Die Geschichte hinter euch - eine Art Genealogiethread

compisucher

Lötkolbengott/-göttin
Servus Zusammen,
im Rahmen des Nicknamethreads hatte ich es mit zu viel OT übertrieben, fand jedoch das Thema selbst interessant.

Gerade im Zusammenhang mit Vorbehalten in unserer Gesellschaft gegenüber Menschen, die von sehr weit her kommen,
ist es meines Erachtens wichtig, dass man sich selbst reflektiert
Dass nicht alle, aber sehr viele von uns Vorfahren haben, die von überall her kommen und es eben nicht DIE Rasse oder DAS Volk gibt, sondern einfach nur Menschen - und alle gleich sind.

Echte Genealogie ist natürlich im Rahmen eines Forums sehr schwierig, weil zur exakten Nachforschung Echtnamen benötigt werden.

Daher schlage ich vor, dass jene, die bereit sind, einen Einblick in ihre Vergangenheit zu erlauben, es sehr allgemein und ohne Namensnennungen zu verfassen.

Nun denn, ich fange einfach mal an:

Mütterlicherseits stamme ich von einem sehr kleinen Landgut im ehemaligen Ostpreussen ab.
Das Dorf kann ich nennen: Skomanten, heute Skomentno Wielkie nahe Elk (damals Lück) in Ostpolen.
Die "deutsche" Familie kam ursprünglich aus Österreich als von dem Deutschen Ritterorden gerufene Siedler in die "Heidengebiete".
Die Ursprünge in Österreich sind unbekannt, der Name als bäuerliche Freie tauchte erstmals in einer Chronik der Festung Ryn (Rhein) 1499 auf, als das Landgut (und die Eigentümer) an das Gft. Litauen fiel.
Seit jener Zeit gab es dann zwei Familien auf dem Landgut, eine polnisch-litauische und eben die "unsrige" (Namensherkuft der Mutter).
Die polnische Familie half dann am Ende des II Weltkrieges, meiner Oma und meiner Mama + Bruder zur Flucht über die Ostsee bis nach Dänemark. Letztlich war es die Entscheidung der Oma, von Dänemark nach Baden-Württemberg 1946 auszusiedeln, "Weil es bei den Franzosen immer Essen gab". Der polnischen Familie sind wir bis heute freundschaftlich auch mit gegenseitigen Besuchen verbunden.

Väterlicherseits stamme ich aus einer Tuchmacherfamilie aus Norditalien ab, die mutmaßlich schon vor dem 30jährigen Krieg schon nach Ungarn ausgewandert waren und dort an dem Adeligenhof der Lonyay für Neue Kleider, Kleiderflickarbeiten und Tuchgewand zuständig waren.
Einen Teil der Familie, so stellte sich das nach Recherchen ca. 2000 heraus, blieb in Südtirol hängen und wanderte ca. 1800 als Kirchenbauer nach Südbaden aus, wo sie sich dann in meinem Geburtsort im Schwarzwald-Baar-Kreis wieder zusammenfanden - irre Story alleine das...

Kurz nach dem 30jährigen Krieg wurde unsere Familie dort in einem Schriftstück für 5 Dekaden (also 50 Jahre) treue Dienste erwähnt und geehrt.
Dennoch zog es einen größeren Teil der Familie in der selben Tätigkeit dann ab ca. 1525 an den Badischen Hof nach Baden-Durlach, später Baden-Baden. Die Familie in der Nähe des Hofes wurde recht groß, aber Hungersnöte zwangen eine Teil davon, sich in Leibeigenschaft zu geben.
Mein direkter Vorfahr männlicherseits ging dann als Leibeigner 1792 nach Kanada mit seinem Herren, der selber wieder als "Musketier/Pelzjäger für die britische Handelsgesellschaft "Hudsons Bay Company" tätig war.
Der Herr fiel im Kampf (gegen wen und wann genau ist nicht bekannt Indianer/Franzosen/andere Pelzjäger) und mein Vorfahr flüchtete nach Westen ins Indianergebiet, wo er nachweislich 1801 eine Frau des Tsilhqot`in Stammes zu nächst nach indianischer Tradition ehelichte und 1810 eine christliche Ehe einging. Zwei der daraus hervorgegangenen 4 Söhne wanderten mit einem für damalige Verhältnisse viel Geld aus dem Pelztiergeschäft wieder zurück nach Süddeutschland aus und Gründeten in meinem Geburtsort eine Sattlerei, die es noch heute gibt (mein Onkel, 86 (!))

