Das ist der Punkt.
Ich wüsste ehrlich gesagt auch nicht wirklich, ob ich in der Lage wäre ruhig zu bleiben und dem System zu vertrauen, wenn z. B. meiner Tochter was passieren würde.
Das erfährt man nur dann, wenn man in selbst in diese unsäglichen Lage ist.
Als Nicht-Betroffener ist es leicht zu sagen, man verurteilt so was.
Als Betroffener nimmt man vermutlich nur noch den eigenen Schmerz wahr, der durchaus blind werden lässt.
Ich persönlich verstehe überhaupt nicht wie man sagen kann man wüsste nicht wie man reagiert. Definitiv gehöre ich zu den Menschen die sich wirklich extrem gut unter Kontrolle haben. In mich reinhören kann ich gut. So gut sogar, dass ich vorher weiß wie ich reagiere wenn mir bei üblen Regen auf der Autobahn bei 190 ein reifen platzt und sich das Fahrzeug dreht. So gut, dass ich beim plötzlichen Tod eines Verwandten entspannt und gefasst bleibe. Einfach weil ich über viele Situationen Vorab nachdenke, sie mir vorstelle. Ich kann mir Bilder und Geschichten über ferne Länder ansehen und anhören und stelle beim ersten Tag dort fest, dass es sich anfühlt als wäre ich schon tausend Mal dort gewesen. Es überrascht mich nicht und langweilt mich, eben weil ich es mir vorher genau so ausgemalt habe. Ich kenne mich und mein Empfinden ja. Bungeejumping, rafting, paragliding, ein simulierter Helikopterabsturz, alles zwar Puls treibend, aber total unspektakulär für mich, wenn ich es mal irgendwo gesehen habe, oder vorher darüber nachgedacht habe.
Wenn mich also jemand fragen würde wie ich reagieren täte, wenn meinen Töchtern Leid angetan würde, dann kenne ich die Antwort genau. Einfach weil ich gar nicht versuchen würde ruhig zu bleiben.
Für mich sind Regeln im Leben extrem wichtig. Ich war schon als Kind sehr groß und in der Schule hatten viele Respekt vor mir. Ausgenutzt habe ich das niemals. Ganz im Gegenteil. Ich habe immer Verständnis dafür gehabt wie mein Gegenüber sich wohl fühlen möchte. Warum habe ich andere nicht unterdrückt? Weil ich mal gesagt bekommen habe, das gehört sich nicht. Mach das nicht. Ich fahre unglaublich gern sehr schnell, also über 250 und wo? Nur dort wo ich darf. Komme ich an einem Schild vorbei das plötzlich 130 vorschreibt, dann qualmt die Bremse und ich fahre 130 bis 140. Zehn mehr, wegen den anderen die damit vielleicht nicht rechnen. Um ihnen etwas entgegen zu kommen.
Nachts ein Stoppschild, alles einsehbar, ich bin allein und habe es sehr sehr eilig, ich bleibe drei Sekunden stehen. Sehr spät zu einem Bewerbungsgespräch, zusammen mit noch jemandem der älter als ich ist, der Personaler meint es wäre nur noch Zeit für einen. Ich lasse den Mann aus Höflichkeit vor, obwohl ich den Job unbedingt brauche. Ein Arzttermin auf den ich schon über ein Jahr warte und ich merke dass ich es nur schaffe wenn ich ein paar Minuten früher von der Arbeit verschwinde, aber mein Kollege hat bereits Stress... Ich bleibe und muss nochmal ein paar Monate warten, mit der Gewissheit dass meine Frau mich lynchen will deswegen. Kein Thema. Was wäre ich für ein Mensch wenn ich wegen meinen Problemen, meinem Kollegen den Tag erschweren würde? Nein. In all solchen Situationen helfen mir Regeln. Sie helfen es zu akzeptieren, ruhig zu bleiben und weiter zu machen. Das Leben als Spiel zu sehen.
Ob Gesetze, oder Regeln der Höflichkeit, ist mir egal. Jeder und davon bin ich fest überzeugt, kann das ebenso. Nur wollen viele nicht. Für mich stellt sich dann die Frage nach dem: Wo fängt es an und wo hörts auf? Wer diese Regeln nicht einhält, der hat meiner Auffassung nach unterzeichnet dass er raus ist. Raus aus dem Spiel, raus aus dem sozialen Konstrukt in dem wir leben. Der hat von mir absolut nichts mehr zu erwarten. Wer das freiwillig anders handhabt kann von mir ihm gegenüber nichts mehr einfordern. Ich behandle ihn nicht direkt, aktiv anders. Ich reagiere aber anders. Solch ein Mensch trifft mich irgendwo und meint: "Hi, schön dich zu sehen." ich antworte mit Hallo. Er geht und sagt "Auf Wiedersehen". Ich sage tschüss.
Jemand hat einen schlechten Tag und mault deshalb wegen Nichtigkeiten andere an. Für mich gestorben. Habe ich kein Verständnis für und zukünftig meide ich diese Person, oder behandle ausschließlich nur sie auf ähnliche Weise. In der Hoffnung sie fragt mich warum und ich kann es erklären.
Geht es nach mir, ist das bewusste brechen von Gesetzen also der Ausstieg aus der Gesellschaft und der Ordnung und nicht rückgängig zu machen. Es findet ja bewusst statt. Es ist eine freiwillige Entscheidung des einzelnen. Jemand bedroht dich und meint du müsstest dies und das tun, sonst schießt er? Dann lass ihn doch schießen. Nur wenn er das tut, setze ich mich mit voller Härte zur Wehr.
Sind wir ehrlich, könnten wohl die meisten, wenn nicht gar jeder von uns klar sagen wie er reagieren würde. Man müsste darüber aber sehr bewusst nachdenken und viele wollen sich bestimmte Situationen ja gar nicht vorstellen.
Weg gucken , oder verdrängen, tun viele deutlich lieber.
In meinem Beispiel würde ich den Menschen zur Rechenschaft ziehen wollen der meiner Tochter etwas antäte, ganz klar. Bin mir aber ebenso bewusst dass ich dann dafür weggesperrt würde. Das ist halt die Konsequenz die erfolgen muss.