Und warum so negativ konnotiert?
Weil die Troika ihre Macht genutzt hat um das Bisschen, was in Griechenland einigermaßen okay war, zu zerstören. Was gerettet wurde, war nicht der griechische Staat und schon gar nicht die griechische Bevölkerung. Im Gegenteil, letztere hat in den letzten Jahren massiv gegeben - und keinswegs nur diejenigen, die von den vorrangehenden Missständen profitiert hatten. Gerettet wurden vielmehr die Spekulationsobjekte und Aufträge von Unternehmen in den restlichen EU-Staaten.
Und, nur um noch mal daran zu erinnern:
So gut wieder Staat auf diesem Planeten finanziert sich über Schulden, die er nie und nimmer zurückzahlen kann. Griechenland hat als Blinder unter den Einäugigen die volle Ladung Spekulantentum abbekommen, hätten es keine besseren Opfer gegeben, hätte man genausogut für Deutschland auf den Kreditkollaps wetten können. Sich hinterher als Gewinner eines riskanten und unfairen Systems hinzustellen und auf die Verlierer einzuschlagen...
Es gibt schönere Gründe, sich als was besseres zu fühlen.
Eben. Und meine Vermutung ist, dass Griechenland genau diese Karte spielen will: darauf bauend, dass Europa helfen wird; koste es, was es wolle - und sei es der gesunde Menschenverstand.
Nun, den muss man ja nicht unbedingt als erstes opfern. Wie wäre es, wenn man zunächst einmal auf eigenen Gewinn verzichtet? Und darauf, den Gegenüber für seine Fehler zu bestrafen wollen?
Die Vorschläge, mit denen die EU letzte Woche in die Verhandlungen startete, beinhalteten (gerne als Schwerpunkt) u.a.:
- Ein deutlich und sofort angehobenes Rentenalter. Effekt für Griechenland: Noch mehr Arbeitslose, die den Staat bei menschenwürdigen Bedingungen auch nicht billiger kommen würden. Effekt für Europa: Man kann in der BILD damit prahlen, dass man es den faulen Griechen so richtig gegeben hat.
- Verkauf einiger der potentialreichsten Staatsunternehmen. Effekt für Griechenland: Weniger Gewinne in der Zukunft,
sinkende Staatseinnahmen im Vergleich zu einer Reformierung der Unternehmen; gegebenfalls sogar
höhere Staatsausgaben, um die Auswirkungen kurzfristiger Gewinnmaximierung der privatisierten Unternehmen auf die Gesellschaft zu kompensieren. Effekt für Europa: Zumindest den Steueranteil auf die jetzt ins Ausland fließenden Gewinne selbst kassieren.
- Erweiterung des niedrigsten Steuersatzes von Medikamente auf alle Pharmaartikel. Effekt für Griechenland: Weniger Steuereinnahmen, denn das Land hat quasi keine Pharmaindustrie. Und Arbeitslose mit schönerem Teint. Effekt für Europa: Bessere Absatzchancen für die eigene Pharmaindustrie. Und weniger Sonnenbrand bei rückkehrenden Touristen.
- Deutliche Anhebung des effektiven Steuersatzes für Reder. Effekt für Griechenland: Niedrigere Einnahmen nach dem sofortigen Abzug der Hochsee-Rederei-Branche, die ohnehin weltweit Niederlassungen hat und für die der Stammsitz genauso ein Wort auf dem Papier ist, wie die Flagge, unter der ihre Schiffe fahren. Zusätzlich Kollaps der heimischen Wirtschaft, nach Reduzierung der innergriechischen Schifffahrt (schon mal auf eine Karte geguckt??). Effekt für Europa: Mit etwas Glück geschwächte Konkurrenz für die kurz vor der Pleite stehenden deutschen, niederländischen,... Redeereien.
Was es dagegen nicht gab, waren Verhandlungen über Steuerabkommen, die eine Flucht griechischen Millionärs-Kapitals im Ausland verhindert. Oder eine EU-Landwirtschaftssubventionsreform, in der polnische Großflächen-Glyphosat-Ablagerflächen nicht mehr gegenüber griechischen Bio-Olivenplantagen bevorzugt werden. Oder eine NATO-Reform, in der nicht mehr die Staaten in Randlage die dort gewollten Bodenstreitkräfte allein finanzieren (und auch noch bei den anderen teuere Hardware dafür einkaufen). Oder Investitions-/Subventionsrichtlinien, die es einem EU-Staat ermöglichen würden, Unternehmen zur Bereitstellung essentieller Dienstleistungen selbst und der gesellschaftlich sinnvollsten Weise zu betreiben, anstatt die Vollprivatisierung zum Standard zu erklären und jede Ausnahme zum bürokratischen Monstrum und/oder limitierten Krüppel zu machen. Denn eigentlich sind Verkehr, Banken, Versicherungen, Gesundheit,... am besten landesweit organisiert und direkt mit den nötigen sozialen Aufträgen verknüpft, anstatt viel Energie in das Ausstechen von Konkurrenten zu verschwenden und am Ende den Staat die Kollateralschäden beseitigen zu lassen.
Die Verhandlungen um Griechenland sind noch lange nicht an einem Punkt, an dem der gesunde Menschenverstand gefährdet wäre oder an dem es auch nur um Griechenland als solches geht. Bislang geht es einzig und allein darum, möglichst schnell so viel möglich aus der Situation, sprich: den Griechen, heraus zu quetschen. Und wenn schon kein Geld, dann wenigstens Wählerstimmen zu Hause.
Sonst würde die griechische Drohung, aus der Kooperation auszusteigen, ja auch nicht funktionieren. Operativ im jetzt betrachtet ist Griechenland der Geber am Verhandlungstisch, die anderen EU-Staaten sind diejenigen, die etwas wollen. Ziemlich viel sogar. (Natürlich durchaus als berechtigte Gegenleistung für das, was sie in der Vergangenheit gegeben haben. Aber wir gesagt: Dafür haben sie sich unter anderem schon das Recht rausgenommen, Griechenland zu diktieren und noch tiefer in die Misere zu reiten. Und unter anderem aus diesem Grund kann Griechenland im Moment einfach nicht mehr geben. Die griechische Bevölkerung, die mehrheitlich kein Profiteur war, an die Wand zu stellen, bringt niemandem etwas.)
Die Reihenfolge ist falsch - erst der Bankrott (der ihnen alleine nichts nuetzt), dann eine neue,
abwaertbare Waehrung. Die wuerde ihnen irgendwann durchaus helfen (Gruende u. a. siehe Link). Was Tsipras´ Regierung hingegen vorzuschweben scheint, ist ein fremdfinanzierter Aufschwung ohne Anstrengung und ohne Verzicht. Das klingt vielleicht drastisch, ist aber mMn im Kontext der letzten Jahrzenhte eine haltbare Analyse.
Dein Link bezieht sich auf historische Beispiele eigenständiger Wirtschaftsbereiche. Griechenland ist im Moment aber Teil einer großen europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und, das sollte man vielleicht bei Zeiten wiederholen, Netto-Importeuer. Eine abgewertete Währung würde die Situation verschlechtern, eigentlich bräuchte Griechenland sogar eine Aufwertung der operativen Abläufe. Eine eigene Währung würde aber vom Markt zwangsläufig und massiv fremd abgewertet werden.