Ich besuchte im Rahmen eines Protestes im Reservat gegen Bohrungen 2018 meine Verwandtschaft drüben und organisierte Spenden auch aus Deutschland dafür.
Hier ist der Bericht dazu.
Ich bin auch auf dem Bild, ohne jetzt sagen zu wollen, wer genau ich bin.
Habe eine große Nase, bin relativ klein (1,75 m), hatte ursprünglich schwarze "Indianerhaare" und bin mittlerweile weissgrau.
Auch die Blutgruppe 0 hat aus diesem Ausflug meiner Vorfahren nach Nordamerika voll durchgeschlagen.:D

Die Herzlichkeit, Gastfreundschaft aber auch Spiritualität dieser Menschen kann man kaum in Worte fassen.
Jeder Krümel Erde, jeder Busch, jeder Baum, jeder Tropfen Wasser bedeutet ihnen etwas.
Ich habe in den 4 Wochen nur gelernt und bin als jemand anderer zurück nach Europa gekommen.
 
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TE
TE
compisucher

compisucher

Lötkolbengott/-göttin
Schöne Idee, aber wenn ich hier reinschreibe, wer in unserer Familienchronik steht, heißt es wieder: der Schwätzer, kann er ja nicht belegen nach 500 Jahren.
Ach, darum würde ich mich nicht scheren.
Wer mag, kann es lesen und wer nicht, soll es lassen.
Ich habe auch einen Kumpel, der (halbwegs belegt) sich bis auf den alten Kaiser Barbarossa beruft.
Ob das dann alles wahr ist, interessiert weder mich noch ihn.
Wer kann denn schon mit Schriftstücken belegen, was sich z. B. vor dem 30jährigen genealogisch ereignete- kaum jemand.
Es sind im Grunde nach auch schöne Geschichten, die irgendwie verbinden.
 

HenneHuhn

Volt-Modder(in)
Spannend. Ich weiß nicht viel über die fernere Vergangenheit meiner Familie. Wenn dann eher Anekdoten und Geschichten, die maximal bis in die Kindheit meiner Großeltern zurückreichen.

Mütterlicherseits weiß ich nur, dass ein sehr entfernter Verwandter irgendwann im vermutlich 19. Jahrhundert nach Russland ging, es gab da wohl ein Angebot seitens des Zaren, interessierten Siedlern Landbesitz zu geben, um die russischen Weiten zu erschließen.
Meine Oma mütterlichseits jedenfalls ist auf einem ihrer Familie gehörenden Bauernhof in Westpreussen, irgendwo im damaligen Kreis Thorn in der Nähe der gleichnamigen Stadt (heute Torún) oder Bromberg (heute Bydgoszcz) aufgewachsen. Anfang 1945 ist meine Großmutter dann mit ihren Eltern und ihrem noch sehr kleinen, ersten Sohn (mein Onkel) über's Haff gen Westen geflohen. Mein Onkel hat sich dabei eine schwere Lungenentzündung geholt und nur ein Silberfuchsfell hat ihn vor dem Erfrieren gerettet. Dieses Fell ist noch immer in Familienbesitz. Irgendwann nach Kriegsende ist meine Großmutter mit Familie dann hier in Bremen angekommen und wurde zusammen mit anderen Flüchtlingen zunächst in einem alten Herrenhaus im Schlosspark in Bremen einquartiert, das ebenfalls noch heute steht.

Von wo genau mein Großvater mütterlicherseits stammt, das weiß ich gar nicht genau. Als Kind war ich überzeugt, dass er aus "Plattdeutschland" stammen müsse, er hat ja schließlich Plattdüütsch gesnackt :D Was ich weiß ist, dass er im Zweiten Weltkrieg wohl niedrigrangiger Marineoffizier und als Teil einer Geschützbesatzung auf dem Schlachtschiff Scharnhorst stationiert war. Als die Scharnhorst zu ihrer letzten Feindfahrt auslief, musste mein Opa allerdings krankheitsbedingt in Norwegen an Land zurückbleiben. Sein Glück, denn im Gefecht vor dem Nordkap wurde die Scharnhorst versenkt und von fast 2000 Mann Besatzung konnten nur 36 gerettet werden. Später, nach dem Wiederaufbau (in dessen Rahmen er sich eine Asbestlunge zugezogen hat), war er dann Postbeamter.

Die Wurzeln meiner Oma väterlicherseits liegen in Schlesien, genaugenommen in Breslau, heute Wroclaw. Ihr Papa war SPD-Mann (wobei manches ihrer Erzählungen nicht so ganz hinkommt, z.B. dass ihre Eltern und deren Freunde/Genossen sich mit "Rotfront!" begrüßt hätten) und Schriftsetzer bei einer großen Breslauer Zeitung gewesen. Sie hat das Kriegsende in Breslau erlebt, im Rahmen der "Westverschiebung" Polens (https://de.wikipedia.org/wiki/Vierte_Teilung_Polens) dann auch "fremd in der eigenen Heimat". Da der Vater meiner Oma nicht die polnische Staatsangehörigkeit annehmen wollte, musste die Familie ausreisen und kam dann, als Vertriebene, zunächst in Uelzen unter. Dort hat sie dann auch meinen Großvater väterlicherseits kennengelernt.

