Du liest nicht richtig. Es ist schon seit vielen Jahren so. Mag sein, dass dir das bis zum NetzDG nicht auffiel, oder es dir auch egal war. Ist mir eigentlich auch egal. Der Hintergrund ist der, dass du als Plattformbetreiber dafür verantwortlich bist, was die Leute auf deiner Plattform treiben. Vor dem NetzDG haben sich die großen Techfirmen damit rausgeredet, dass sie ja nur die Plattform stellen. Das geht nun nicht mehr. Wie die Plattformbetreiber es anstellen eine rechtliche Beurteilung hinzubekommen ist mir dabei auch egal. Es ist deren Aufgabe! Und wenn sie der nicht nachkommen, wird jemand eine Anzeige machen, es kommt ggf zu einer Anklage UND DANN befindet ein Richter nach den geltenden Gesetzen wie damit umzugehen ist. Wenn sich nun die Plattformbetreiber auf einfachem Wege aus der Affaire ziehen, in dem sie per se erstmal alles Strittige löschen, dann solltest du die Betreiber dafür verantwortlich machen und nicht den Gesetzgeber.
Nochmals, das ist nicht die Kritik am Gesetz. Den Techfirmen wird durch dieses Gesetz eine unmöglich einzuhaltende Frist unter Androhung einer Millionenstrafe vorgesetzt, in derer sie rechtswidrige Inhalte löschen müssen.
Was ist also die Folge? Genau das, was die zahlreichen Kritiker dieses Gesetzes vorhergesagt haben. Techfirmen werden eher den großen Löschhammer auspacken und auf Verdacht zu viel löschen. Und zwar zum großen Teil Sachen, die gar nicht strafbar
wären.
Und genau das ist der Knackpunkt und genau deshalb habe ich auch auf die Richter verwiesen.
Ein Richter studiert mehrere Semester Jura, um solche Sache zu lernen und eine Techfirma soll bei mehrere hunderttausende, gar Millionen Beiträge pro Tag, innerhalb von 24 Stunden entscheiden, was rechtswidrig ist und was nicht? In welcher Realität ist sowas machbar?
Nehmen wir doch mal einen konkreten Fall.
Björn Höckes Rede über das Gedenken zum Holocaust.
Wegen seiner umstrittenen Holocaust-Rede war Björn Höcke heftig kritisiert worden. Vor Gericht muss er sich der Thüringer AfD-Chef jedoch nicht verantworten.
www.spiegel.de
Laut Staatsanwaltschaft durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Das kann man so sehen, wie die Staatsanwaltschaft, das kann man aber auch anders sehen.
Die Staatsanwaltschaft hat fast 3 Wochen gebraucht, dass zu prüfen. Jetzt stellen wir uns mal vor, Herr Höcke hat das nicht öffentlich gesagt, sondern auf den sozialen Medien geschrieben.
Und jetzt soll eine Techfirma innerhalb von 24 Stunden unter Geldstrafandrohung in Millionenhöhe entscheiden, wozu die Staatsanwaltschaft sich fast 3 Wochen Zeit lässt?
Und genau, das ist das Problem. Der Staat drückt sich vor seinen Aufgaben. Ob etwas strafbare Volksverhetzung oder erlaubte Meinungsäußerung ist, hat ein ordentliches Gericht (oder im Vorwege die Staatsanwaltschaft) zu prüfen, innerhalb einer angemessenen Zeit und keine Techfirma im Schnellverfahren.
Wir lagern doch auch nicht die Überwachung der Einhaltung anderer Gesetze an private Firmen aus. Das ist nunmal primäre Aufgabe des Staates.
Fakt ist: Wenn es zu deinem Geschäftsmodell gehört, dass rechtlich nicht statthafter Content auf deiner Plattform erzeugt und verbreitet wird, dann musst du damit leben, dass man dir das auch zum Vorwurf macht und entsprechend bestraft, sofern du keine Maßnahmen ergreifst derlei Content zu unterbinden. Da zählt auch nicht "Meinungsfreiheit", die es auf kommerziellen Plattformen ohnehin nicht gibt und auch nicht im Sinne unser Gesetze durch die Löschung betroffen ist.
Der Knackpunkt ist doch die Prüfung. Welcher seriöse Rechtsstaat prüft innerhalb von 24 Stunden hunderttausende, bis Millionen Aussagen auf ihre Strafbarkeit hin?
Richtig, gar keiner. Aber die Techfirmen sollen schaffen, was der Rechtsstaat nicht schafft? Ernsthaft?
Der Vergleich mit der Hausordnung hinkt tatsächlich ein wenig. Wenn, sollte man das eher damit vergleichen, dass einem Vermieter zur Kenntnis gebracht wird, dass das Mietobjekt für strafbare Handlungen genutzt wird, denen er durch (mindestens) Duldung Vorschub leistet.
Aber es obliegt nicht der Prüfung des Vermieters, ob die Handlungen strafbar sind, oder?
Das macht dann doch immer noch der Staat.