Ich denke eher es ist eine Frage der Kommunikation. Man trifft nicht mehr das Gerechtigkeitsgefühl der Leute. Mindestlohn ist so ein klassisches Beispiel, eigentlich eine tolle Sache aber Kern der Kommunikation war, dass der Abstand zu den staatlichen Versorgungsleistungen zu klein wurde. Da kommt bei Betroffenen logischerweise nicht an: "Wir schätzen Deine Arbeit und Du hast das verdient", da kommt an "wir wollen dass Du weiter so doof bist und Deinen Job machst, obwohl Du für unwesentlich weniger Geld Dir die Sache auch sparen könntest."
Zu einem Teil sicher. Offenbar war ein guter Teil des Gebäudeenergiegesetzes (Springer-Sprech "Heizungshammer") ja auch von der Vorgängerregierung aus CDU+CSU+SPD so vorgesehen. Die Empörung von CDU+CSU über die "Ampel" scheinen da gespielt. Das Verhalten der FDP (quasi Opposition innerhalb der Regierung) war sowieso absurd, aber das wahrgenommene Schweigen der SPD und das Agieren der Grünen in war dann im Ergebnis recht ernüchternd und sendete die falschen Signale.
Beim Bürgergeld sieht man ja auch, dass die weitgehende Streichung von Sanktionen gerade in den sozial schwachen Schichten gar nicht so gut ankommt. Ist aber kein Wunder denn aktuell ist es kaum ein Unterschied ob man sich voll reinhängt oder nur das absolute Minimum macht um wieder Arbeit zu finden. Das erleben Betroffene und jene, die sich reinhängen, finden das schnell ungerecht. Hier hat die SPD imho die Chance verpasst, dass man engagierte Menschen belohnt, dann wäre auch die gefühlte Gerechtigkeit wieder da.
Das mögen auch einige der Ärmeren/Erwerbslosen so sehen. Da spielt auch die Springer Presse eine Rolle, die die Stimmung gegen Erwerbslose befeuert. Im Endeffekt ist das Eintreten auf Schwächere und Ellbogenmentalität eine systembedingte Sache (Kapitalismus), die allerdings durch vergangene Politik weiter verschärft wurde. Tatsächlich sind das Nebelkerzen und Sündenböcke. Kaum jemensch hat mehr davon, dass Erwerbslose noch mehr leiden müssen (bspw. Kürzung unter das Existenzminimum anhand Sanktionen). Die Beträge, um die es geht, sind im Vergleich zu den großen Geld- und Vermögensbeträgen, die einem durch die geringe Besteurung von Reichtum entgehen, lächerlich gering. Das Problem sind nicht die paar der Erwerbslosen, die keiner Lohnarbeit nachgehen wollen oder zu Terminen nicht erscheinen, sondern die Reichen, die ihr Reichtum immer weiter mehren können und sich immer weniger an der Finanzierung grundlegender Staatsaufgaben (Bildung, Absicherung, Gesundheit, Infrastruktur usw.) beteiligen.
Linke Politik ist leistungsfeindlich geworden. Leistung ist heute schlecht und darf nicht belohnt werden, stattdessen strebt man nach Gleichheit.
Ja, teils wird auch stumpfer Antikommunismus hervorgekramt bspw. bezüglich der Debatten um Rekommunalisierung und sozialer Wohnungsbau. Marktradikale Bürgerliche verstehen es gut, sich Systemmechanismen und Systemmärchen zu nutze zu machen.
Die AfD hat zwar ein absolut reichenfreundliches Programm, aber sie gibt es einfachen Menschen, die sich anstrengen, das Gefühl gesehen zu werden und wichtig zu sein und verspricht Chancen für den sozialen Aufstieg. Das sind zwar leere Versprechen, aber die Aufmerksamkeit kommt trotzdem gut an.
Offenbar ist das leider so. In einer Situation, in der mensch selbst benacheiligt ist, greifen dann bei einigen die Hetze gegen Andere Benachteiligte. Vorwissen wie Rassismus ist leider vorhanden. Würden die Ärmeren ihre Interessen wahrnehmen, müssten sie bei Wahlen bspw. Die Linke wählen.
Kannst Du fortsetzen beim Thema Migration. Bunte Gesellschaft, multikulturell bedeutet heute möglichst wenig deutsch. Auch das kommt als Abwertung bei vielen Menschen an.
Ja, es ist laufend die soziale Frage (Umverteilung) ignoriert worden, es wurden sozioökonomische Ursachen und Entwicklungen nicht eingestanden. Und es wurde zu wenig Offenheit (Bundespräsident Wulffs Ansatz war ein seltener Lichtbtblick) verbreitet und sich rassistischer Vorurteile bedient.
Zusammengenommen: ja, ich sehe Kommunikationsmängel aber eben auch Mängel in den politischen Inhalten.
Natürlich, aber wie von dir selbst angemerkt, klappt das doch im aktuellen System überhaupt nicht. Dann wäre es doch mal an der Zeit, das grundlegend anders zu machen, so dass es wie gewünscht funktioniert.
Mh, ich kenne mich ehrlich gesagt nicht im Detail mit dem Steuersystem aus. Allerdings sind die Folgen statistisch nachweisbar und sichtbar. Ich bin nicht unbedingt für eine riesige Verwaltung. Was es allerskngs akutell bräuchte, wären mehr Steuerprüfer:innen die die Steuererklärungen der Reichen checken. Wichtigste Veränderung Reform des Steuersystems wäre aber das Ziel einer wesentlich größeren Umverteilung von reich hin zu arm und Investitionen in (nachhaltige) Daseinsfürsorge.
Wie ich schrieb habe ich Zweifel an manchen Ansätzen (schon aufgrund aus welcher politischen Richtung die kommen). Welche genauen Auwirkungen solche Reformen hätten, müsste mensch sich dann angucken. Ich wäre sehr vorsichtig gegenüber Leuten wie Merz, die einem vermeintliche Einfachheit als Vorteil verkaufen wollen und einem durch eine Reform tatsächlich weiteres Zusammenkürzen des Sozialstaates verkaufen wollen.
Man kann das aber auch als erstes machen. Weiß ich aus eigener Erfahrung.
Abgesehen davon kannst du auch als Geselle später gut verdienen, wenn du dich zum Beispiel selbstständig machst.
Das ist natürlich nicht garantiert und mit Risiko verbunden, aber so durchlässig ist unsere Gesellschaft durchaus.
Und ein ganz wichtiger Faktor ist da die Bildung und auch die Eigenverantwortung für das persönliche berufliche Vorankommen.
Das freut mich ehrlich für Dich.

Allerdings ist so ein sozialer Aufstieg mit Blick auf die gesellschaftliche Realität leider eher Ausnahme als die Regel, wie ich zuvor aufzeigte.