Mein Großvater väterlicherseits wiederum kommt aus der Umgebung von Uelzen und hat zu Anfang des Krieges eine Lehre zum Uhrmacher angefangen. Wurde dann aber später zum Kriegsdienst eingezogen. Er kam zur Waffen-SS (ob das willkürlich war oder er sich in irgendeiner Form dafür "ausgezeichnet" hat, das weiß ich nicht. Darüber wurde nie gesprochen) und diente an der Ostfront in einem Panzerabwehrtrupp. Irgendwann '43 oder '44 wurde er schwer verwundet gefangen genommen und kam erst 1950 aus der Kriegsgefangenschaft wieder.

Bei einem Tanzabend haben meine Großeltern väterlicherseits sich dann kennengelernt und die Dinge gingen ihren Lauf. Kurz nach der Geburt meines Vaters 1955 ist die Familie dann "schwarz" nach Bremen gezogen und haben als erste eigene Wohnung ein ehemaliges Fleischereigeschäft bezogen, bis irgendwann der gröbste Wohnungsnotstand behoben war.

Meine Oma war in den ersten Jahren nach dem Krieg regelmäßig bei Schlesier- und Vertriebenentreffen dabei. Als dann irgendwann zunehmend revanchistische Polit-Forderungen dort auf der Tagesordnung standen, statt quasi Diaspora-Treffen, hat sie sich von dem ganzen abgewandt. Sie hat dann auch ab den 70ern mehrmals ihre alte Heimat besucht, sich mit den heutigen Bewohnern unterhalten, sich deren ebenfalls of tragischen Geschichten angehört und den Groll, den sie Anfang gegen die Polen gehabt hat, abgelegt. Und bis ins hohe Alter hat sie in ihrer Seniorenwohnanlage Altnazis rundgemacht, so nach dem Motto "Wegen Leuten wie euch und eurem Hitler haben doch wir bzw. ich erst unsere alte Heimat verloren, ihr Pappnasen!".
 
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psalm64

Software-Overclocker(in)
Sehr spannend.
Ganz soviel wie @compisucher kann ich leider nicht beitragen.

Großeltern mütterlicherseits:
Mein Opa stammt aus gutbürgerlichem Haus aus (West-)Berlin.
Meine Oma aus einfachen Verhältnissen im Sauerland.
Mein Opa ist Pastor gewesen und wurde im 2ten Weltkrieg eingezogen und hat am Russlandfeldzug teilgenommen.
Da er russisch konnte, war er bei den Offizieren wohl beliebt und hat als Übersetzer geholfen.
Eine Geschichte aus dem Krieg: Er trug immer eine Taschenuhr in der Brusttasche, die ihm angeblich das Leben gerettet hat, als ein Schuss genau die Uhr traf und ihm daher nicht die Lunge perforiert hat, was ihm unter den Umständen im Winter im Russlandfeldzug garantiert das Leben gekostet hätte. Die Uhr als Beweis mit Einschussloch gibt es bis heute.
Nachdem er anderweitig verwundet wurde kam er in ein Lazarett im Sauerland, wo meine Oma als Krankenschwester gearbeitet hat und sie kamen zusammen und haben auch schnell geheiratet. Meine älteste Tante wurde noch vor Kriegsende geboren und weil ihr Wohnort an einer wichtigen Eisenbahnstrecke mit 2 Brücken in der Nähe gab, musste meine Oma wegen Luftangriffen oft mit meiner Tante als Baby in die in ortsnähe gelegenen Höhlen fliehen.
Das große bürgerliche Wohnhaus der Familie in Berlin meines Opas wurde weggebombt und weil das Geld nicht aufgebracht werden konnte/wollte, wurde das Trümmergrundstück von der Stadt Berlin irgendwann eingezogen. Heute wäre alleine das Grundstück aufgrund der Lage vermutlich diverse Millionen Euro wert...
Nach dem Krieg sollte mein Opa als Berliner eigentlich nach Ostdeutschland und dort eine Gemeinde übernehmen. Allerdings hat er sich dagegen gewehrt und ist im Sauerland geblieben.

