Der Vergleich hinkt. Du beschreibst den Wettkampf innerhalb einer Branche, wo sich bessere respektive preiswerte Anbieter gegenüber etablierten durchsetzen können, der Gesamtmarkt aber bestehen bleibt. Diesem gegenseitigen Verdrängungswettkampf muss sich PCGH zusätzlich stellen.
Vor 20 Jahren war unsere Berichterstattung noch physisch in einer geschützten Print-Bubble namens "deutsche Zeitschriften-Kioske" statt; heute hat sich der Medienkonsum auf eine globale Plattform verlagert und ein zunehmender Teil der Zielgruppe spricht gut genug Englisch, um deren gesamten Angebote in Betracht zu ziehen. Statt 0 direkte und vielleicht 4-5 indirekte Konkurrenten müssen wir uns heute gegen mehrere Wettbewerber mit nahezu identischem Grundkonzept behaupten und eine unüberschaubare Vielzahl an Plattformen enthält auch Antworten zu einem Teil der Fragen, zu denen wir eigentlich Artikel verkaufen wollen. Das ist tough, zumal wenn man mit Qualität überzeugen will und sich sprachlich bedingt über eine 80 bis 90 Prozent kleinere Zielgruppe refinanzieren muss, aber fair, soweit man das von einem Markt überhaupt sagen kann.
KI setzt aber auf einem ganz anderen Level an. Es handelt sich nicht um einen Mitbewerber, dem PCGH auf Augenhöhe begegnen könnte, sondern es handelt sich um eine großflächige Bedrohung der gesamten Branche "freie Medien". Das kann man eher mit der Einführung von Schallplatten, Radio und Fernsehen als Gegenspieler für No-Name-Musiker vergleichen. Also keine Live-Acts, die als Ereignis gezielt aufgesucht werden, sondern die Menschen, die im 19. Jahrhundert für die Hintergrundberieselung in Cafes, Restaurants oder auch für die musikalische Untermalung von Bühnenshows gebraucht, dann aber restlos abgeschafft wurden. Dieser Wandel vollzog sich aber über einen Zeitraum von 80 Jahren, nicht 80 Monaten. Und:
Diese Handwerks-Musiker haben Content nur reproduziert, nicht neu erstellt. Bei den durch KI bedrohten Medien liegen Verbreitung und Produktion dagegen Hand in Hand. Sterben die aus, wäre dass das Gleiche, als wenn z.B. 1920 nicht nur die Live-Nachspieler, sondern auch alle Komponisten und Songwriter ausgestorben wären.
Erstmal danke das du dir die Zeit genommen hast für diese ausführliche Antwort und dem Beitrag zu deiner Sichtweise! Erstmal schön zu sehen eine Antwort zu bekommen die länger als die üblichen 2 Zeilen die man gewohnterweise bei Kritik so bekommt...
Du versuchst mir zu erklären, warum die Medienbranche ein „Sonderopfer“ bringt. Wenn man deine Argumente aber logisch zu Ende denkt, merkt man, dass die Parallelen zu meiner Sichtweise viel größer sind, als du direkt zugeben willst...
Wo du recht hast:
"Der Punkt mit den Komponisten (Produzenten) vs. Nachspielern (Konsumenten/Reproduzenten"
Eine KI generiert kein neues Wissen. Sie kann keine Grafikkarte in ein Testlabor stecken, die Leistungsaufnahme messen oder den Kühler abschrauben. Sie braucht die Redakteure als „Komponisten“, die diese Primärdaten erst erzeugen.
Wenn Google diese Daten absaugt und dem Nutzer direkt anzeigt, bricht die Refinanzierung derer weg, die die Arbeit machen. Das ist in der Tat ein systemisches Problem, das es beim reinen Strukturwandel im Handwerk so nicht gibt: Ein Roboter in der Fabrik klaut nicht das Know-how des Schlossers, er ersetzt nur seine Muskelkraft. Die KI hingegen klaut das geistige Eigentum.
