Die drei "verschiedenen" Definitionen.
Gemeinsamkeiten aller Definitionen:
1. werden als andersartig, nicht klassisch deutsch (-> Bild der Mehrheitsbevölkerung) wahrgenommen
2. Meint Opfer von Rassismus und Machtverhältnissen in der Gesellschaft
Unterschiede: Meine Ungenauigkeit, als ich zum dritten Mal meinte, die Definition irgendwie verständlich umschreiben zu müssen. Wenn ich es richtig verstehe, geht es also um konkrete Rassismuserfahrungen, nicht um potentielle. Mein Fehler.
Den Begriff "coloured" hatte ich aus einer Definition übernommen, die ich woanders gelesen hatte. Dieser eignet sich aber wohl tatsächlich eher für den us-amerikanischen Diskurs und weniger für den deutschen...
@ruyven_macaran hab ich da irgendwas übersehen, deiner Meinung nach?
Das musst du wissen, was du mit dem Wort meinen willst

. Rein formell wird es in der Praxis natürlich unterschiedliche Auffassungen geben, was "klassisch deutsch"/"Bild der Mehrheitsbevölkerung" ist. Da werden die versammelten Feuilletonleser sicherlich eine andere Aufassung von der vorherrschenden Meindung in "ihrem" Deutschland haben, als "Wir sind das Volk"-AfDler. Aber das hat man natürlich immer, dass sich ein Begriff auf anderen Abstützt und außerhalb der Naturwissenschaften wird das immer leicht instabil, für die Verwendung hier im Forum sollte es reichen. Gegenüber einer breiten Öffentlichkeit (z.B. "es muss mehr für PoC getan werden") ist der Begriff aber meiner Meinung nach so ebensowenig geeignet, wie für Vorwürfe gegenüber Einzelpersonen, da man eigentlich immer erst vorher deren Wissensstand über Diskriminierungen bestimmter Bevölkerungsgruppen erfragen müsste, ehe man sich seien kann, dass der Gegenüber dieses als "Person of Colour" wahrnimmt.
Was mir ganz allgemein noch nicht klar ist: In welchem Kontext bringt einem der Begriff "Person of Colour" gegenüber zum Beispiel "Rassismusopfer" weiter? Jedes Rassismusopfer erfüllt Punkt 2. der Definition und da es Rassismus nur gegen Leute gibt, die als "anders" wahrgenommen werden, auch Punkt 1. Soweit ich es verstehe, ist also jedes "Rassismusopfer" auch eine "Person of Colour" und jede "Person of Colour" ist auch ein "Rassismusopfer", solange alle in der Diskussion angesprochenen Personen einigermaßen gut informiert sind. Einen Unterschied zwischen beiden Begriffen ergibt sich erst, wenn jemand ein Diskriminierungsopfer nicht als solches erkennt, weil er um die Diskriminierung nicht weiß. Dann ist es immer noch objektiv ein "Diskriminierungsopfer", aber aus seiner Sicht ist es mangels Wahrnehmung keine "Person of Colour". Das ist aber wirklich ein sehr spitzfindiger Unterschied und in einer objektiven Diskussion über Rassismus und Gesellschaft sollte es im Zweifelsfall immer um "Rassismusopfer" gehen. Mit davon abgegrenzten "Persons of Colour", also Wahrnehmungsaspekten, sollte man sich nur auseinandersetzen, wenn man eine psychologische Diskussion über das Weltbild einzelner, vor allem das von unbewusst rassistisch Handelnden führt.
Was übrigens alle bislang hier genutzten Definition gemeinsam habe: Als Ersatzwort für N3g3r ist PoC gemäß dieser Definition absolut ungeeignet. Die Schnittmenge zwischen beiden Begriffen ist sogar ziemlich klein.
Auch wenn ich denke, dass Ja--sin und ich mehr oder weniger das gleiche meinten, hast du insofern recht, als dass der Begriff als Selbstbezeichnung von allen möglichen Menschen, Wissenschaftlern und Aktivisten zum Teil sehr unterschiedlich benutzt wird. Hat vielleicht auch etwas mit der tendenziell sehr verkürzten Art der Kommunikation auf Twitter & Co. zu tun.
