Irgendwie wird bei dem Konter „Bei Apple/Google hast du auch ein Zwangskonto und beschwerst dich nicht!“ immer durcheinandergeworfen, wo diese Kontozwänge greifen. Sowohl bei macOS als auch bei Android betrifft der Kontozwang nur gewisse Dienste sowie den Zugriff auf den offiziellen Appstore, bei der Einrichtung des Betriebssystems lässt sich das Anlegen einer Apple ID bzw. eines Google-Accounts oder, falls schon vorhanden, der Login überspringen. Das gilt auch für ein Stock-Android. Was bei Letzterem halt nicht geht, ist, die Google-Play-Dienste komplett abzustellen oder zu beschränken – hier setzen Custom-ROMs wie GrapheneOS an, um eine nach eigenen Wünschen so weit wie möglich Google-freie Nutzung zu ermöglichen.
Die Zwänge zur Apple ID auf macOS und zum Google-Account auf Android entsprechen hinsichtlich der Ebene, wo die Schranke ist, eher dem De-Facto-Zwang zu Steam auf dem PC. Sie sind weitreichender, weil es bei ihnen nicht nur um Computerspiele geht, sondern auch um Apps, auf die man nicht so leicht verzichten kann (welche offizielle Banking-App ist auch außerhalb des Apple bzw. Play Stores verfügbar?); aber die Betriebssysteme und somit die Geräte selbst lassen sich sehr wohl auch ohne Anbieterkonto nutzen – bis zu einem gewissen Grad halt.
Mit Windows 11 behält Microsoft die Hose nicht mehr so lange oben, sondern lässt den User schon beim Setup auf die Knie gehen. Ohne Microsoft-Account kein Zugriff aufs Betriebssystem, was für alle Nicht-Nerds bedeutet, dass sie das System, das sie gekauft und bezahlt haben, nicht nutzen können.
Dass der gleiche große Aufschrei bei Smartphones ausbleibt, hat eher damit zu tun, dass Smartphones generell viele Userfreiheiten außer Kraft gesetzt haben, die bei einem PC immer eine Selbstverständlichkeit waren und größtenteils nach wie vor sind: Wer einen PC kauft, kann darauf ein Betriebssystem seiner Wahl installieren, er ist Admin auf diesem System, kann jedes Anwenderprogramm seiner Wahl installieren oder deinstallieren und wird nicht gezwungen, sich beim Anbieter des Betriebssystems online zu registrieren, um damit sinnvoll arbeiten zu können – alles Freiheiten, die man auf den meisten Smartphones nicht hat. Nicht die Aufregung um Microsofts Faxen ist das Problem, sondern dass derlei Einschränkungen bei Smartphones so stillschweigend hingenommen werden. Der PC verkörpert, wie es sein
sollte, wenn man einen Computer gekauft und bezahlt hat. Dass wir uns das bei Smartphones haben wegnehmen lassen, ist kein Grund, es beim PC jetzt auch noch zu tun, im Gegenteil.
Was außerdem viele vergessen ist, dass Windows 11 ja quasi kostenlos angeboten wird. Wer hier hat denn wirklich für Windows 11 bezahlt? Das Geld muss halt irgendwie wieder rein geholt werden, sei es durch Werbung im Startmenü oder durch Querfinanzierung mit dem Verkauf der Cloud-Dienste.
Mal davon abgesehen, dass ich die Anschaffung neuer Hardware aufgrund willkürlicher Ausschlüsse seitens Microsoftn nicht wirklich als „kostenlos“ bezeichnen würde: Nichts hielte Microsoft davon ab, einem Windows 11 ganz normal für 100 (Home) bzw. 200 (Pro) Euro zu verkaufen. Das Problem ist, dass man als Kundschaft bei einem solchen Preis gewisse Erwartungen hat. Der einfache, allenfalls mäßig IT-affine Kunde erwartet dafür ein stabiles System, das ihm möglichst wenig Steine in den Weg legt, nicht ständig auf die Nerven geht, und mit Neuerungen daherkommt, die vorteilhaft genug sind, dass sie einen Wechsel vom gut abgehangenen Vorgänger rechtfertigen, am besten ohne dass er auf dem neuen System hinsichtlich Einstellungen erst mal fröhliche Ostern feiert. Vorherige neue Windows-Versionen haben diese Voraussetzungen nicht ideal, aber mehr oder weniger gut erfüllt. Windows 11 macht von alledem das genaue Gegenteil.
IT-affinere oder verbraucherschutzbewusstere Leute haben noch höhere Ansprüche: Die erwarten von einem Betriebssystem, das einen dreistelligen Eurobetrag kostet, dass es einen nicht bevormundet, einen nicht in die Cloud zwingt, überhaupt ausschließlich als Betriebssystem fungiert und nicht als aufgedrängtes All-in-One-Paket, sicher gegen Angriffe ist – am besten schon bei Auslieferung – und die eigenen Daten nicht nach Hause telefoniert, damit der Hersteller diese auch noch zu Geld machen kann. Und da sich Letzteres nicht abstellen lässt, fragen sich viele Leute zu Recht, warum sie dann 100 bzw. 200 Euro für das Betriebssystem ausgeben sollten – Microsoft verdient an einem so oder so. Ja, es mag sich zum großen Schaden der Menschheit im Internet etabliert haben, dass man bei gratis nutzbaren Diensten mit seinen Daten und ggf. seiner Zeit (für Werbung) bezahlt, und auch im Alltag weitreichend so praktiziert werden. Windows ist aber kein kostenloses Produkt und wird auch nicht offiziell als solches vermarktet. Microsoft will einen dreistelligen Eurobetrag pro Gerät kassieren und dann noch die Einkünfte aus dem Handel mit Userdaten oben drauf.
