um mal ein bißchen gegen den Strom zu schwimmen:
NEIN
In vielen Fällen liegt imho eine vollkommen verzerrte Perspektive vor.
Sicherlich gibt es heute weniger Innovationen unter den AAA Titeln, als früher. Das liegt zum einen an den großen Teams und den damit einhergehenden Druck zu weniger Risiko durch die Finanzierer (mit einem -weiterhin schmerzlich vermissten- Nachfolger zu Transport Tycoon anfangen und mit RollercoasterTycoon enden kann man eben nur als 1-Mann-Team), zum anderen natürlich auch daran, dass es mitlerweile keine alten Konzepte gibt, die dank neuer Technik endlich als "Innovation" umgesetzt werden können. Aber auch früher gab es riesige Lücken zwischen zwei Innovativen Titeln.
Viele Leute nehmen das aber nicht war und fast immer bezieht sich "früher war alles besser" auf die ersten 2-3 Jahre ihrer Spielerkarriere oder es ist ein Vergleich zwischen den letzten 2-3 Jahren und der gesamten Spielerkarriere. Das letzteres unfair ist, ist klar - wer die letzten 2-3 Jahre mit den letzten 2-3 Jahrzehnten vergleicht wird zwangsläufig einen Unterschied in der Zahl der Innovationen finden (vom technischen Effekt -s.o.- mal ganz abgesehen).
Aber auch wer sich auf die Anfangszeit seiner Spielerkarriere konzentriert, ist alles andere als objektiv. Als ich in der zweiten Hälfte der 90er auf aktuelle PC-Titel gewechselt bin (nach Mega Drive und 286er Zeiten), wurden mir auch Schlag auf Schlag "Innovationen" präsentiert. NfS3, Civ2, Alarmstufe Rot, The Darkening, ... !!!
Einigen wird auffallen: Jeder einzelne dieser Titel war eine Fortsetzung und 99% seiner Vorzüge waren im Vorgänger enthalten, z.T. waren die schönen Elemente sogar Genrespezifisch. Aber für mich waren sie neu und rückblickend entsteht schnell der Eindruck, dass man damals eine ungeheuer kreative Zeit miterlebt hat - und das bei allen, egal ob sie 85, 90, 95, 00 oder 05 angefangen haben.
(was nicht heißt, dass es nicht doch etwas mehr Originalität gab - siehe oben: Hobbyprojekte hatten einfach bessere Chancen. Aber Nostalgiker schwärmen i.d.R. genauso wenig von Creatures und den Sims, wie sie Pychonauts berücksichtigen)
Was wird neben Innovation noch gerne genannt? Athmosphäre!
Imho genauso falsch. Die Grafik eines Discworld2 ist garantiert nicht besser geeignet, um einen Stimmung zu versetzen, als Vampire Bloodlines. Und der Sound von Grand Prix Circuit muss ein ganz kleines bißchen hinter einem aktuellen NfS zurückstecken. Warum gelten alte Titel trotzdem als besser inszeniert? Zum einen natürlich wieder selektive (man denkt an Deus Ex, nicht an Pazifik Admiral) und unpräzise Erinnerung (mal wie N.I.C.E. angeguckt? gräßlich), imho aber auch einfach die eigene Phantasie und Ansprüche. Die meisten Leute schwärmen von den Spielen ihrer Jugend. Aber wer sich z.B. heute mal die Fernsehserien anguckt, die er im gleichen Zeitraum toll fand, der wird sich nicht nur beim Plot, sondern auch bei der Inszenierung fragen, wie er sich das je antun konnte.
Was bleibt sind weniger Bugs, kein Kopierschutzterror, längere Spielzeit und höherer Schwierigkeitsgrad. Ersteres wird in solchen Vergleichen imho aber übertrieben (selbst mit Grafikfehlern sehen aktuelle Titel besser aus), auch wenn es ganz unabhängig davon ein starkes Nichtkaufargument ist. Zweiteres scheint für die meisten nur ein Grund zum Jammern zu sein, aber so schlimm, dass man z.B. auf den 23236234 Steam-Titel verzichtet, finden es die wenigsten. Lange Spielzeiten? Kann ich gerade kein Kommentar zu abgeben, Fallout3 ruft (und das schon deutlich länger, als F1). Da verwechseln imho einige Leute das zusätzliche Angebot kurzer Titel in der Tradition von Max Payne (was mitlerweile selbst gern in der "früher war alles besser" Liste steht) mit dem Wegfall der alten. Die werden nur genauso ausgeblendet, wie die ersten Versuche "interaktiver Spielfilme". Und der Schwierigkeitsgrad? Mal wieder einen alten Titel rausgekramt? In NfS3 mit C gegen B Klasse gewonnen?
Das heute weniger Titel von-Freaks-für-Freaks gemacht werden stimmt, aber das einige selbst auf höchstem Schwierigkeitsgrad lasch sind, mag auch daran liegen, dass man einfach ein bißchen Übung hat und nicht mehr das dumme Kiddie ist, das dem Gegner 30mal in die offenen Arme rennt. (und wenn Strategie-NPSc heute mit halben Baukosten und genauer Kenntniss der Spielerpositionen antreten, gibts -zu Recht- Gemecker)
Mein Fazit:
Nein, früher war nicht alles besser. Ettliches war schlechter, einiges war gleich gut. Aber das merkt man nur, wenn man "früher" mal mit der gleichen Aufmerksamkeit und Voreingenommenheit betrachtet, wie heute.
P.S.: Kommentar von jemandem, der alle genannten Spiele durchgespielt hat, dessen Lieblingsspiel 94 erschien, der 95% seiner Lieblingsspiele vor 2001 erworben hat und der sich in den folgenden 9 Jahren nur für 6 neue Spiele begeistern konnte: Fallout 3. Portal. Vampire Bloodlines. Far Cry. Civ3. Mafia.