Das wird im akademischen Bereich wahrscheinlich nochmal anders behandelt.
Möglich. Für kontroverse Diskussionen reicht es jedenfalls nicht, "mehr oder minder" das Gleiche zu meinen (ihr habt ganz sicher große Überlappungen), da geht es um oft exakte Grenzen. Schließlich ist es normalerweise der erste Schritt einer Kontoverse, Gemeinsamkeiten und Differenzen auszuloten: Wo bin ich mir dem Gegenüber schon einer Meinung und wo Widersprechen wir uns. In Schritt 2 differenziert man dann aus, wieso man verschiedener Meinung ist. Aber Schritt 1 ist ja schon vollkommen unmöglich, wenn man wegen sprachlicher Ungeauigkeiten nur eine grobe Ahnung hat, was die Meinung des Gegenübers eigentlich besagt. Das ist beinahe eine noch schlimmere Sprachbarriere wie zwischen einem Muttersprachler und jemandem mit mäßigen Fremdsprachenkenntnissen. Bei so einer Paarung ist wenigstens beiden klar, wenn etwas nicht verstanden ist. Aber wenn ein Wort von verschiedenen Leuten deutlich unterschiedlich gebraucht wird, bleiben große Verständissprobleme und gar Missverständniss leicht unbemerkt. Außerhalb dieses Forums sind mir zum Beispiel Verwendungen von PoC geläufig, die alle Personen nicht kaukasischer Herkunft umfassen, auch die die in ihren Heimatländern leben und deswegen keinerlei Diskriminierung ausgesetzt sind. Gleiches Wort, ganz anderer Inhalt.
Außerdem war das was ich sagen wollte das folgende: Es gibt rassistische Strukturen in der deutschen Gesellschaft, diese werden dadurch nicht weniger existent, dass es auch nicht-rassistische Menschen gibt. Wenn du dich also als nicht-rassistisch wahrnimmst, ist das erstmal gut, ist doch aber für die Debatte über rassistische Strukturen in Deutschland nicht relevant?! Wenn dem so wäre, gäbe es die Diskussion nicht, denn die meisten Menschen halten sich nicht für rassistisch, unabhängig davon, ob sie nicht trotzdem (evtl unbewusst) rassistisch handeln.
Objektiv hast du recht, aber für Debatte macht es einen großen Unterschied: Oft diskutiert man ja eher darüber, ob es eine Form von Diskriminierung überhaupt gibt, ob sie rassistisch ist, etc.. Für einen allwissenden Beobachter wäre Rassismus zwar ein Fakt, aber für alle anderen ist er oft eine Wahrnehmungsfrage. Erst wenn sich alle Diskussionsteilnehmer einig wären, wer wann wie wo vom wem rassistisch diskriminiert wurde, erst dann hätten die Diskussionsteilnehmer einen Konsens, wer alles "People of Colour" ist. Aber das wäre doch das im Prinzip das Ende der Diskussion und die Frage ist, wie man sich auf dem Weg dahin ausdrückt? Nur ein knallharter Nazi würde sich hinstellen und sagen "Jo, der wird voll diskriminiert. Geil." Mit dem braucht dann aber auch nicht mehr diskutieren.