Großeltern väterlicherseits:
Mein Opa stammt aus Ostpreußen von einem Bauernhof und ist per Schiff nach Schleswig Holstein geflohen, als die Russen einrückten.
Meine Oma war die älteste Tochter eines Bauern bei Kappeln/Schlei (kleiner Bauernhof).
Dort hat mein Opa sie kennengelernt und geheiratet und dann mit ihr später den Bauernhof übernommen.
Funfakts am Rande:
Ich war quasi ein Geschenk zum 50ten Geburtstag meiner Oma. Wir konnten also alle runden Geburtstage zusammen feiern. :)
Auf der Rückfahrt von der goldenen Hochzeit im späten Frühjahr viel mir auf, das mein Vater im Herbst des gleichen Jahres seinen 50sten Geburtstag feiert... Und da lagen deutlich weniger als 9 Monate dazwischen... Und das in den 40ern... Soso... ;)

Meine Eltern haben sich dann auf einer Urlaubstour für christliche junge Leute nach Taizé kennengelernt.
Als sie (noch unverheiratet) zusammengezogen sind, hat die Vermieterin sich nochmal versichert, das sie auch wirklich verlobt sind und bald heiraten, damals galt ja noch der Verkuppelungsparagraph...
Funfakt: '71 kennenglernt, '73 geheiratet, '75 erstes Kind, '77 zweites Kind
Aufgrund von Geldknappheit haben meine Eltern sehr sparsam gelebt zu Beginn. Sie hatten so wenig Geld, das beim Antrag auf Unterstützung auf dem Amt, der Beamte gesagt hat, daser nicht glauben könne, das sie von so wenig Geld in den letzten Monaten gelebt hätten, sie müssten erst alle ihre Nebeneinkünfte nachweisen, vorher würde er keine Zuschüsse bewilligen...

Edit sagt:
Meine Eltern haben sich ja in der Communauté de Taizé kennengelernt.
Meine Schwester ist vor vielen Jahren in die Communauté de Grandchamp eingetreten.
 
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RyzA

PCGH-Community-Veteran(in)
So tiefgehend habe ich mich nicht mit meiner Familiengeschichte beschäftigt.
Was aber auch daran liegt das ich adoptiert bin.
Meine Adoptivmutter (und ihre Familie) kommt ursprünglich auch Westpreußen.
Die Familie meines Adoptivvaters aus Ostwestfalen.
Ich hatte vor 2 Jahren meine 3 Halbgeschwister kennengelernt und erfahren das meine leibliche Mutter (80 Jahre) Demenz hat.
Die kann keine Auskunft mehr über meinen "Erzeuger" geben. Und sie kennen den nicht.
Meine leibliche Mutter ist Deutsch. Aber mein leiblicher Vater irgendein Südländer (ich sehe auch etwas dunkler aus). Wobei ich nicht mal weiß ob der noch lebt. :ka:
Ich wurde schon für einen Italiener, Griechen oder Türken gehalten.
Und oft in meinen Leben darauf angesprochen. Aber meine Antwort war immer "Ich bin Deutsch". Und das ich eben adoptiert bin und meinen leiblichen Vater nicht kenne.

Edit: Ich hatte auch schon mal überlegt, eine Genprobe zu so ner Firma einzuschicken und von denen bestimmen zu lassen, wo ungefähr meine ethnische Wurzeln herkommen. Geografisch. Aber welche meinten das wäre rausgeschmissenes Geld.

Meine Frau ist halb polnisch und halb Deutsch. Unser Sohn fragt natürlich dann immer auch wegen meiner Abstammung. Weil er auch dunkler aussieht und oft auf seine Herkunft angesprochen wird.
 
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Cook2211

Trockeneisprofi (m/w)
Leider ist über meine Familie mütterlicherseits nIchs historisches bekannt. Mein Stiefbruder arbeitet allerdings bei der regionalen Zeitung und ist bei Recherchen im Stadtarchiv auf Aufzeichnungen über meinen Urgroßvater gestoßen, die allerdings jetzt nicht spektakulär sind.

