AW: Verkauft für 90.900 US-Dollar: Ist der Screenshot eines Forenbeitrags Kunst?
Was "Kunst" ist, ist schwer fassbar. Begreift man es aus
rezeptionsästhetischer Sicht (Kunst entsteht beim Betrachter, wenn jemand etwas für Kunst hält, ist es Kunst)? Ich war einmal in einem Museum, in dem gab es einen Raum, vor dessen Durchgang ein Absperrband hing. Viele Touristen machten Fotos (ja, war dort erlaubt) von dem Raum, der Grund: Ästhetisch wirklich sehr ansprechende weiße Tupfer, deren Anordnung toll aussah waren dort auf allen vier Wänden. Im Gespräch mit einem Mitarbeiter des Museums später wurde mir jedoch erklärt "Das ist gar kein Kunstwerk, wir haben eine alte Ausstellung aus dem Raum abmontiert und die ganzen Löcher für Ösen wieder zugespachtelt."
Man könnte auch argumentieren, dass nicht die Rezipienten entscheidend sind, sondern der Kontext: Was in einem Museum ausgestellt wird, ist Kunst. Was bei einer Kunstversteigerung versteigert wird, ist Kunst. Dafür sprechen die Werke von Marcel Duchamp (übrigens sehr interessant: Horzons "Das weiße Buch", indem er leicht ironisch den Gegensatz hierzu darstellt ("Ich mache gar keine Kunst, ich mache Wanddekorationselemente")).
Oder man sagt, nicht die Rezipienten, nicht der Kontext, sondern der
Produzent und die Produktionsbedingungen sind entscheidend (Leicht vereinfacht: Wenn der Ersteller von etwas sagt es sei Kunst, ist es Kunst. Wenn etwas enstanden ist wie Kunst üblicherweise entsteht, ist es Kunst)
Nach meinen bisherigen Ausführungen ist der Screenshot definitiv Kunst.
"Aber, aber, aber, der Screenshot ist billige Sch... die ich in zwei Minuten selber machen könnte". Ganz davon abgesehen, dass viele die solche Aussagen machen, es dann nicht "durchziehen", d. h. es eben NICHT in zwei Minuten selber machen und auch davon abgesehen, dass es eben auch auf die Idee hinter dem Kunstwerk ankommt, ist das durchaus ein legitimer Gedankengang.
Gibt es
werkimmanente Spezifika, die den Screenshot zur Kunst machen, ganz unabhängig von Kontext, Produzent und Rezipient? Hat der Screenshot die "Aura" eines Kunstwerks? Aura ist nicht esoterisch gemeint, sondern so:
Aura (Benjamin) (leider ist die Wikipedia hier nicht sehr gut, ich empfehle den Originaltext von Walter Benjamin zu lesen) - Walter Benjamin sagt, dass das Kunstwerk in Zeiten seiner technischen Reproduzierbarkeit seine Aura verliert. Man könnte argumentieren, dass der Screenshot, da er problemlos millionenfach digital kopiert werden kann, keine "Aura" mehr hat und re-auratisiert werden muss, um Kunstwerk zu werden/bleiben.
Doch halt! Noch einmal kurz zu werkimmanenten Aspekten: Der Screenshot hat viele Merkmale von Kunst! Er provoziert. Er lotet die Grenzen von Kunst aus. Er ist selbstreflexiv und fragt "Ist das Kunst?" - das alles sind typische Anzeichen von Kunst, die Metaebene eines speziell von postmoderner Kunst. Ja selbst uns heute konservativ erscheinende Bilder waren teilweise zu ihrer Entstehungszeit provokativ (oh mein Gott! Er hat sich nicht an die übliche Perspektive gehalten! etc.)
Also für mich ist der Screenshot definitiv Kunst. Ob ich ihn mir in die Wohnung hängen würde, ist eine andere Frage.
Edit:
@bofferbrauer:
Die Signifikat-Signifikant-Relation auf die du anspielst, interessiert mich. Was hattest du dir denn genau dazu gedacht? Denn einen eindeutigen Bezug zur "trahison des images" finde ich leider nicht. Kannst du mir ein paar Anhaltspunkte zur semiotischen Betrachtung des Screenshots geben?