Das Resultat ist aber das selbe, jobs werden wegrationalisiert weil jemand es so möchte!
Wo dein Vergleich gewaltig hinkt: Der Faktor Zeit und die „Bubble“
Du argumentierst, dass der Wandel bei den Musikern 80 Jahre gedauert hat, während KI die Medien in 80 Monaten überrollt. Und du trauerst der geschützten „Print-Bubble“ von vor 20 Jahren nach.
Und hier wird es fast ein bisschen arrogant gegenüber dem produzierenden Gewerbe, denn...
Die Globalisierung traf andere Branchen genauso brutal und schnell: Frag mal die deutsche Textilindustrie, die Fotofilm-Hersteller (Kodak) oder die Unterhaltungselektronik (Grundig, Telefunken). Als dort die Märkte globalisiert wurden und billigere, teils staatlich subventionierte Konkurrenz aus Asien den Markt überschwemmte, ging das oft nicht in 80 Jahren, sondern in weniger als einem Jahrzehnt.
Die „geschützte Bubble“ gab es überall: Jedes deutsche mittelständische Unternehmen hatte mal seine „geschützte Bubble“ (regionale Kunden, deutsche Qualitätsstandards, feste Verträge). Diese Bubbles sind in fast jeder Branche durch das Internet, globale Lieferketten und aggressiven Preiskampf geplatzt. Die Medienlandschaft durfte nur einfach ein paar Jahrzehnte länger in ihrer Komfortzone verweilen, weil Text digital schwerer zu monetarisieren war als physische Güter. Jetzt trifft euch der globale Wind eben mit Verspätung, dafür umso härter!
Wenn eine KI oder ein Algorithmus deinen Job bedroht, nennst du es eine „großflächige Bedrohung der freien Medien“.
Wenn ein digitaler Store den Job einer Verkäuferin vernichtet, ist das für die Tech-Welt „Fortschritt durch Wettbewerb“!
Am Ende bleibt es dabei: Das Prinzip ist exakt dasselbe. Eine neue Technologie rationalisiert menschliche Arbeit weg. Dass es jetzt euch, die „Kreativen“ und „Journalisten“ trifft, macht den Vorgang für die Betroffenen schmerzhaft, aber er ist strukturell nicht anders als das Aussterben der Webstühle im 19. Jahrhundert oder das Sterben der klassischen Werkshalle durch Automatisierung im 20. Jahrhundert.
Fazit:
Dein Vergleich hinkt insofern, als dass Du den Medien eine historisch einzigartige Opferrolle zuschreiben möchtest. Du hast recht, dass das Absaugen von Inhalten durch KI eine neue Stufe der Piraterie ist.
Aber du unterschätzt völlig, wie rabiat, global und existenziell der Strukturwandel in den letzten 30 Jahren auch in fast allen anderen Berufen eingeschlagen hat.
Sie erleben jetzt genau den Sturm, den das produzierende Gewerbe schon mehrfach durchgestanden hat... Was die Textilbranche betrifft sind diese nun fast vollständig anderer Orts ansässig.
Ob diese Erkenntnisse euch nun dabei helfen werden euch mit der Situation abzufinden überlasse ich euch. Genau wie die Hausaufgabe einen Weg hinaus aus dieser Misere zu finden... Da kann ich euch jedenfalls kein Allheilmittel für präsentieren, außer ein gut gemeinter Ratschlag das man immer irgendwelche arbeit findet um seine brötchen zu verdienen wenn man denn will. Ob die einem dann schmeckt steht auf nem anderen Blatt.
Pps: Sofern die Lkw die ich mittlerweile lenke irgendwann autonom fahren, wird sich auch mein aktueller Beruf mal wieder verändern und ich Lösungen finden müssen. Dazu befragt mich auch niemand ob mir das gefällt. Das aber nur mal am Rande