Hier zum Beispiel ging es darum, ob jemand, sagen wir ein Khoisan [in Deutschland] diskriminiert wird, wenn jemand das Wort "N3g3rschwanz" allgemein (nicht in Bezug auf ihn) in den Mund nimmt und ob man deswegen dieses Wort allgemein bannen sollte, damit niemand diskriminiert wird. Für jemanden, der abstreitet, dass der Gebrauch dieses Wortes eine diskriminierende Wirkung hat, liegt keine Diskriminierung vor und der Khoisan wäre aus seiner Sicht KEINE Person of colour, da er eben nicht diskriminiert wird. Wenn jetzt die Gegenseite folgende Äußerung macht "Natürlich ist das Diskriminierung, du alter weißer Mann hast einfach keine Ahnung um die Lebensumstände von Person of Colour", dann ist das ein Oxymoron, dass garantiert in den falschen Hals wandert:
- Der Gegenüber nimmt an, dass es bislang gar nicht um Person of Colour geht, also ist die Replik für ihn ein Themenwechsel => Auf seine [arschgeilüberlegenen] Argumente zum Thema wird (vermeintlich) gar nicht eingegangen. Er fühlt sich ignoriert
- Das "neu" angesprochene Thema Person of Colour steltl umgekehrt aus seiner Sicht einen whataboutism dar. Die Gegenseite ignoriert ihn nicht nur, sie springt auch noch zu einem Thema, bei dem sie automatisch richtig liegt (er selbst ist ja auch der Meinung, dass diejenigen, die ER als PoC wahrnimmt, diskriminiert werden) und verwendet dieses nicht-Argument gegen ihn. Er fühlt sich verarscht.
- Gekoppelt wird dieser "Themenwechsel" mit dem Vorwurf, keine Ahnung zu haben. Dabei hat er (seiner Meinung nach) noch gar nichts zu PoC gesagt, die Gegenseite kann also gar nicht über sein Wissen oder Unwissen bescheid wissen, sondern spricht es ihm pauschal ab. Er fühlt sich beleidigt.
Ich denke, jeder kann sich vorstellen, wie so eine Diskussion weitergehen wird, wenn sich der gegenüber ignoriert, verarscht und beleidigt fühlt, weil ein Wort verwendet wurde, bei dem er unmöglich die Bedeutung hören konnte, die sein Gegenüber eigentlich zum Ausdruck bringen wollte. Und selbst wenn durch schieres Glück beide Seiten noch einmal zusammenfinden, ist die nächste Eskalationsstufe ja schon vorbereitet: Dadurch dass eine Seite auf die Bezeichnung des besprochenen Khoisan als "Person of Colour" besteht, verlangt sie im Prinzip dass dessen Diskriminierung als Fakt anerkannt wird, dabei war ja genau diese strittig. Damit kommuniziert man also gleichzeitig eine Dikussionsverweigerung und beansprucht auch noch die Deutungshoheit über etwas, was eigentlich noch zu beurteilen wäre. Ignoriert, verarscht beleidigt, nicht der Diskussion würdig befunden und dann auch noch das Recht abgestritten, überhaupt etwas selbst beurteilen zu dürfen/können - selbst wenn jemand sein Gegenüber vor der Diskussion nicht als überhebliches Arschloch empfunden hätte, dass als Denkpolizei auftritt und einem den Mund verbietet, wie das bei zwangsläufig zwischen "links" und "rechts" geführten Rassimsdiskussionen der Fall ist: Spätestens nach diesem Wortwechsel von nur 2-3 Aussagen wäre es der Fall.
Ich würde sagen, nichts. Ich spreche aber auch nur für mich selbst. PoC gilt ja als Selbstbezeichnung und auch wenn ich den Begriff eigentlich kaum benutze, obwohl ich es könnte, heißt das ja nicht, dass er nicht für andere vielleicht wichtiger ist, weswegen sie ihn benutzen.
