Ich frage mich vor allem, wie der Ablauf des G20 in den nächsten Monaten politisch genutzt wird.
Ich habe den Eindruck, dass das auf Bundesebene schon wieder in der Versenkung verschwunden ist – keiner traut sich die politischen Probleme anzusprechen, weil er beteiligt ist oder Angst hat, von den Medien in die Molliwerferecke gestellt zu werden und umgekehrt ist die Law and Order Fraktion in ihre Löcher zurückgekehrt, weil es eben doch schwer zu erklären ist, wie "mehr Polizei" das Problem "Einsatz von 10000 Polizisten führt zu 100 angezeigten Polizisten, 10 Verdächtigen und 0 Verurteilten" lösen könnte. Auf Landesebene könnte es noch etwas länger laufen, weil Scholz endlich BILD-Unterstützung gegen die Flora hat und Aktionismus demonstrieren möchte, während die Grünen als "Täter" auf beiden Seiten handlungsunfähig sind. Aber auch da scheinen die Hamburger langsam die Köpfe aus den Fenster gesteckt und keinen zerstörten Stadtteil gefunden zu haben, so dass das Potential endlich ist.
Wenn ich an meine Schulzeit in der RAF-Ära zurück denke, dann waren wir Schüler damals alle
massiv politisiert, sprachen über Geschehnisse und hatte dazu eine Meinung. Wenn ich heute meine
Nachhilfekinder sehe, haben diese mit 16-18 Jahren nicht einmal mitbekommen, was passiert ist.
Auch in den Schulklassen ist es kein Thema, Politik ist ja so langweilig.
Daß damit die Rahmenbedingungen für unser aller Leben definiert werden, verstehen die "Kinder"
nicht und fügen sich. Für mich ist das nichts als verdammter Komformismus. Aber ganz langsam
kann man das Interesse wecken.
Kenne die Kinder von heute nicht, aber zumindest in den 90ern konnte man unter Teenagern noch eine durchschnittliche Menge an Leuten finden, die bei Themen wie Umweltzerstörung, Atomwaffen und Krieg aufmerksam wurden. Halt alles, was sich gut in Bilder verpacken lässt. Klimawandel, Globalisierung und Grundrechteaushöhlung sind aber arg unfotogene Themen und an die 90%, für die Politik sowieso nur aus Springer-Wahlempfehlungen besteht, kommt man halt nie ran - egal ob sie 15 oder 51 sind.
Auf dem europäischen Festland ist es für solche Veranstaltungen unerheblich wo sich "die Szene" normalerweise aufhält. Nur die Engländer konnten da in der Vergangenheit dank ihrer Schengen-freien Insellage etwas vorfiltern (was aber imo Freizügigkeit nicht aufwiegt).
Weiß nicht, wen du mit "die Szene" meinst, aber zerstörungswütige Krawalltouristen sind normalerweise nicht sehr reisefreudig, sondern kommen aus der Region (nicht umsonst gab es mehrere klassische 1.Mai-Problemgegenden in Deutschland).
Und für politisch aktive wird das ganze auch schnell zum finanziellen oder extentiellen Problem. Zwar sind viele durchaus bereit, einen halben Tag Anreise zu einer Demo in Kauf zu nehmen. Aber wenn sich keine günstige Reisemöglichkeit findet, es keine bezahlbaren/kostenlosen Unterkünfte vor Ort gibt oder man schlicht mehrere Tage Urlaub für die Reise bräuchte, dann muss man zwischen politischen Zielen und sich-nicht-das-eigene-Leben-ruinieren abwägen. Sind ja typischerweise nicht die Besserverdiener, die gegen das herrschende System protestieren wollen. Bei G20, wo sich schnell ganze Busgruppen zusammenfinden, kommt es trotzdem zu größeren Anreisewellen (nicht umsonst ist man so systematisch gegen Camps vorgegangen - Schlaflosig-/Obdachlosigkeit ist ein wirkungsvolles Abschreckungsmittel, wenn die Polizei politische Meinungsäußerung verhindern möchte). Aber kleinere Veranstaltungen als G7/8/20 ziehen kein internationales Publikum an, sondern allenfalls eins aus benachbarten Bundesländern. Eher noch kommt es zu korrdinierten Demonstrationen in mehreren Ländern, wenn es einen global bedeutenden Anlass gibt.
Da frage ich mich immer, ob die Polizeigewerkschaften absichtlich oder aus Dummheit immer nach "Personal UND Ausstattung" schreien. Denn wie mehr Ausstattung dabei hilft, eine Demo deeskalierend zu begleiten, einen Fahrraddiebstahl nicht erst nach 3 Wochen in die Akten aufzunehmen (und die Akte dann nach 4 Wochen zu schließen) oder Nazis in ihre Schranken zu verweisen, ist mir irgendwie schleierhaft. Politiker werden, wenn sie Aktionismus mit "dauerhaft zu finanzierenden, weit verteilten Stellen" und "teuerem High-Tech-Kram den man einweihen/überreichen kann" beweisen können, immer (nur) die Gadgets wählen und eben kein neues Personal einstellen.
Ist bei den Lehrern nicht anders.
Allerdings finden junge Referendare kaum eine Stelle.
Lehrerstellen sind schon seit Ewigkeiten die reinste Lotterie, weil die Anstellungen sich zu 100% nach Wahlkampfthemen richten, die Ausbildung nach Kapazitäten und die Nachfrage nach den Arbeitsplatzchancen in anderen Bereichen/der Angst der Studienanfänger. Nur der eigentlich kinderleicht vorhersagbare Bedarf, der interessiert keinen.
Im Moment bahnt sich aber mal wieder eine "wir haben zuwenig ausgebildete Lehrer, lass uns doch Quereinsteiger aus der Wirtschaft nehmen"-Phase an. Vorher müssen die Schulen aber noch mit Glasfaser, 4k Beamern und Smartphoneabs ausgestattet und die 13. Klasse wiedereingeführt werden (siehe oben: Bloß keine Personalstellen schaffen!), damit die Schwächen im Kopfrechnen bei den Lehrlingen zurückgehen