Um das Jahr 1900 herum lebte mein Urgroßvater Peter im beschaulichen Büsbach, frei nach Grönemeyer „Tief im Westen“ in der Nähe von Aachen, und führte dort einen Malerbetrieb.
Zu dieser Zeit lernte er seine zukünftige Frau kennen. Die Eltern meiner Urgroßmutter führten einen Bauernhof mitten im Herzen von Büsbach. Den Hof kaufte Peter nach der Hochzeit seinen Schwiegereltern ab, doch anstatt Bauer zu werden, blieb er bei der Malerei - nicht nur als Handwerker, er konnte auch hervorragend Stilleben malen.
Bald darauf kam das erste Kind Ludwig, und wenig später die Tochter Elisabeth zur Welt.
Ludwig schlug irgendwann den Berufsweg seines Vaters ein und arbeitete in der Malerfirma. Elisabeth heiratete einen wohlhabenden Jäger aus einem Nachbarort. Ludwig wiederum heiratete meine Oma Johanna und bewohnte mit ihr einen Bereich des von Peter gekauften Hofs.
Leider wurde Ludwig im zweiten Weltkrieg eingezogen und musste an die Front. Dort geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft und musste für einige Jahre in den USA, genauer gesagt Kansas, Feldarbeit leisten. Gemessen an so vielen anderen Kriegsefangenen war das aber, laut seinen Erzählungen, eher wie Urlaub, auch wenn er natürlich Büsbach und seine Familie vermisste.
Ender der 1940er Jahre kehrte er schließlich nach Büsbach zurück und nur wenige Zeit später brachte Johanna meinen Vater Rolf Peter zur Welt.
Rolf ging zur Volksschule, schloß danach die höhere Handelsschule ab, machte seinen Meister und wurde Maler. Als Ludwig am Herzen erkrankte musste mein Vater bereits mit Anfang 20 die Firma übernehmen. Blutjung wie er war, musste er viel, viel Lehrgeld zahlen
Wie auch Peter und Ludwig lebte er auf dem Hof der Familie. In den 1970er Jahren lernte er meine Mutter Karin kennen. Er baute einen Gebäudeteil um, und bezog diesen mit meiner Mutter.
Mit 19 wurde meine Mutter schwanger und brachte 1975….mich zur Welt. Ingo Peter.
Nach dem Gymnasium begann ich 1995, wie sollte es anders sein, die Lehre als Maler- und Lackierer. 2000 machte ich meinen Meister und übernahm schließlich 2011 in der vierten Generation die Firma.
Meine Frau und ich wohnen in Büsbach. In einer zum Wohnhaus umgebauten Scheune - auf dem Hof den Peter 1900 gekauft hatte. Irgendwann haben wir von der Scheune aus Durchbrüche zu dem Haus gemacht, das meine Eltern (mittlerweile geschieden) bewohnt hatten, um uns zu vergrößern. Kein Jahr zu früh, den schon kurze Zeit später kamen unsere Zwillinge zur Welt. Eines ihrer Zimmer ist das, das ab 1975 schon mein Kinderzimmer war.
Und so bewohnt meine Familie väterlicherseits seit nun mehr 122 Jahren in der fünften Generation den guten alten Hof und betreibt dort in vierter Generation einen Malerbetrieb.
Ob meine Mädchen aber auch mal Malerinnen werden, wage ich zu bezweifeln. Handwerk ist out als Berufswahl :(
Aber das ist nicht schlimm. Sie sollen später das machen was sie möchten und wo sie Lust zu haben, und sich nicht gezwungen sehen aus Tradition die Firma zu übernehmen zu müssen.

Das war also die Geschichte eines Teils meiner Familie.
 
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TE
TE
compisucher

compisucher

Lötkolbengott/-göttin
@psalm64 + @RyzA + Cook2211:
Welch spannende Geschichten, ehrlich!
All die Schicksale, all die Freuden und all die Sorgen.
Und wie prägend doch der letzte große Krieg war.
Ich bin da väterlicherseits nicht näher drauf eingegangen, wäre eine längere Story.

@psalm64: Pastor und dann in den Krieg müssen, was für Gewissenkonflikte...
@RyzA : Nicht, dass du mein "Halbneffe" aus Italien bist :cool:
Cook2211: Büsbach kenne ich, echt schön dort! Hatte mir die Burg Stolberg mal angeschaut, extra dort hin gefahren.

Mich berührt das alles sehr.
 

Caduzzz

BIOS-Overclocker(in)
Wirklich interessantes Thema. Ich selber möchte aber gar nicht zu sehr ins Detail gehen.
Väterlicherseits irgendwann, vermutlich 13. Jahrhundert, aus der Schweiz kommend - wovon sich auch mein Nachname ableiten läßt. Quelle ist mein verstorbener Opa, der im 3. Reich für sein Studium natürlich sein/unser "deutsch sein" nachweisen mußte. Unter anderem deshalb kann ich auf einen ziemlich langen Stammbaum zurückblicken, ohne "große Namen" ;)

Aber auch meine Familie hat eine Art Flucht/-Emigrationsgeschichte. Ich habe ja Familie in Südamerika, aber ich glaube gerade das hat meine Oma den Nazis nie "verziehen". Ihr Traum war immer Afrika.
Dann kam der Krieg; und nach dem Krieg wollte in den afrikanischen Kolonien der Franzosen und Briten keiner Deutsche haben...aber in Deutschland (SBZ) bleiben war keine Option.
 

