Das die Spiele-Branche, im Gegensatz zur Musikindustrie, in den letzten 20 Jahren darauf umgeschwenkt ist, ihre Werke in nur bedingt bis unbrauchbarem Zustand auszuliefern, sollte eigentlich nicht mit Sonderrechten belohnt werden. Ein Launcher, der permanent auf meinem System mitläuft und Verbindungen zu diversen Servern unterhält, bietet in erster Linie Sicherheits-, Kompatibilitäts-, Datenschutz- und Performance-Risiken. "Unverhältnismäßig viel mehr Komfort" würde dagegen ein Datenträger bedeuten, von dem ich eine bug-bereinigte, vollständige Version des Spiels installieren kann. So, wie es bis zur Jahrtausendwende bei einer Mehrheit der veröffentlichten Titel üblich war – und wehe dem Publisher, der beim Testing gespart und mehrere große Bugs übersehen hat. Das konnte einem richtig die Verkäufe ruinieren (und zwar nicht nur von dem direkt betroffenen Titel), obwohl der kleinere Markt Spielern damals weniger Alternativen ließ, oder hohe Folgekosten für den physischen Versand von Patches an registrierte Kunden nach sich ziehen.
Das betrifft nicht nur die Spiele-Branche, sondern die gesamte Softwareindustrie. Die alten Hasen unter uns werden sich noch erinnern, wie Patchen ganz früher™ abgelaufen wäre, lange bevor es so etwas wie Flatrates gab: Im Zeitalter der Mailboxen hätte man, um sich Patches für eine Software zu ziehen, die Mailbox des Herstellers in Übersee anwählen müssen, sprich, man hätte dafür ein Auslandsgespräch bei der Deutschen Bundespost führen müssen. Das war aber schweinisch teuer, deswegen hat das niemand machen wollen. Die Mailboxen verschwanden mit dem Internet, aber solange die Verbindung weiterhin im Minutentakt abgerechnet wurde bei gleichzeitig steinzeitlichen Übertragungsraten, hätte niemand Lust darauf gehabt, sich jede Woche für ein Dutzend Programme Updates ziehen zu müssen.
Dass Software heute standardmäßig als Bananenversion auf den Markt geworfen wird, liegt also zum einen am schnellen Internet, was die Kosten der Hersteller für die Auslieferung von Patches radikal gesenkt hat, und zum anderen daran, dass die Softwareindustrie als einzige unter allen völlige Narrenfreiheit genießt, wenn es um Kaufverträge, Eigentumsrechte der Käufer Haftung für Mängel und dadurch verursachte Schäden geht:
- Nur die Softwareindustrie kann sich herausnehmen, alle Produkte, die ihre Kunden erworben zu haben, ohne Erstattung oder Kompensation einzuziehen bzw. unbrauchbar zu machen, wenn ein Anbieter seinen Laden oder Service dichtmachen muss.
- Nur die Softwareindustrie darf dir, wenn du gegen die Nutzungsbedingungen verstößt und dafür bei einem Dienst gesperrt wirst, auch alle Produkte entziehen, die du jemals dort legal käuflich erworben hast. Wenn ich beim Media Markt klaue und dafür Hausverbot bekomme, darf er nicht die 50 Produkte konfiszieren, die ich vorher anständig gekauft und bezahlt habe, die sind mein Eigentum und bleiben es auch.
- Nur die Softwareindustrie darf sowohl einseitig als auch rückwirkend bestehende Verträge ändern – denn genau das sind AGB-/EULA-Änderungen, bei denen du zur „Zustimmung“ gezwungen wirst, wenn du den Zugriff auf das erworbene Produkt nicht verlieren willst, selbst wenn du den neuen Bedingungen niemals zugestimmt hättest, wenn sie schon zum Zeitpunkt des Kaufs gültig gewesen wären. Entweder gibt es gar keine „Ablehnen“-Option (welche Art von Leuten kommen euch bei „akzeptiert kein Nein“ in den Sinn?), oder der Zugriff auf das Produkt wird so lange verwehrt, bis man auf „Zustimmen“ geklickt hat. Selbst Hardware – siehe Smart-TVs – wird auf diese Weise schon mal mittels Firmware-Update gebrickt, wenn man dem Hersteller die neuen Tracking-Befugnisse nicht einräumen will. Mit Einwilligung hat das nichts zu tun.
- Nur die Softwareindustrie ist nicht verpflichtet, ein mangelfreies Produkt auszuliefern, und der Händler muss dir nicht nach drei fehlgeschlagenen Versuchen der Nacherfüllung (Beseitigung aller Mängel oder Lieferung einer neuen, mangelfreien Sache) automatisch den Rücktritt vom Vertrag einräumen, was die Erstattung des Kaufpreises nach sich zieht. Konsequenterweise muss die Softwareindustrie ihre Produkte auch niemals mangelfrei bekommen, sondern allenfalls ein paar Jahre so tun, als bemühe sie sich darum.
