Wurde es denn schon probiert oder macht man einfach Israel für alles verantwortlich? Wann hat Israel denn aktuell Hilfslieferungen verhindert?
Soweit ich weiß: Alle. Die Grenzen sind geschlossen, niemand kommt rein.
Richtig, um Waffenlieferungen zu unterbinden. Ist das ein Problem?
Ja. Diversen Medizinern zu Folge ist es ein Problem, wenn man Menschen von der Zufuhr von Nahrungsmitteln und Wasser abschneidet. Ein tödliches Problem. Für "Tiere", als der die Einwohner Gazas wiederholt von hochrangigen israelischen Politikern bezeichnet wurden, übrigens auch.
Nochmal. Mir ist durchaus bewusst, was Israel in den letzten Jahrzehnten angerichtet hat. Und bin alles andere als irgendwie versöhnt mit dem. Aber was da in den letzten Tagen abgeht, ist mit rein gar nichts zu rechtfertigen. Da kann man sich, wenn auch schweren Herzens, nur zu 100% auf die Seite Israels stellen.
Ich bin da in meinen Denken nicht so binär eingeschränkt. Wenn ich ein sehr großes und ein mittelgroßes Arschloch sehe, dann stehe ich auf der Seite von keinem von beiden. Und Leute, deren primäres bis einziges Motiv Rache/Vergeltung ist, stehen bei mir allgemein sehr weit unten im Sympathieranking.
Wenn es die Hamas z.B. geschafft hätte, die Knesset in die Luft zu sprengen, dann würde ich hier sitzen und zynisch sagen "Naja, das traf jetzt aber auch den einen oder anderen richtigen". Wenn aber Frauen und Kinder abgeschlachtet werden, gibt es rein gar nichts zu beschönigen. Und wer sich in solchen Fällen auf die Seite der Hamas stellt, bekommt von mir nichts als Verachtung.
Kein Problem damit. Und ich habe moralisch auch kein Problem, wenn Israel jetzt die Hamas ausschaltet. Aber wenn sie 2 Millionen Menschen bedrohen, von denen schätzungsweise wenigstens 1,8 Millionen nicht zum kämpfenden Arm der Hamas gehören, dann drängt sich moralische Kritik auf. Verlässliche/unabhängige Zahlen aus dem Gazastreifen gibt es nicht, aber halbwegs neutralen Schätzungen zu Folge dürften bis Ende der Woche mehr Unschuldige durch die IDF denn durch die Hamas gestorben sein. Ich verurteile letztere aufs schärfste, aber ich packe meine Maßstäbe nicht einfach ein und lächle freundlich, wenn ich erstere sehe.
Ein Land führt Krieg. Da ist es für den angegriffenen doch wohl legitim, Nachschubwege zu kappen, um die Versorgung der Soldaten zu verhindern. Und wenn man das eigene Volk nicht mehr versorgen kann, sollte man als mündiger Soldat erkennen, dass weiterkämpfen keinen Sinn hat.
Warum redest Du also nicht der Hamas ins Gewissen, diesen bescheuert Kreig zu beenden? Das sind die Verursacher.
Nein, die Kappung ziviler Nachschubwege ist nicht "legitim", sondern ein Kriegsverbrechen. Das gilt auch, wenn über diese Nachschubwege Nahrung für Soldaten fließt, denn auch die darf man nicht verhungern lassen.
Und von der Hamas gehen, soweit ich das nachverfolgen kann, mittlerweile keine Kampfhandlungen am Boden mehr aus und auch kaum noch was auf dem Luftweg. Dagegen war die Situation in der Ostukraine von 2015 bis 2021 ein heißer Krieg. Und die Israelis fordern auch nicht deren Einstellung. Die aktuelle israelische Position lautet "Hamasmitglieder sind Tiere" (so heute von Netanjahu geäußert. Der Verteidigungsminister soll gestern sogar schon sämtlichen Einwohnern des Gazastreifens die Menschenrechte abgesprochen haben. Vielleicht sollte Deutschland Viehtransporter für eine Evakuiierung schicken? Käme bestimmt gut an.) und sie "müssen vernichtet werden". Zivile Opfer werden dabei in beliebig hohem Umfange akzeptiert.
