Die Gesellschaft in Israel war schon davor gespalten. Da hat es schon Demos gegen Netanjahu & Co gegeben.
Nein.
Ja.
Es gibt seit Jahrzehnten Demos gegen Netanjahu & Co. Mit Ausnahme der Demos gegen die Justizreform, die sich nicht gegen seine allgemeine politische Position richteten (die haben die Wähler x-fach gut geheißen), sondern gegen seine mangelnde Rechtsstaatlichkeit, waren das aber kleine Veranstaltungen von Randgruppe. Die israelische Gesellschaft war eben nicht gespalten, sondern ein Kontinuum. Das schließt ein, dass Leute am äußeren Rand des Meinungsspektrums angepisst sind, aber es bedeutet auch, dass es eine stabile Mehrheit in der Mitte gibt.
Die löst sich seit 12 Monaten Stück für Stück auf. Heute gibt es unter den politische Aktiven quasi nur noch "knallhart dafür" und "knallhart dagegen". Das ist eine gespaltene Gesellschaft - und eine Situation, die massive innenpolitische Probleme für die israelische Zukunft mit sich bringt. Man sieht ja gerade bei unseren Landtagswahlen was passiert, wenn die Bevölkerung sich in zunehmend radikalere Lager spaltet (wobei in Israel eins so radikal wie nur möglich angefangen hat

) und die Mitte wegbricht.
Für die Hamas natürlich ein Traum, wenn sich nach Gaza, Westjordanland, Syrien und bald Libanon auch Israel selbst in die Liste der vorderasiatischen Failed States einreihen sollte. (Der Weg dahin ist natürlich noch weit, aber im Zuge des 7.10. wurde ein erster, sehr großer Schritt in diese Richtung unternommen.)
Ich würde insoweit widersprechen, als es außer dem "Einmarsch" und Terror verbreiten - keine weitergehenden Pläne gab. Die haben PR-Mäßig gerade einfach nur "Glück", dass das israelische Militär samt seiner Führung jegliche Verhältnismäßigkeit verloren hat.
Okay, mit "keinem weiteren Plan" hast du recht. Aber "Glück" würde ich den aktuellen Zustand, ungeachtet aller humanistischen Probleme, auch aus Sicht der Hamas nicht nennen, sondern eben Plan.
Eine vernünftige Regierung hätte natürlich mit Präzisionsschlägen nur einzelne Verantwortliche töten können. Oder einen vernünftige Regierung hätte den globalen Schock genutzt, um die Hamas auf diplomatischem Wege von jeglicher Unterstützung abzuschneiden. Oder eine vernünftige Regierung hätte endlich Verantwortung für die Menschen in den Regionen übernommen, über die und über deren Leben man de facto die Kontrolle beansprucht. Aber Netanjahu und, was den militärischen Teil betrifft, die IDF, haben in der Vergangenheit x-fach bewiesen, dass sie nicht über diese Art Vernunft verfügen. Damit gab es als Reaktion auf das Blutbad der Hamas nur noch zweieinhalb Möglichkeiten:
a) Netanjahu zeigt einen Funken Rückgrad, wiedersetzt sich der menschenverachtetenden Forderungen seiner Koalitionspartner und die israelische Regierung zerbricht in einem Moment, in dem sie eigentlich Kontrolle über die Lage beweisen musste. War sehr unwahrscheinlich, wäre aber ein Win für die Hamas gewesen.
b) Israel macht den Gazastreifen platt. Das Ergebnis ist, wie man sieht, ein Win für die Hamas (zu Lasten der Gazianer, aber das ist denen egal)
b') Israel beginnt den Gazastreifen platt zu machen, wird dann aber wegen nationaler oder internationaler Kritik gestoppt, was zu Szenario a) führt. Das wäre der ultimative Win für die Hamas gewesen.
Ich weiß nicht, welchen Ausgang die Hamas konkret als plausibel gesehen hat (die sehen die Welt offensichtlich anders als ich), aber sie konnten so oder so mit einem Erfolg planen. Alles, was diesen verhindern konnte, wären entweder die Sicherheitskräfte an der Grenze gewesen (die waren aber weit davon ab) oder ein Level von Vernunft, dass in Israel nicht an der Regierung ist. Daher: Nicht "Glück gehabt". Sondern eine perfide Zwickmühle geschaffen, in der absehbar war, dass Netanjahu der Hamas in die Hände spielen würde.
Und ich fürchte, bevor der Wähler in Israel merkt, wie katastrophal er sich gerade selber schädigt durch den Ansehensverlust im Rest der Welt - wird es zu spät sein.
