Erstaunlich niedrig sind dagegen die Übersterblichkeitsabschätzungen für die indirekten Opfer von fehlender Versorgung, was aber wohl auch nur ein Forscherteam näher betrachtet hat. Deren Datenerhebung dazu lag zudem vor Israels Verhungerkampagne, aber enthält damit trotzdem zwei Kriegswinter und den ohne Infrastruktur ebenso lebensbedrohlichen Sommer dazwischen, die schon lange eingeschränkte medizinische Versorgung sowie die Ansteckungsmöglichkeiten in den konzentrierten Flüchtlingscamps. Trotzdem wurden ""nur"" ein paar tausend Tote zusätzlich hochgerechnet. (Was natürlich alles andere als wenig ist, ich verweise auf den Auslöser des aktuellen Krieges. Aber die meisten hier wiegen Tote ja nicht nur Tote gegeneinander auf, sondern gewichten sie auch noch nach Nationalität.)
Welche ironischer Verlauf bei Israels historischem Hintergrund... ^^
MfG
Wie schon mehrfach geschildert:
Der historische Hintergrund Israels und damit auch der Nahostkonflikt hat mit westlichen Industriellen begonnen, die einen jüdischen Staat in einer komplett von Muslimen besiedelten Region aus dem Boden stampfen wollten. Und das nach Vorstellung einiger auch mit Gewalt. Israel als Rettungsinsel für Holocaustopfer respektive -Bedrohte kam erst Jahrzehnte später auf die Tagesordnung.
Und das auch eher ideologisch denn praktisch relevant. Wenn man
die Zahlen aufaddiert, haben Flüchtlinge vor Nazis und Neonazis weniger als 10% zum Ursprung der heutigen Israelis beigetragen. Nochmal so viele kamen aus arabischen Ländern, als dort nach der Gründung Israels der Judenhass eskalierte. Aber der weitaus größte Block, insgesamt rund die Hälfte der Zuwanderer, sind Osteuropäer, welche politische Unterdrückung und eingeschränkte wirtschaftliche Möglichkeiten im Ostblock respektive der Nachfolgestaaten gegen politische Priorisierung und wirtschaftliche Unterstützung in Israel getauscht haben.
tl;dr: Die Sicht auf Israel als Land der Opfer von Völkermord ist eine Projektion von außen.
So traurig und perfide es auch klingen mag, aber Opfer von industriellem Völkermord sind halt tot. Und wer rechtzeitig vor dem Holocaust fliehen konnte, ging zum Großteil direkt oder indirekt nach UK und USA, nicht nach Palästina. Dort hatten die Briten wegen der eskalierenden Gewalt zwischen Zionisten und Einheimischen nämlich in den 30ern eine Einwanderungssperre verhängt.
Historisch ist Israel eine Mischung von Leuten auf der Suche nach Wohlstand & gutem Leben und von Leuten, die eine Vormachtsstellung für sich respektive für eine religiös definierte Gruppe Gleichgesinnter anstreben. In sofern sind religiös-rechtsextreme Minister, die Gaza als einzunehmendes und besiedelndes Land betrachten, leider eine durchaus passende Fortführung des historischen Hintergrunds. (Genauso wie nichts-dagegen-tun wegen "besondere Beziehung", "Staatsräson", "Opfer der Hamas", etc. eine 1:1 Fortführung von außen aufprojezierter Schuldgefühle ist. Die man eigentlich auch gegen eine ganze Menge anderer Verfolgter außerhalb Israels haben sollte, aber nicht im geringsten gegenüber der israelischen Regierung, die dennoch primärer Nutznießer der resultierenden Handlungen ist.)