Ich kann den Grundgedanken dahinter nachvollziehen, denn Verhandlungen mit der Hamas waren auch bislang sinnlos, dass die aktuell kaum Kämpfen liegt nicht am guten Willen, sondern daran, dass sie ihr Pulver verschossen haben (mutmaßlich auf viele Jahre hinaus) und dass die Geiseln freigelassen werden, glaubt sowieso niemand. Aber Fakt ist, dass es für die Hamas derzeit gar keinen Weg gibt, das akute Töten zu beenden, selbst wenn sie das wollte, außer vielleicht kollektiven Selbstmord aller ihrer Mitglieder.
Die Israelis haben dagegen aktuell die Lage wieder im Griff und damit sind sie die einzige mögliche Adresse für (Nicht-)Handlungsaufforderungen.
Wenn man wenigstens die Zivilisten flüchten lassen würde.
Es gibt keine Möglichkeit, selektiv Zivilisten fliehen zu lassen. Die Hamas tritt, außer zu Propagandaveranstaltungen, nicht mit Uniform und Abzeichen auf. Der Übergang zwischen terroristischem Arm der Hamas, ziviler Verwaltung der Hamas und nicht-Hamas-Zivilsten ist absolut fließend. Die Spreu vom Weizen zu trennen würde Jahrzehnte dauern, das geht nicht auf einer Flucht. Letztere würde einfach nur die Grenze verschieben: Israel hätte wieder ein Stück Palästina mehr erobert und alle seine Einwohner vertrieben. (Wohin auch immer. Ägypten will die jedenfalls nicht, sondern macht genau deswegen jedesmal die Grenze zu, wenn was hochkocht)
Und die Flüchtlinge auf der anderen Seite wären noch wütender, noch gewaltbereiter und in naher bis fener Zukunft genauso wenig zurückhaltend mit neuen Attacken, wie die von Israel in den Libanon vertriebenen Palästinenser, die dort seit Jahrzehnten genauso eingepfercht in Lagern hocken. Abgesehen von dem Landgewinn, der ein Angriff bringen würde, kann Israel also genauso gut entlang der bisherigen Grenze oder entlang der von der UN irgendwann mal festgelegten eine noch dickere und höhere Mauer hochziehen, das ändert am Grundproblem nichts: Du bekommst einen Gegner, der sich aus den verzweifelsten und wütendsten eines anderen Volks rekrutiert nicht klein, in dem du auf das ganze Volk drauf haust. Das hat in Irland nicht funktioniert, das funktioniert in Kolumbien nicht, wird in Palästine nicht funktionieren.
Wieso schaut die Welt eigentlich weg und keiner traut sich Israel zu kritisieren.
Selbst die wir-lieben-Isreal-USA und bloß-nichts-gegen-Juden-sagen haben Israel öffentlich aufgefordert, Verhältnismäßigkeit zu wahren und kein Blutbad anzurichten, die UN sowieso. Die Reaktionen aus Teilen der arabischen Welt sind sogar so einseitig, dass man sich fragen muss, ob die überhaupt mitbekommen haben, was die Hamas gemacht wird. Also ne - "keine" Kritik ist definitiv der falsche Ausdruck.
Was man aber auch klar sagen muss: Israel ist nur auf dem besten Weg dahin, der Mörder von mehr Zivilisten binnen sieben Tagen zu werden, aber noch sind sie es nicht. Und rein israelischen Zahlen zu Folge sehr lange noch nicht und auf dem diplomatischen Parkett gibt es derzeit nur die Zahlen des Freundes/Partners/... Israel und Behauptungen einer Terrororganisation, die sowieso regelmäßig lügt. Damit liegt der Kritikfokus in knappen, öffentlichen Statements also erstmal weiterhin auf der Hamas.
Hinzu kommt die geopolitissche Lage: Die Hisbollah hat sich schon eingemischt, in Jordanien steigen die Spannungen, Syrien könnte sowieso gerade eine Ablenkung gebrauchen und die Araber kochen wie gesagt bereits. Das Hauptaugenmerk der internationalen Diplomatie liegt deswegen derzeit gar nicht darauf, die Lage innerhalb der Grenzen Palästinas zu bessern, sondern erstmal eine Eskalation hin zu einem internationalen Krieg zu verhindern. Und da spielt die Unterstützung für Israel eine extrem wichtige, abschreckende Rolle.