Das ist eine ebenso häufig wiederkehrende Situation im Nahostkonflikt, die das Anstreben eines Völkermords auf beiden Seiten der Konfliktlinie. Wer Zusammenhänge zwischen beiden Aspekten sieht, ist schon einen Schritt weiter als Netanjahu & Co.
der angriff der hamas ging gegen israelische zivilisten ... die feiglinge haben nicht das israelische militär angegriffen!
Letztere Aussage ist schlichtweg falsch. Wie bereits x-fach beschrieben und eigentlich schon seit dem 7.10.23 aus sämtlichen Nachrichten bekannt sein sollte, hat die Hamas AUCH das israelische Militär angegriffen. Und wie ich schon mal dargelegt hatte, ist der Anteil der Militär und Sicherheitskräften (was aus Sicht von Palästinensern kein großer Unterschied ist, beide üben tödliche Gewalt im Namen Israels aus) zuzuordnenen Opfer unter denen des 7.10. sogar höher, als der Anteil von Hamaskämpfern unter den israelischen Opfern des Gazakriegs.
Das Israelische Militär gibt keine Informationen mehr zu Opfern, wenn Raketen in Israel einschlagen.
Das ist auch nicht nötig, da es innerhalb des israelischen Kernlandes noch eine freie Presse und NGOs gibt, die von sich aus über zivile Opfer berichten. Das ist schlicht kein Militärthema.
Da die Hamas und auch die Hisbollah aber immer noch mit Raketen angreifen und der Iron dome nicht alle abfangen kann, ist es müßig zu diskutieren, dass es keine Toten gibt.
Iron Dome ist verdammt gut und ein sehr großer Teil der Raketen, die nicht abgeschossen werden, soll schlicht gar nicht abgefangen werden. Die Zahl derjenigen, die tatsächlich "durch" kommen, anstatt dran vorbei zu fliegen (gerade die Hamas ist nicht einmal in der Lage, zuverlässig auf Großstädte zu zielen), fallen dann dank, dank der guten israelischen Frühwarnsysteme und der überall vorhandenen Bunker und Schutzräume (ja, die Gegener der Hamas bauen sowas noch viel systematischer in Zivilgebieten

) meist auf menschenleere Straßen. An der syrischen Grenze kommt noch hinzu dass die Hisbollah, zumindest immer dann wenn Tagesschau & Co überhaupt ein präziseres Ziel als "Nordisrael" angeben (was selten ist) auf israelische Militärstellungen zielen. Das heißt bei deren Zielgenauigkeit zwar auch nicht viel, aber reduziert die Zahl potentieller ziviler Opfer deutlich.
Tatsächlich würde mir außer dem Hisbollah Fehlgänger auf ein syrisches Dorf im Golan (das stand afaik NICHT unter Iron-Dome-Schutz) kein einziger tödlicher Raketenangriff einfallen. Es gab 3-4-5(-6?) Anschläge in Israel, wo israelische Hamas-Sympathisanten mit Schusswaffen oder Messern gemordet haben. Die Hamas jenseits der Grenze ist, dank der Sicherung derselben, eigentlich keine aktue Gefahr für die israelische Bevölkerung.
Ich konkretisiere, warum zerbombt die IDF nicht auch im Westjordanland vergleichbar mit dem Gaza streifen?
Ich höre bisher nicht von Raketen aus dem Westjordanland auf Israel. Könnte eventuell damit zu tun haben.
Könnte es. Wobei ich mich nicht festlegen würde, in welche Richtung die Kausalität ausgeprägter ist. Aber die Feststellung, dass die IDF dort mit anderen Methoden (und glücklicherweise deutlich weniger) tötet, ist halt doch schon eine ganz andere, als die vorherige Behauptung, sie wäre dort gar nicht aktiv.
Umgekehrt muss man aus Sicht palästinensischer Aggressoren respektive deren Propagandamöglichkeiten halt leider auch sagen: Trotz diverser Angriffe des israelischen Militärs ist das palästinenisch kontrollierte Territorium im Gaza-Streifen von 2006 bis 2023 nicht kleiner geworden (im Gegenteil). Das Westjordanland schrumpft dagegen jeden Tag.
Na das hat wenig an Vergangenheit hängen zu tun. Aber es müsste ja an den vorherigen Besitzer gehen wenn es für Territorium keinen Staat gibt dem es entrissen wurde. Siehe Golan oder auch den Sinai.
Bei der Rückgabe palästinensichen Eigentums geht es nicht um Staatlichkeit, sondern tatsächlich um Privatbesitz. Den müsste man theoretisch den ehemaligen Besitzern respektive dessen Erben zurückgeben. Nur sind letztere mittlerweile ziemlich zahlreich und an israelischem Eigentum würde nahezu nichts in der Region übrig bleiben, weswegen diese Maximalforderung ebenso wenig plausibel ist, wie die Vertreibung oder Auslöschung aller Palästinenser oder zumindest Gazianer, die Teile der israelischen Regierung befürworten.