Cook2211

Trockeneisprofi (m/w)
Büsbach kenne ich, echt schön dort! Hatte mir die Burg Stolberg mal angeschaut, extra dort hin gefahren.
Ich hätte nicht gedacht, dass hier jemand unsere Ecke kennt :daumen: :daumen: :daumen:

Burg und Altstadt sind schon interessant. Übrigens auch als Film- und Serien-Schauplatz gefragt. Spitzname Stollywood :D
Leider sind letztes Jahr durch das Hochwasser die Altstadt und die gesamte Stolberger Innenstadt schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Es wird noch Jahre dauern bis Stolberg wieder aufgebaut ist. :(
 
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Olstyle

Moderator
Teammitglied
Kurz zusammengefasst in 4 Teilen:

Großvater Väterlicherseits:
Sein Bruder hat lange gesucht aber nichts interessantes gefunden. Am Ende läuft es auf ein paar Bauern heraus die Mal hugenottische Flüchtlinge waren und nach ein paar Generationen im Bergischen gelandet sind.
Großmutter Väterlicherseits:
Ihr Vater ist vorm 2.WK aus Ungarn eingewandert, irgendwas in die Richtung nachzuverfolgen hat bis jetzt niemand versucht. Fun Fact: Oma hat bis zuletzt ihren Mädchennamen für Reservierungen im Restaurant etc. benutzt, unseren Nachnamen gibt es einfach zu oft.
Großvater Mütterlicherseits:
Auch eine eher arme Familie die sich auf Hugenotten zurückführen lässt. In Kombination erkläre ich meine eher dunkle Haut- und Haarfarbe daher immer mit "genetisch 50% Franzose".
Großmutter Mütterlicherseits:
Hier gibt es sowohl jemanden der sich für die Familiengeschichte interessiert, als auch ein paar Interessante Ahnen. So waren ein paar Generationen Pfarrer im Ulmer Münster und eine Affäre von Goethe soll wohl auch im Stammbaum auftauchen.

Heute macht die Familie vor allem aus dass man nicht besonders Ortsgebunden ist. Ich bin momentan der einzige Mensch in den letzten beiden Generationen der in der selben Stadt wie die Eltern wohnt.

Ein paar sind nur ein paar Dörfer weiter, aber insgesamt verteilen wir uns auf USA(Brüder des Opas Mütterlicherseits sind in den 20er Ausgewandert, er war zu jung um mit zu kommen), England(Schwester meines Vaters + ihr Kinder), Australien(Eine Cousine mütterlicherseits ist in Süd Afrika geboren, hat in London ihr A-Level gemacht und ist nun Fluglehrerin in Sidney, ihr Mutter hat dort ebenfalls gearbeitet bevor man sie als Rentnerin wieder raus geworden hat), Spanien (Bruder meiner Mutter), Nord- (Bruder der "Australierin"), West-(Wir) und Süddeutschland (der größere Teil der Ulmer Linie).
Bis auf die Amis schaffen wir es immer noch uns halbwegs regelmäßig zu treffen.
 

Tschetan

Software-Overclocker(in)
Joa, Compi meinte hier könnte man ein wenig aus der Familienhistorie plaudern.
Oft interessiert man sich, aber die Infos sind vielfach Bruchstückhaft und reichen max 2- 3 Generstionen zurück. Ich finde es insofern interessant, da sie häufig das Leben und die Haltungen der Menschen bzw die Historie beleuchten.

Die Vorfahren meines Vaters kamen aus dem Memelgebiet. Zogen dann aber in Richtung Dresden, wo sich seine Eltern fanden und heirateten. Eigentlich nicht unbedingt spannend, aber bei weiterer Beschäftigung wird es das schon mit einem Schuß Spekulation, denn mein Vater wurde zuf Adoption freigegeben.
Seine leibliche Mutter war bei der Geburt 1941 schon 38 Jahre und seit drei Jahren von ihrem Mann geschieden.
Dieser gab aber 1944 die Zustimmung zur Adoption. Warum, wenn man seit 6 Jahren geschieden war?

Da beginnt dann Recherche und Spekulation, die in das historische geht.
1938 wurden in Deutschland die Judengesetzte verabschiedet und viele Paare haben sich scheiden lassen.
Der Vater, ein Dr.Dipl.phil.Chemiker, arbeitete wahrscheinlich in den Agfa Fabriken in Dresden, was ihn in dem Fall vor einer Deportation gerettet haben könnte, da dort wichtige Filme für die Luftaufklärung produziert wurden.
Dies und die spätere Bombardierung rettete vielen Juden in Dresden das Leben.
Der Name seines Vaters läßt auch stark auf jüdische Wurzeln schließen.