Dass Microsoft trotzdem nach wie vor den kostenlosen Umstieg ermöglicht und auch nichts gegen die zahlreichen unerlaubt veräußerten und missbräuchlich eingesetzten OEM-Keys unternimmt, obwohl diese ja streng genommen das Geschäft mit richtigen Retail-Lizenzen untergraben, hat also im Wesentlichen zwei Gründe:
- Microsoft weiß, dass Windows 11 ein Produkt ist, das dem Kunden nur Nachteile und keine Vorteile bringt und dass er dafür freiwillig kein Geld bezahlen würde, solange das alte System noch läuft. Damit das Support-Ende von Letzterem aber nicht ganz so nach Schutzgelderpressung aussieht, bietet man halt das Upgrade „kostenlos“ an. Dass man trotzdem viele Leute nur mit dem nahenden Support-Ende für Windows 10 zu einem Wechsel auf Windows 11 bringen kann, belegt aber, dass Windows 11 aus Anwendersicht selbst geschenkt noch zu teuer ist – es ist ja auch ein Geschenk, das immer weiter nimmt.
- Der Datenhandel und das Potential, was nun dank neuartiger „KI“-Tools à Copilot und Recall noch drin steckt, ist viel zu lukrativ, um darauf zu verzichten. Also wird alles daran gesetzt, die User in die „richtige“ Richtung zu lenken, mit einer Mischung aus Zuckerbrot (Gratis-Upgrade, „KI“-Spielereien) und Peitsche (TPM- und Microsoft-Kontozwang, aufwendige Deaktivierung von „KI“-, Cloud- und Telemetrie-Bullshit). Und wenn User sich für nur 10 oder 20 Euro einen OEM-Key kaufen und diesen nutzen, dann ist das halt so, die bringen langfristig immer noch mehr, als wenn man sie konsequent sperrte und die 100 bzw. 200 Euro einforderte, mit dem Risiko, mehr Kunden zu verlieren, die dadurch auf den Trichter kommen könnten, dass Linux alles, was sie machen wollen – E-Mail, Internet, Office – genauso gut kann.
Schon mal versucht windows zu installieren und das Setup kann keine Internetverbindung herstellen weil es keine 08/15-Treiber für den LAN-Controller hat...? Großer Spaß.
Lustig, genau diesen Fall hatte ich vor Kurzem: Hab einem Kumpel, der auch in die Kategorie „leidenschaftlicher Zocker, aber null Ahnung von Computern“ fällt (die Sorte, der man erklären muss, dass der Monitor
unten an der Grafikkarte angeschlossen werden muss und nicht
oben am Mainboard), vor ein paar Wochen einen Rechner zusammengeschraubt, und da er 400 km entfernt wohnt, musste dieser Rechner so wartungsfrei wie nur möglich ausfallen, d. h. bloß keine Dinge, die sich in absehbarer Zeit als für den Besitzer unüberwindbare Hürden erweisen könnten, und da kam natürlich nur eine Windows-11-Installation in Frage. Der Installer, obwohl am Tag vorher erstellt, hatte aber praktisch keine Hardwaretreiber für das verbaute B650-Board inkludiert. Netzwerk (Kabel wie Antenne), Audio... – nichts ging von Haus aus, ich musste alle Treiber mit meinem Laptop runterladen und dann nach der Installation von Windows 11 händisch installieren. Selbst wenn ich gewollt
hätte, hätte ich den Rechner beim Setup von Windows 11 nicht mit dem Internet verbinden können. Ich hatte das Kabel natürlich nicht gesteckt und gleich das gute alte BypassNRO ausgelöst. Aber hätte Microsoft diese Lücke schon geschlossen, hätte ich da genauso festgesessen, selbst mit angestecktem Netzwerkkabel.
Ja, ich habe auf einem Smartphone schon mal Lineage installiert. Danach hing ich bei einem Neustart immer im Bootmenü fest und konnte es nur mit den Google Tools über einen Rechner booten.
Das ist zwar schon einige Jahre her, aber wirklich einfach ist es nicht.
Vielleicht probiere ich es nochmal, wenn der Support meines Handys ausläuft.
Nachdem ich selbst schon seit einiger Zeit
sehr gut mit GrapheneOS fahre, habe ich einer Angehörigen ihr Gerät nun auch darauf umgerüstet und bei der Gelegenheit den Web-Installer ausprobiert – und der macht die Installation wirklich so einfach und idiotensicher, wie immer behauptet wird, sodass man keine Angst mehr zu haben braucht, sich mit Vertippern in der Kommandozeile oder einem falschen Image irgendwas zu zerschießen. Wenn du dir kein Pixel kaufen willst:
CalyxOS hat so einen Web-Installer mittlerweile auch.
Update: /e/OS ebenfalls.