- Nur die Softwareindustrie wird nicht für die Schäden in Haftung genommen, die durch Mängel und Sicherheitslücken in ihren Produkten oder unsachgemäße Durchführung ihrer Dienstleistungen verursacht werden. Mehr noch: Wenn sie nach ein paar Jahren findet, es sei an der Zeit, dass die Kunden etwas Neues kaufen, und die Fehlerbehebungen einstellt, dann wird explizit nicht die Industrie für die Schäden verantwortlich gemacht, deren Produkt nach wie vor mangelhaft ist, sondern der Kunde, der dieses mangelhafte Produkt immer noch benutzt und nicht durch das neueste, mangelhafte Produkt ersetzt hat.
- Nur die Softwareindustrie darf etablierte Begriffe mit einer juristisch wohldefinierten Bedeutung wie „Kauf“ nach Gutdünken rechtsverbindlich umdefinieren und sich Konstrukte wie „gemietete Nutzungslizenz mit einmaliger Zahlung und nicht näher bestimmtem Verfallsdatum“ ausdenken, die unser Zivilrecht überhaupt nicht kennt. Die Konsequenz ist auch nicht, dass wir sie für ihre jahrelange Unterwanderung geltenden Rechts und Verbrauchertäuschung einnorden, sondern dass wir diese ins BGB schreiben und damit legalisieren – selbstverständlich exklusiv für die Softwareindustrie und ihre Produkte und Dienstleistungen.
- (aus jüngstem Anlass: Nur die Softwareindustrie ist explizit von den EU-Regulierungen hinsichtlich Geoblocking ausgenommen. Die, welche seit jeher mit Abstand am stärksten Geoblocking betreiben.)
Wenn ihr euch also jemals gefragt habt, warum heutzutage jeder Hersteller versucht, sein Produkt mit irgendwelcher Gammelsoftware zu versehen, die euch überhaupt keinen Mehrwert bietet – das ist der Grund. Software als Produkt oder Dienstleistung – und sei sie nur irgendwo eingebettet – ist nicht nur ein effektives Mittel für zusätzliche Einnahmequellen in Form von Paywalls und Datenhandel, sowie Kontrolle, Überwachung und geplante Obsoleszenz, sondern vor allem juristisch ein Freifahrtschein, um Kundenrechte zu unterwandern und sich den üblichen Verpflichtungen zu entziehen, die jeder andere Hersteller und jeder andere Händler hat, wenn das Produkt keine Software ist. Mit „Software“ sind hier nicht nur ausführbare Programme gemeint, sondern „digitale Güter“ wie Filme, Musik und Games und deren Anbieter wie Valve oder Netflix explizit mit eingeschlossen.
Fakt ist, dass das früher das Argument war: "wenn die Spieler sich das Spiel digital kaufen (!), sparen sie sich die Kosten für das Medium, Verpackung und Anleitung. So können wir unsere Spiele digital günstiger verkaufen und die gesparten Kosten an die Spieler weitergeben."
Man muss dabei auch im Hinterkopf haben, dass die Situation in Nordamerika noch einmal eine ganz andere ist als bei uns in Europa. Hier ist es schon schwierig, auf dem Land mal eben zum nächsten Saturn zu fahren; aber in den USA und Kanada kann man im größten Teil des Landes, selbst in den Metropolregionen, im Grunde keinen einzigen Weg erledigen, ohne sich ins Auto zu setzen, noch nicht einmal Lebensmitteleinkäufe. Der Bequemlichkeitsgewinn, den ein digitaler Download von Spielen gegenüber dem Einkauf auf Disc im Laden mit sich bringt, ist dort ungleich größer und da war es im Grunde unvermeidlich, dass sich nach dem Versandhandel als nächste Stufe auch der Digitalvertrieb durchsetzen würde.
Dank Gabe Newell kann ich auf meinen 3 verschiedenen Systemen auf Linux zocken.
Ja, das führe ich auch immer als eines der größten Argumente pro Valve aus, dass es mehr für Gaming auf Linux getan hat als alle anderen Akteure der Gaming-Industrie zusammen. Und weißt du was? Richard Stallman und Linus Torvalds haben ihr Leben auch der guten Sache gewidmet und dafür gesorgt, dass es diese alternativen, freien Betriebssysteme überhaupt gibt. Nur genießen diese nicht einmal im Ansatz den gottgleichen Status und Götzenverehrung wie Gabe Newell bei PC-Gamern™. Könnte das etwas damit zu tun haben, dass diese im Unterschied zu GabeN einen Weg gewählt haben, der nicht nur für sie selbst unbequem ist, sondern auch für all die Menschen, für deren Freiheiten sie mit ihrer Arbeit seit Jahrzehnten kämpfen? Und dass sie nicht einen auf „lieber Onkel mit lustigen Spielen“ machen, damit die Leute nicht merken, wie sie von selbigem die ganze Zeit von hinten genommen werden?