Es gibt ein paar sehr spezifische Disziplinen/-stile, die allein für sich nicht für waffenlosen Nahkampf geeignet sind. Aber eigentlich lernt man in jedem die selben Grundlagen, die man zumindest für Selbstverteidigung gebrauchen kann. Ein Judoka wird im Ernstfall nicht darauf verzichten, Schläge zu blocken oder auszuteilen; ebenso wenig wie ein Boxer den Ringregeln folgen und auf Tritte und Grappling verzichte würde.
Deshalb finde ich ja diese "Disziplin tritt gegen Disziplin an"-Wettkämpfe auch so witzlos, weil die Teilnehmer in einer simulierten
Kampfsituation künstlich auf den
Turnierregelsatz ihrer Disziplin beschränkt werden. Und da gewinnen - Oh Wunder! - natürlich jene Disziplinen, die bereits interdisziplinäre Mischungen sind.
Man muss da einfach mal zwischen dem Sport und den Wurzeln unterscheiden. Ein Bekannter von mir ist Karateka und Karate ist - schonend ausgedrückt - beim Nachwuchs nicht mehr sonderlich im Trend. Die Leute sehen die tänzerisch-leicht wirkenden Choreografien und haben mal einen Wow-Effekt, wenn Ziegel oder Holzbohlen zerdeppert werden, können aber seltsamerweise nicht abstrahieren, dass die körperlichen und geistigen Fähigkeiten, die zum Praktizieren der Formen befähigen, auch wunderbar geeignet sind, ein Defensive aufzubauen ... oder eine solche zu durchbrechen. Und dass Ziegel und Bretter symbolisch für gegnerische Extremitäten stehen, wird auch irgendwie verdrängt ...
Manche Kampfkünste funktionieren auch einfach nicht sonderlich gut in simulierten Kämpfen, wenn sie stark auf All-In-Techniken aufbauen. Man kann den Gegner in einem sportlichen Wettkampf fixieren und Treffer auf erlaubte Trefferzonen bepunkten. Aber wie simuliert und bepunktet man Treffer, die einen realen Kampf sofort entscheiden/beenden würden? Und wie bepunktet man die Vorarbeit, dem Gegner auszuweichen und ihn zu provozieren, bis sich die dafür notwendige Blöße öffnet? - Das funktioniert einigermaßen innerhalb einer Disziplin, aber nicht zwischen Disziplinen.
Aber auch nur wenn er ihn zu packen bekommt.
Bekommt er vorher ne schnelle harte Kombo, dann ist Ende.
Wenn ein Boxer gegen einen Judoka antritt, gewinnt - wie in jeder beliebigen anderen Kombination - derjenige, der seine Fähigkeiten und physischen Eigenschaften in der spezifischen Situation besser zum Einsatz bringen kann und obendrein die fiesere Mistsau ist.
Im konkreten Beispiel ist die Chance auf eine harte Kombo des Boxers genau so hoch oder so niedrig, wie die Chance des Judoka, den Boxer in die Griffe zu bekommen. Schlag- und Greifentfernung sind exakt identisch, wenn man als Boxer den Gegner nicht nur streicheln will. Und selbst ein Kickboxer, der auch treten darf, muss damit rechnen, dass der Judoka seinen antrainierten Reflexen folgt und ausgerechnet das tretende Bein als Hebel für etwas verwendet, was der Kickboxer tendenziell nicht so gut fände.
Nur beim sportlichen Turnier hört ein Ringer auf, wenn der Gegner abklopft oder der Ringrichter ruft - in einem echten Kampf hört er auf, wenn's gut vernehmlich geknackt hat.
Kurz, der Ausgang lässt sich nicht sicher vorhersagen, aber wenn man das versucht, sind Physis und Mentalität der Opponenten viel entscheidender als die jeweils (hauptsächlich) geübten Disziplinen. Mehr Kraft und Agilität, höhere Reichweite, bessere Reflexe, stabilerer Knochenbau sowie niedrigere Schmerz- und Hemmschwelle geben den Ausschlag.