Naja, es ist ja nicht so, als ob in Europa und auch den USA nicht auch viel Kritik geäußert würde.
Sooo bedingungslos ist die Unterstützung keinesfalls.
Einige EU-Länder üben Kritik. Andere bekunden regelmäßig und mit voller Inbrunst die uneingeschränkte Solidarität mit Israel, bezeichnen jeden, der etwas gegen israelische Politik sagt, als Antisemiten und erklären die bedingungslose Verteidigung Israels zur Staatsräson, an deren Befürwortung sogar grundlegende Menschenrechte gekoppelt werden sollen.
Die Israelis können nicht mit ein paar Spezialkommandos in einer unübersichtlichen Gemengelage in einem sehr dicht bevölkerten, untertunnelten urbanen Gebiet "mal eben" ein paar Terroristen, die sich im Übrigen kaum von der Zivilbevölkerung trennen lassen, herausoperieren. Das ist doch total naiv und unrealistisch.
Israel behauptet sehr wohl, die Position einzelner Terroristen mitten in Gaza präzise feststellen und zielgerichtet angreifen zu können. Wer das kann, der kann auch zielgerichtet "herausoperieren" - schließlich setzen alle Waffen der Hamas voraus, dass sich jemand ungeschützt unter freien Himmel begibt, man muss nur warten. Israel kann nicht aus palästinensischen Kellern heraus angegriffen werden und nur bei einem direkten Angriff wäre akute Selbstverteidigung gerechtfertigt. Sonst gilt es, die Verhältnismäßigkeit zu achten und dutzende zivile Opfer zur Tötung von jemandem, dem man vorwirft, er könnte irgendwann in Zukunft mal angreifen, ist nicht verhältnismäßig.
Aber Israel hat offensichtlich überhaupt kein Interesse, Opfer zu vermeiden oder Verhältnisse zu wahren. Hier mal zum Vergleich:
So sieht es aus, wenn die USA einen Terrororistenanführer töten.
So sieht es aus, wenn Israel einen Terroristenanführer tötet.
Ich brauch wohl nicht daran zu erinnern, dass die IDF sich praktisch aus dem gesamten nicht-nuklearen US-Arsenal die Waffe aussuchen kann, welche sie gerade als "angemessen" erachtet, wenn sie nicht direkt eine passende Eigenproduktion haben.
Was die Sache dabei noch ernster macht: Israel legt zur Vernichtung der GESAMTEN Hamas Häuserblöcke in Schutt und Asche, nicht nur wenn es um die Bekämpfung der militärischen Kassam-Brigaden geht. Bei der Zivilverwaltung des Gaza-Streifens ist es aber nun einmal nicht vermeidbar, dass die sich in zivilem Umfeld aufhält, denn die ist eben zivil. (Beim militärischen Arm muss man allerdings auch ganz klar sagen, dass die ihre Basen selbst dann nicht 5 km außerhalb von Städten errichten könnten, selbst wenn sie es wollten.)
Hier zum Beispiel ging es um den Wirtschaftsminister:
Es soll sich um den Wirtschaftsminister handeln und einen Terrorplaner: Israels Armee hat die Liquidierung zweier ranghoher Hamas-Mitglieder bekannt gegeben. Für beide kam der Tod offenbar aus der Luft.
www.spiegel.de
(Man beachte, dass es sich um den Hauptort im südlicheren Teil Gazas handelt, in den Zivilisten laut Israel ausdrücklich fliehen sollten, um ""in Sicherheit"" zu sein.)
Am 7. Oktober hatte sich gezeigt wer antimuslimisch und anti-arabisch ist. Denn unter den vielen Toten auf Seiten Israels waren eben nunmal auch arabaische Israelis, die von der Hamas und Konsorten auf den Feldern, in den Ortschaften oder auf dem Festival, auf dem sie einen Job nachgingen, ermordert, vergewaltigt oder verschleppt wurden. Es half ihnen nichts, dass sie Araber waren. Es half ihnen nichts, dass sie Muslime waren. Den Mordbrennern aus Gaza war das egal.
