AW: Intel stopft 77 Sicherheitslücken mit Microcode-Updates und entdeckt neue Zombieland-Malware
Na ein Glück, dass hier niemand überhaupt ein TPM-Modul verbaut hat.
Man muß allerdings für jede Architektur einzeln den Angriff planen. Dann braucht man dazu auch noch unglaubliches Fachwissen, da sind die ultimativen Profis gefragt. Was man damit abgreifen kann ist auch weit von extrem nützlich entfernt. Den RAM mit 10 bis 500KB/sec auslesen können ist zwar durchaus verwertbar, aber weit entfernt vom Komfort eines Keyloggers und einem Video, von dem, was auf dem Desktop vorsich geht. Am schlimmsten ist, dass man das Opfer auch noch dazu bringen muß, die Software zu installieren.
Ein Teil der Angriffe funktionierte auf einer ganzen Reihe von Architekturen. Zwar sind spezifische Optimierungen von Vorteil, aber innerhalb einer Familie werden viele Funktionsprinzipien weiterverwendet, sodass der gleiche Hack bei allen Mitgliedern funktioniert oder nur minimale Anpassungen erfordert. Der ursprünglich auf Broadwell-Basis entwickelte Spectre-Exploit konnte zum Beispiel auch für 10 Jahre alte PowerPCs kompiliert werden und hat Ergebnisse ausgespuckt.
Und: Nein, man muss die Software nicht installieren. Das ist der ganz große Unterschied, der Spectre so viel gefährlicher als viele Sicherheitslücken in Software macht. Es reicht, wenn eigener Code irgendwo auf der gleichen physischen Maschine ausgeführt wird – in einer VM, einer Sandbox, einer Javascript-Engine oder ähnlichem. Damit unterläuft Spectre alle herkömmlichen Schutzmaßnahmen, die dazu genutzt werden, um reichlich Fremdcode "sicher" auf dem eigenen PC auszuführen. Schon der Besuch einer normalen Webseite reicht aus, um Opfer eines Spectre-Angriffes zu werden ohne es zu merken oder verhindern zu können. Mittlerweile hat man diesen Weg durch Browseranpassungen unattraktiver gemacht, aber zur ersten Veröffentlichung war die Gefahr sehr real und der Hack für Kriminelle entsprechend attraktiv.
Heartbleed war aber noch schlimmer, da gebe ich dir recht. Das Spectre so viel mehr Aufmerksamkeit erhielt und erhält liegt an der "live-Berichterstattung". Heartbleed wurde erst bekannt als man eine Lösung hatte. Für Spectre & Ablieger gibt es keine brauchbare, endgültige Lösung und das macht die Story zu einem Dauerbrenner, mit dem sich beliebig Ängste schüren lassen (siehe diverse Diskussions-Threads, in denen Fandom eine größere Rolle als Fakten spielt). Endnuter-Sicherheit ist zwar gegeben, aber nur weil Aufwand und gesicherter Nutzen einer Exploit-Entwicklung in einem für Kriminelle unattraktiven Verhältnis stehen.
Ich hatte mich ehrlicherweise nach der Vorstellung der Zombieload "gefixten" 9000er Serie gewundert, warum sie so wenig (eigentlich 0 um genau zu sein) Leistung damit verloren hat. Da dachte ich mir noch ok, Hut ab, nice work. Beim Blick auf die Arch und ein wenig auf den Code habe ich aber nix sehen können was da wirklich gefixed sein sollte. Da mir hier aber die Möglichkeiten ganz klar ausgehen habe ich mir auch nichts weiter dabei gedacht. Durch die Offenbarung, dass eigentlich das Problem nur kaschiert wurde wird mir nun einiges klar. Sie haben halt nur ein Szenario gefixt, aber die Jungs und Mädels der Instituten sind alles andere als dämlich.
Ich habe bedingt Verständnis für Intel in dieser Angelegenheit. Angeblich, soll mit aktiviertem Zombieschutz die Leistung der CPU um bis zu 50% fallen (ja auch für Spiele). Und daher wurde dieser auch nie raus gegeben und das Ganze dann per hardware "gefixt". Insgesamt würde das Sinn ergeben. Also, falls jemand von euch fit ist so möge er einen Zombieload Microcode entwickeln und ausgiebig testen, denn ich kann es leider nicht.
Es gibt nur zwei Möglichkeiten, das Problem endgültig und hundertprozentig zu fixen: Verzicht auf alle Zwischenspeicher oder auf jegliche spekulative Ausführung. Der leistungsfähigste Desktop-Prozessor, der erstes praktiziert, ist der 386er (1989). Für letzteres der Atom D2700 (2011 und schon damals low-end). 50 Prozent Leistungsverlust wären also geradezu traumhaft, verglichen mit Zen2 oder Coffee Lake würde ich maximal 1/3 der heute üblichen Pro-Kern-Leistung erwarten und das auch nur, wenn man die alten Bonnell-Atom-Architektur in aktuellen Fertigungsprozessen und mit aktuellen AVX-Einheiten für neue Designs neu auflegt. Die verfügbaren alten Chips erreichen, wenn es hochkommt, 10 Prozent der Performance eines 3950X, vermutlich aber eher 5 Prozent.
Dieser absolute Weg ist also nicht praktikabel, sondern in etwas auf dem Niveau von "wenn wir nur noch Esel reiten gibt es keine tödlichen Autounfälle mehr". Stattdessen bemühen sich die zahlreichen Fixes selektiv um Ausleseverfahren für einzelne Side-Channels oder Hacks, die bestimmte Befehle ausnutzen. Aber das bedeutet eben auch, dass jederzeit jemand einen neuen Exploit finden kann, der zum Beispiel statt dem L3 Cache einen TLB nutzt oder bislang nicht attackierte Befehle missbraucht. Aufgrund der Komplexität moderner Architekturen stehen uns hier noch jede Menge Flickwerk ins Haus.