Sein Adoptivvater war ein Anarchist, Wandervogel und Esperanto, der nach der Lehre durch Europa zog.
Ich besitze noch ein Heft von ihm, wo er sich in jeder Ortschaft in Spanien, die er besuchte, vom Alcalden einen Eintrag in ein Heft, mit Unterschrift und Stempel geben ließ.
Die Schrift sieht einfach Klasse aus. Geschrieben mit Tusche und Feder.
Seine Haltung im NS Staat gefällt mir.
Es gibt eine Anekdote, wo ein Verwandter Nazi zu im meinte, als er in der Sonne saß:
" Na, willst wohl ein wenig braun werden?" Und er antwortete: " Nö, nur ein wenig rot, das reicht."

Als es zum Endkampf ging und Schörner alles in die Wehrmacht presste was ging, um noch einen Orden zu erhaschen, musste er im Alter von 45 Jahren doch noch in den Krieg ziehen.
Bunte gemischte Uniformteile und ein oller Karabiner, sollten den Endsieg erreichen.
Er war natürlich " voll" motiviert...
Irgendwo bei Dresden gelang es ihm seinen Ortsfremden Hauptmann zu überzeugen, ihn mit einem Kumpel auf Kundschaft zu schicken. Sie fuhren über die Elbe, warfen die Knarren in den Fluß und verschwanden in das Zittauer Gebirge, wo er halbverhungert nach Kriegsende in Zittau wieder auftauchte.
Leider war ich gerade 7 als er starb und so sind mir sicher viele interessante Geschichten entgangen.
Er war ein Freigeist, Musiker und hat tolle Bilder von Zittau hinterlassen.

Die mütterliche Seite waren richtige Bauern aus der Uckermark bei Prenzlau. 50Ha war die Größe der Wirtschaft, die immer auf den Ältesten übertragen wurde.
Mein Urgroßvater war das schon, aber in heftiger Liebe zur Magd entflammt und so musste er seine Sachen packen und nach Berlin ziehen, wo er mit ihr 4 Kinder zeugte, die am Ende durch den Krieg alle starben.
Weil er im 1. Weltkrieg Uffz war, wurde er Beamter bei der Straßenbahn und seine Frau Schaffnerin.

Sein Sohn, der Vater meiner Mutter war sein ganzer Stolz. Manager bei Niles und ein sehr bekannter Wasserballer.
Sogar Teilnehmer bei Olympia, befreundet mit Riefenstahl und Udet, dazu haufenweise Medaillen von Sportereignissen. Toll!....
Dann bemerkte ich das ein Orden nicht so richtig " toll" ist. Eiserne Kreuze usw, naja, historisch, aber die Verdienstmedaillie mit Schwertern? Die bekam man hinter der Front?
Bisschen gefragt und es kam raus das er SS Obersturmführer war. Scheinbar ein richtig zackiger Nazi?!
Auf jeden Fall ist er 1943 bei Woronesh, wie auch der Opa meiner Frau, gefallen.
Meine Oma erzählte mir noch das sie in Berlin, bevor die Russen einrückten, alle Orden, Büsten und die Ordonanzwaffe im Hof verbuddelt haben.

Auf jeden Fall hat es 3 Väter im 2.Weltkrieg aus der Familie meiner Frau und mir, das Leben gekostet.
Die Opas meiner Frau alle beide, wobei einer den ganzen Krieg bis Afrika mitmachte und dann einige Tage nach der Kapitulation, im Kessel am Gardasee gefallen ist, wie noch viele andere, sinnlos.

Der andere wurde ewig als lebendig gehalten, war aber tot und sein Sohn dachte immer das sein Vater von ihm nichts wissen wollte.
Später fand er heraus das er noch, da seine Eltern nicht geheiratet hatten, 2 Geschwister hat.
Witzig ist das er und sein Bruder, der eine Ost, der andere West, ihren Töchtern den gleichen Namen gaben und beide Doktortitel besaßen und er mit seiner Schwester den Lehrerberuf teilte.
Zufälle gibt es.
 

Incredible Alk

Moderator
Teammitglied
Bei mir ist die Sache ziemlich uninteressant - da meine Famile erstens recht klein ist (im Sinne von man hatte nur wenige Kinder, meist nur eines) und zweitens alle Verwandten sofern man sie zurückverfolgen konnte/wollte genau hier lebten... die letzten mindestens 5 Generationen (weiter reichen keine Aufzeichnungen von uns die mir bekannt wären) waren Saarländer bzw. lebten da wo jetzt das Saarland ist.

Mütterliche Seite waren die Frauen (Oma, Uroma) Näherinnen, die Männer (Opa, Uropa) Bauarbeiter/Handwerker, mein Uropa war später Kriegsveteran mit Bein abgeschossen plus Gefangenschaft, volles Programm, nach ihm ist sogar bis heute im Ort eine Straße benannt - was genau er dafür heldenhaftes getan hat (falls Kriegsveteran nicht reicht, davon gabs ja viele) weiß ich bis heute nicht. Naja, in der Straße steht heute u.a. ein großer Baumarkt - das hätte ihn als Handwerker wohl gefreut.