Und trotzdem gibt es, sowohl hier im Forum als auch allgemein in Deutschland inklusive Politik, jede Menge Leute, die Reaktionen von allen Muslimen erwarten, die sich politisch gegen Israels Methoden Äußernde auf deren Religion reduzieren, etc. und umgekehrt vergeht kein Tag, an dem man nicht hört, es würde um "jüdisches Leben" gehen, "Juden" wären bedroht, "Juden" bräuchten Unterstützung, etc.. Mittlerers stimmt zwar in kleinen Teilen auch, aber im Großen und Ganzen ist man ÜBERALL fleißig dabei, einen imperalistisch-politischen Konflikt zu religiosisieren und zu verallgemeinern. Allem "bloß keinen Flächenbrand"-Gerede zum Trotz.
Er merkt vorallem auch nicht, dass auch Israel ein Land der Flüchtlinge ist. Denn mit seiner Staatsgründung ging in sämtlichen Ländern des Nahen Ostens die Vertreibung und Verfolgung der dort ansässigen Juden los. Obwohl diese selbst vielleicht nichtmal etwas mit Israel am Hut hatten.
Flucht und Vertreibung der Juden aus den arabischen Ländern waren nahezu total. Von den fast 900.000 in arabischen Ländern vor 1948 lebenden Juden sind heute nur wenige Tausend übriggeblieben. Doch außerhalb Israels findet dieses Thema in gegenwärtig
www.bpb.de
"vor allem"? Es reicht also, dass den eigenen Vorfahren Unrecht durch A wiederfahren ist, damit die Nachfahren heute Unrecht gegen B begehen dürfen?
Wäre an diesem ""Argument"" was dran, müsste man ja auch vielen radikalem Pali-Sympathisanten in Deutschland mit ihren "river to the sea"-Sprechchören und sogar den Kalifat-Islamisten einen Persilschein ausstellen. Die haben ja oft auch Flüchtlingsschicksale in der Familie oder sogar in Person durchgemacht und scheinbar reicht "Flüchtling gewesen sein" ja, um vor Kritik sicher zu sein? Oder gilt das nur für nicht-muslimische Flüchtlinge? Dann aber sogar, wenn sie selbst gar kein Flüchtling sind, sondern nur in einem Land leben, dass viele derartige mit gleicher Religion aufgenommen hat?
Zionisten sind dort nicht erst in den 40er hingeflohen, sondern siedelten sich schon in den Jahrzehnten zuvor dort an. Zudem gab es bereits vor diesen Siedlern schon alteingesessene jüdische Siedlungen. Somit ist ein jüdischer Bevölkerungsanteil in der Region gegeben gewesen.
Wie schon mehrfach angemerkt: Man kann in dieser Debatte keinen sinnvollen Nullpunkt setzen. Ja, es gab auch vor den 40er-Jahren zionistische Siedler. Praktisch sobald es der Rückzug der Osmanen erlaubt hat - und ja, es gab auch um die herum auch schon genau die gleichen, bewaffneten Konflikte. Aber auch die waren nicht der Anfang: Don-71 hat kurz vor deinem Post ein Schreiben aus den 10er-Jahren zitiert, dem zu Folge die Taten einzelner ansässiger Juden keine Maßnahmen die Gesamtheit derselben rechtfertigen würden - ein Muster, dass sich durch jede einzelne Eskalationsrunde des gesamten Nahostkonflikt bis heute durchzieht.
Israel ist kein Apartheidstaat, alle Bürger sind rechtlich gleichgestellt, selbst in der IDF dienen z.B. arabische-palästinensische Soldaten freiwillig. Es gibt natürlich auch Probleme, etwa mit den Befreiung vom Militärdienst und der Alimentierung orthodoxer Juden, aber das ist auch in Israel umstritten und wird dort auf demokratischen Wege ausgehandelt. Solange Israel ein Rechtsstaat bleibt, mache ich mir diesbezüglich wenig Sorgen.
Die Liste der Sonderrechte der orthodoxen ist gar nicht mal so kurz. Aber da diese Dehnung des Konzeptes Rechtsstaat würde nicht zu Konflikten zwischen arabischstämmiger und zugewandeter Mehrheitsbevölkerung führen, schließlich stehen die auf der gleichen Seite dieser Teilung. Das rechtsstaatliche Problem innerhalb Israels ist die Rechtssprechung und -Auslegung, in einigen wiederkehrenden Zündern auch der Rechtsursprung. So sollen israelische Palästinenser weiterhin weitaus größere Probleme haben, so etwas wie Baugenehmigungen zu bekommen, sie werden bei Berufs- und Wohnungswahl sowie im Alltag häufig(er) diskriminiert, ohne Schutz dagegen zu erhalten und es gibt eben auch das große Erbe ungerechter Besitzumverteilung aus der Gründungs- und Kriegsphase Israels. Selbst wenn es ein lupenreiner Rechtsstaat wäre, der Gesetze unparteiisch auf alle Bürger anwendet, ist das halt nur eingeschränkt etwas wert, wenn es haufenweise Enteignungsgesetze nur für ehemals palästinensisches Eigentum gibt.
