Eine Sache, welche von all jenen, die sich gerade massiv auf Collective Shout einschießen, nur die wenigsten auf dem Schirm haben dürften:
Die Person, welche letztendlich die höchste Entscheidungsgewalt über Zahlungsanbieter wie Mastercard, VISA oder Paypal hat, ist der Direktor des US-amerikanischen Consumer Financial Protection Bureau. Unter der jetzigen Administration ist das
Russell Vought, seines Zeichens ein „christlicher“ Nationalist sowie einer der Co-Autoren des Project 2025, der zuvor schon
öffentlich geäußert hat,
pornografische Inhalte, gewaltvolle Videospiele und andere „
für Kinder schädliche Inhalte“ aus dem Internet verbannen zu wollen. Bei aller berechtigten Kritik am ebenfalls „christlich“-nationalistischen, erzpuritanischen Collective Shout: Die Zahlungsanbieter hätten sich da niemals gerührt, wenn ihnen von „oben“ Rückendeckung sicher gewesen wäre; zumal auch Collective Shout von denselben US-Thinktanks finanziert wird, welche uns die Trump-Regierung eingebrockt haben. Collective Shout hat sich hier lediglich sehr bereitwillig in die Position des Sündenbocks manövriert, auf den auch prompt alle anspringen.
Das gehört auch deshalb an die große Glocke gehängt, weil in der Gamer- und auch in der Weeb-Szene bekanntermaßen sehr viele Personen und vor allem Influencer „anti-woke“ Positionen vertreten, deshalb offen mit Trump, Musk & Co. sympathisieren und im Falle von Amerikanern auch republikanisch gewählt haben, in der irrwitzigen Annahme, dass sie Teil von deren „In-Group“ seien, weil diese ja gegen dieselben Minderheiten hetzen, die sie selbst auch hassen. Dabei haben religiöse Fundamentalisten und Nationalisten Pornografie und fremde Kulturen (ein Begriff, der in der Szene gern auch als Euphemismus für Anime mit nicht so unproblematischen Frauenbildern bis hin zu Lolicon-Darstellungen gebraucht wird) schon immer aus weit abstruseren Gründen verabscheut und bekämpft als die ach so verhassten „linksgrün-woken SJWs“ und dabei im Gegensatz zu Letzteren auch immer deutlich lockerer auf die verfassungsmäßige Ordnung geschissen. Rechts zu wählen, wenn man gegen Zensur und für einen liberalen Umgang mit Pornografie ist, ergab noch nie Sinn. Trotzdem haben es nicht wenige zu angeblich genau diesem Zweck getan. Ich kann mir das nur so erklären:
a) Sie haben die Zensur- und Kontrollabsichten der Leute hinter Project 2025 ignoriert bzw. geleugnet, weil sie wollten, dass Trump die „richtige“ Wahl ist, denn das hätte für sie mit ihrem Weltbild vieles einfacher gemacht.
b) Sie gingen davon aus, es werde schon nur „die Anderen“ treffen.
c) Ihnen war klar, dass keine von beiden Parteien sich für ihre Freiheiten einsetzt und Zensur, Überwachung und Krieg gegen die Pornografie parteiübergreifend gewollt sind, nur aus unterschiedlichen Gründen. Aber unter Trump darf man wenigstens wieder Ausländer verkloppen, Schwule beschimpfen und hat den „Woken“ eins reingewürgt – Hurra!
Gleiche Sache, anderes Land: Der UK Online Safety Act ist zwar unter der Labour-Regierung in Kraft getreten und wurde von der Partei auch nicht verhindert oder wieder abgewickelt, was sie letztendlich als genauso autoritär entlarvt wie ihren politischen Hauptgegner; entwickelt und verabschiedet wurde er aber unter den Tories. Trotzdem wird letzterer Part mit keinem Wort erwähnt und sich umso genüsslicher auf Labour eingeschossen. Das passt schließlich ins eigene Weltbild.
Diejenigen, die derzeit auf YouTube und Co. am lautesten gegen diese Angriffe auf das freie und anonyme Internet Sturm laufen und auf die selbsternannten „Feministinnen“ schimpfen (ohne den „christlich“-nationalistischen Part zu erwähnen) oder das als „linke Agenda“ framen, tun alles, um ihre eigene Rolle in dieser Sache unter den Teppich zu kehren: Den Umstand, dass sie Republikaner gewählt oder ihre Follower dazu aufgerufen und damit genau dieser Politik grünes Licht gegeben haben. Sie können oder wollen nicht zugeben, dass sie in ihrem Krieg gegen „die Wokeness“ auf’s falsche Pferd gesetzt haben und ihnen das jetzt in den Arsch beißt. Umso praktischer, dass es da eine „feministische“ Gruppe gibt, an der man seine selbstverschuldete kognitive Dissonanz abarbeiten kann. Und dass das alles gerade zu einem Zeitpunkt so hochkocht, da sich die Epstein-Schlinge um den Hals des 47. immer enger zieht, ist bestimmt auch nur reiner Zufall.
Insofern: Lasst euch da mal nicht verarschen. Was wir gerade erleben, ist die Umsetzung von Project 2025. Geliefert wie bestellt. Es ist sinnlos, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was passiert, wenn die puritanischen Zensur- und Überwachungsfanatiker an die Macht kommen, denn sie sind bereits an der Macht – übrigens auch in Deutschland, denn die Union träumt genauso von
Palantir,
Ausweiskontrollen im Netz und
„präventiver Überwachung, auch wenn noch kein Tatverdacht begründet ist“ (was andeutet, dass die Sperrminorität gegen die Chatkontrolle bald fallen dürfte). Und wieder werden die Kinder und sexuelle Inhalte vorgeschoben – denn wer will schon zulassen, dass Kinder auf Pornos zugreifen können oder Pädokriminelle nicht erwischt werden? Und ist die Infrastruktur erst einmal installiert, lässt sie sich auch gleich noch für andere Zwecke einsetzen. Auch auf Steam wird die Zensur nicht bei Hentai-Spielchen bleiben. Und diejenigen, die meinen, dass das alles gerade nicht weiter schlimm sei, da sie die betroffenen Spiele ja sowieso nicht zocken oder sogar abstoßend finden (und sie in Deutschland eh schon seit Jahren aus dem Store gefiltert werden), sollten nochmal
Herrn Niemöller konsultieren.
Etwas lustig ist zudem, wie die Amerikaner sich darüber aufregen, dass sie ja von den Machenschaften einer
australischen Organisation in Mitleidenschaft gezogen werden. Ich als einer der Abermillionen Europäer, die gleichermaßen seit Jahrzehnten mit in den USA „vorzensierten“ Lokalisierungen von Anime oder (Nintendo-)Spielen leben müssen, habe da irgendwie einen
Seinfeld-Moment.