Väterlicherseits arbeitet die Familie seit 4 Generationen (einschließlich mir) in der Stahlindustrie - Fun Fact: Im gleichen Unternehmen, unsere Familie hat weit über 100 Mannjahre in dem Laden gearbeitet (je von Ausbildung bis Rente halt) und sofern die Geschichte es will werde ich noch weitere 25-30 dort bringen. Bin gespannt, ob meine Tochter irgendwann auch dahin will. :ugly:
Aber so im Nachhinein schon komisch wenn man darüber nachdenkt. Praktisch unser gesamter vorhandener Besitz/Vermögen stammt aus dem Lohn einer einzigen Firma.

Die Familie meiner Frau ist ebenfalls bis Beginn der bekannten Aufzeichnungen hier verwurzelt, die Frauen waren Hausfrauen, die Männer Bergleute (sogar der Familienname stammt aus dem Bergbau bzw. ist eigentlich eine Bergmannsbezeichnung für eine bestimmte tektonische Zone/Gesteinsart).

Achja, Namen... mein Familienname ist weitaus älter als was von meinen direkten Verwandten bekannt ist aber selbst hier kommts noch aus der näheren Umgebung. Der Name stammt sehr wahrscheinlich von einem römischen Geschlecht/Großfamilie aus Augusta Treverorum vor grob 2000 Jahren, heutige Stadt Trier. Ist zwar für nen Saarländer schwer zu ertragen dass die Urahnen aus der Pfalz kommen aber da muss ich wohl durch. :haha:
 

Olstyle

Moderator
Teammitglied
Väterlicherseits arbeitet die Familie seit 4 Generationen (einschließlich mir) in der Stahlindustrie - Fun Fact: Im gleichen Unternehmen, unsere Familie hat weit über 100 Mannjahre in dem Laden gearbeitet (je von Ausbildung bis Rente halt) und sofern die Geschichte es will werde ich noch weitere 25-30 dort bringen.
Wenn das alle Mitarbeiter so halten wundert mich auch die relativ schlechte Bezahlung nicht mehr.
 

Incredible Alk

Moderator
Teammitglied
Wenn das alle Mitarbeiter so halten wundert mich auch die relativ schlechte Bezahlung nicht mehr.
Das tun nach wie vor sehr viele. Es ist aber lange nicht mehr so "schlimm" wie früher was das "familienfreundliche Unternehmen" angeht. Noch bis in die 90er Jahre war es praktisch so, dass man dort als Azubi eingestellt wurde wenn der Papa da gearbeitet hat und man zumindest unfallfrei bis drei zählen konnte und nix illegales auf dem Kerbholz hatte. Das hatte sogar so einige unternehmerische Vorteile, denn die ganze Belegschaft kannte sich über die Jahrzehnte untereinander sehr gut und auch vieles an Know-How wurde "vererbt" und sich immer gegenseitig geholfen. Der Laden hatte ein extrem starkes Wir-Gefühl.
Das alles hat sich ziemlich gewandelt hin zu "modern" - mir war der Ausbildungsplatz und auch das kooperative Studium keinesfalls mehr sicher nur weil mein Paps da schon ein paar Jahrzehnte abgerissen hatte, auch wenns sicherlich kein Nachteil war.

Die Bezahlung ist verglichen mit ähnlichem Umfeld im Angestelltenbereich tatsächlich relativ (!) schlecht (du kennsts bei mir ja grob :ugly: ), einfach weil man natürlich ohne Wechsel des Arbeitgebers bzw. berufliche Sprünge in seiner Laufbahn kaum die ganz hohen Gehälter erreichen wird. Der bisherige "Deal" war an der Stelle "du verdienst etwas weniger aber so lange du deinen Job gut machst wird dir einkommensseitig bis Rente und Tod niemals was passieren". Bei einem Unternehmen das mittelfristig 350 Jahre alt wird und alle Krisen und Kriege überstanden hat (und zu allen Zeiten immer an seinen Mitarbeitern festhielt wie versprochen) ist das schon ein fettes Argument - leider sind wir auch da gezwungenermaßen "moderner" geworden: Ob der Laden die 350 oder 375 Jahre wirklich erreicht (letzteres wäre schön dann reichts für mich zur Rente^^) ist heute weit weniger selbstverständlich als noch 1990.

Aber ich schätze mal das führt zu sehr ins OT, es geht hier ja eher um Ahnen und Herkunft von Usern und nicht um Unternehmensphilosophien^^

ich danke euch recht herzlich für diesen Einblick!!!
Gern geschehen^^
 
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