In den gem. Völkerrecht besetzten Gebieten kann man allerdings durchaus entsprechende Beobachtungen machen, etwa dass es unterschiedliche gerichtliche Zuständigkeiten für Israelis und Palästinenser in diesem Gebiet gibt. Darauf bezog sich meines Wissens auch AI.
Unterschiedliche Zuständigkeiten im Rahmen der Selbstverwaltung wären noch machbar. Aber die israelischen Behörden stehen schlichtweg über den palästinensischen. Palästinenser baut mit palästinensischer Zustimmung sein Haus - israelischer Bulldozer fährt durch. Palästinenser beklagt sich über die nach palästinensicher Rechtssprechung illegale Vertreibung von seinem Grund und Boden durch israelische Siedler - israelischer Soldat rückt mit gezogener Waffe an. Und drückt all zu oft auch ab.
Spätestens bei den Siedlungen an sich endet dann jegliche Rechtsstaatlichkeit. Und zwar sowohl bei den ""illegalen"", die Netanjahu dann sowieso regelmäßig legalisiert, als auch bei denen, die die israelische Regierung von vorneherein auf (somit-ex-)palästinensischem Boden plant und umsetzt. Und so eine Siedlung besteht nicht nur aus den Häusern - dazu kommen eigentlich-palästinensische Äcker und Straßen nur für Israelis, die Palästinenser dann nicht mehr betreten dürfen.
Das ist schlicht falsch. Die Hamas will Israel auslöschen. also nicht nur die Juden, sondern auch arabische Israelis.
Hast du das schriftlich?
Die Hamas will Israel von der Landkarte radieren (bzw. je nach Interpretation ihrer Grundsätze will sie seit ein paar Jahren nicht einmal das, sondern wäre auch mit einer Zweistaatenlösung einverstanden, aber das glaube ich auch nicht) und sie hat all denjenigen den Tod erklärt, die Angriffe auf Palästinenser zu verantworten haben. Aber ich wüsste nicht, dass sie irgend eine Aussage zur großen Masse der Israelis als Menschen und insbesondere nicht zu den arabischstämmigen gemacht haben. Die dürften nach Ausrufung eines Großpalästinas mit ziemlicher Sicherheit dort leben bleiben. Für jüdische Israelis wäre das zwar vermutlich nicht zu empfehlen, da von der Hamas erst recht kein Rechtsstaat zu erwarten ist, der alle seine Bürger vor Gewalttätern schützt und da sich die Hamas die Entschädigung/den Ausgleich der Nakba nach ihren Vorstellungen auf die Fahnen geschrieben hat, wäre es sowieso ein Bettlerleben. Aber wieso sollten arabischstämmige Israelis sich vor Hamas fürchten? (Respektive "Warum stärker als Einwohner Gazas?" Das man sich vor einer korrupten, menschenfeindlichen Organisation auch dann in acht nehmen sollte, wenn man nicht zum Hauptfeindbild gehört, stimmt natürlich. Aber das ist noch keine Todesdrohung.)
Kurze Anmerkung, da das Zitat mit den Tieren überall die Runde macht. Die korrekte Übersetzung ist wohl nicht "Tiere" sondern "Bestien" - und damit wäre das Wort den Taten angemessen gewählt...
Über die Übersetzung mag man streiten, aber das Wort ist seit dem Tag der Hamas-Angriffe vielfach gefallen, selbst von höchster Stelle auf die gesamte Hamas (inkl. ziviler Mitarbeiter) bezogen und von höherrangigen Politikern und Militärs teils für die Bevölkerung ganz Gazas. Und egal ob man es mit "Bestie" oder mit "Tier" übersetzt, es bleibt bei:
"Lebewesen, dem ich sämtliche Menschenrechte abspreche"