Das mit der Selbstbezeichnung wurde hier schon mehrfach angesprochen, macht die Angelegenheit aber noch problematischer, oder? Wenn man nicht gerade offiziell ernannter Vertreter einer Gruppe von Menschen ist, kann man ja eigentlich nur für sich selbst sprechen. Dieses lyrisch ich durch "Persons of Colour" als eine Gruppe darzustellen, gibt dem gesagten eigentlich nur eine Nuance: Selbstüberhöhung. Das wirkt dann ähnlich, wie der AfDler, der einem erklärt, was "wir" in Deutschland so alles nicht haben wollen/dulden/was "wir" machen/als gut befinden/wie "wir" etwas handhaben/etc.. Wo man sich dann auch jedesmal fragt, ob dieses Arschloch, mit dem niemand der mehr als 3 Hirnzellen hat, eine gemeinsame Gruppe bilden will, die ganze zeit mit "wir" den plural majestatis benutzt oder ob er tatsächlich dem Wahn anhängt, für mehrere zu sprechen. Genau dieser Eindruck entsteht bei mir, wenn jemand, der spezifische Repressionserfahrungen aufweist, sich anmaßt eine Gruppe mit allenmöglichen "Persons of Colour" zu bilden, ohne diese jemals gefragt zu haben. (Oder auch nur ein objektiver Beurteiler seiner eigenen Erfahrungen zu sein. Wenn z.B. einer beim Bewergungsgespräch den klassischen Gangsta-Chauvi gegenüber der Sekretärin hat raushängen lassen und den Job nicht bekommt, wird er sich vermutlich auch als diskriminierte "Person of Colour" fühlen. Dabei ist er eigentlich Sexist und gehört garantiert nicht zur gleichen Gruppe wie eine Frau, die wegen ihrem türkischen Nachnamen erst gar nicht zum Gespräch eingeladen wurde.)
Man sollte hier zwischen den Twitter-Aktivisten und der wissenschaftlichen Forschung unterscheiden. Während erstere gerne einfach Trends aus den USA übernehmen, arbeiten letztere ja konkret am europäischen/deutschen Kontext. Auch hier existieren rassistische Strukturen, es sind nur andere (und in einem anderen Ausmaß) als in den USA.
Existieren und sollte man. Leider wird es verdammt unübersichtlich, jedesmal zu überprüfen ob jemand tatsächlich aus dem hiesigen Kontext spricht oder etwas zu Unrecht übernommen hat. Im Prinzip muss man da jedesmal den vollen Rechercheaufwand selbst bringen - oder man ignoriert Leute gleich ganz, wenn sie mit außerhalb des US-Kontextes nur schlecht anwendbaren Begriffen um sich schmeißen, in der Annahme, dass ihr Inhalt genauso unbrauchbar ist.
Ja, das ist wohl ein generelles Problem der Wissenschaftskommunikation.
Mir ist es bislang nur im Kontext mit Geisteswissenschaften begegnet. Wenn Juristen Fachsprache auspacken, scheitert man (nach 5 Minuten

) daran, die Grammatik des ersten Satzes im Kopf zu sortieren. Wenn Wirtschaftswissenschaftler loslegen, kriegt man meistens das Kotzen vor soviel Menschenverachtung, versteht aber ebenfalls jedes Wort. Bei Mediziner und Chemikern kriegt man die langen Ketten kurioser Silben nicht schnell genug verdaut, bei Physikern wäre man schon froh, wenn sie Silben statt Rechenzeichen benutzen würden und bei Geowissenschaftlern und Biologen fehlen einem schlicht die Grundlagen, um die für sich sehr sinnvoll und verständlich klingenden Sätze richtig einordnen zu können. Aber immer sortieren sich die Fachbegriff entweder in "Jo, verstanden" oder "Häh? Das Wort habe ich noch nie gehört. Bitte erklären." Nur bei Geisteswissenschaftlern steht man da und denkt, man hätte etwas verstanden, weil das Fachschinesisch wie normale Sprache klang, dabei hat man vor allem missverstanden.
Und ebenfalls Geisteswissenschaften-exklusiv scheint mir zu sein, dass einem das nicht nur als Laien so geht. Wenn man einem Soziologen einen Textauszug von einem Soziologen unter die Nase hält, mit Bitte um Erklärung, will der entweder drei Tage den Kontext recherchieren, oder sagt einem was SEINER Meinung nach die Aussage müsste, liefert aber (wenn er ehrlich ist) auch gleich noch drei alternative Lesarten mit. Vielleicht ist Geschichte deswegen so ein beliebtes Nebenfach für Geisteswissenschaftler, weil die auch im Hauptfach archäoglische Quellenanalyse betreiben müssen, um die aktuellen Veröffentlichungen ihrer eigenen Zunft zu verstehen

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