AW: Cyberpunk 2077: Spiele-Journalist hält alle Vorbesteller für Idioten
Über die harsche Wortwahl kann man vielleicht unterschiedlicher Meinung sein, jedoch wenn man sich diese "grassierende Krankheit" ansieht, kann man wohl auch so eine, wahrscheinlich gezielt gewählte, weil medienaufmerksamkeit generierende Wortwahl verstehen.
(Und bevor man hier alles in einen Topf wirft, Kickstarter und Baker sind ein anderes Thema.)
Wenn man das Standardprodukt vorbestellt, erst recht, wenn dessen Release so weit in der Zukunft liegt, hat man nun mal schlicht einen an der Waffel oder weiß einfach nicht wohin mit seinem Geld. Etwaige andere Erklärungen sind in diesem Kontext hinfällig oder schlichte Schutzbehauptungen, um das eigene, irrationale Verhalten zu erklären.
Man kauft hierbei ein Gut, für das es zum Release-Zeitpunkt keine Knappheit geben kann, da es ein rein virtuelles Gut ist, das beliebig oft vervielfältigt wird. Alle angeschlossenen Vertriebspartner werden dieses Gut (hier ein Softwareprodukt in Form eines Computerspiels) so oft wie möglich verkaufen (Retail spielt mittlerweile keine nennenswerte Rolle mehr), sodass es völlig abwegig ist jetzt schon vorab 50 - 80 € rauszuwerfen, die einem dann für die nächsten Monate in der Kasse fehlen werden. In der Wirtschaft gibt es hierzu den Begriff Opportunitätskosten für entgangene "Erlöse" ... hier, weil man diese X € für ein Produkt ausgegeben hat, das erst in frühestens 10 Monaten verfügbar sein wird, ohne dass man für diese frühzeitige Investition einen Gegenwert erhält und gleichzeitig hätte man das Geld möglicherweise innerhalb dieser Zeitspanne an anderer Stelle "gewinnbringender" einsetzen können.
Im Falle von Cyperpunk 2077 ist es vielleicht noch eine einfache Entscheidung, denn bspw. auch für mich handelt es sich hierbei um den einzigen Titel (in den kommenden Monaten), dem ich pauschal ein must-have zuschreiben würde, was aber dennoch kein Grund ist, mich finanziell vorab zu binden ohne dass dafür eine konkrete Notwendigkeit besteht.
Aber das Phänomen des Spiele-Vorbestellens ist ja nicht auf solche Highlights beschränkt. Es werden auch zuhauf andere Titel vorbestellt, deren konkrete Qualität, Spielmechanik und Umfang man im Vorfeld nicht mal ansatzweise abschätzen kann. Und man wurde hier schon vielfach von vermeintlichen Triple-A-Titeln in der Vergangenheit enttäuscht, was auch nicht verwundern sollten, denn hierbei geht es mittlerweile um eine Milliardeninsdustrie, also BigBusiness und nicht etwa um das Fertigen einzigartiger, individueller, guter, innovativer Spiele; es geht zum größten Teil schlicht um Umsatz und Gewinn. *) Als Elternteil kann man sich ob der an den Tag gelegten Dummheit nur wundern, wenn sich der in der Ausbildung befindliche Sohn bei dem knappen Lehrgeld zu so einem Schwachsinn hinreißen lässt, dann aber gleichzeitig über die durchgelatschten Tennisschuhe lamentiert wird und dass man sich natürlich für ein paar billige "30 €-Kik-Treter" zu schade sei. Aber man hat schon mal einfach so 60+ € aus dem Fenster geworfen für etwas, das in den kommenden 10 Monaten keinen "Wert" generieren wird. Typischerweise würde man hier von einem "Mehrwert" sprechen, aber in diesem Fall generiert das noch nicht verfügbare Produkt schlicht gar keinen Wert während der nächsten Monate.
Und darüber hinaus haben Publisher und Entwickler natürlich auch noch subtilere Möglichkeiten um eine Art Pseudoproduktknappheit zu erzeugen. Man kann einen einige Tage früheren Zugriff gewähren, man kann ein, zwei Waffen duplizieren, denen eine andere Textur verpassen und den Schadenswert durch einen Mausklick minimal erhöhnen und diese dann als exklusive Bonusinhalte anbieten usw. In manchen Spielen, in denen Skins total irrelevant sind, reicht es machnmal dennoch oft aus, gar die existierende Lederjack im Portfolio in einer pinkfarbenene Version mit Totenkopf auf dem Rücken zu inkludieren und man hat gleich ein paar Vorbesteller mehr oder bezeichnet das Ganze gleich als eine teuere Digital Deluxe Edition, etc.
Untern Strich sind das alles Maßnahmen, die den Entwickler praktisch nichts kosten, während man auf der anderen Seite zusätzliche Vorbestellungen oder Mehrgewinne aufgrund geringfügig teuerer Editionen einstreicht. Schlussendlich ... wer das bis jetzt noch nicht begriffen hat, ist halt selbst schuld und hat es auch nicht anders verdient, wenn er mit der einen oder anderen Vorbestellung vor die Wand fährt. Traurig ist dann nur hierbei, dass die Lernkurve abgeschwächt wird, indem die Vertriebspartner nachträglich übermäßig kulant sind aber auch dieses Verhalten hat kalkül und dies schlicht der Umsatzwahrung und -steigerung.
*) CD Project Red scheint zumindest bisher erfolgreich gegen den Strom angekämpft zu haben und das, was früher vielleicht einmal Bioware war, ist heute CD Projekt Red. Man kann nur hoffen, dass der weitere Erfolg deren Ausrichtung nicht nachteilig beeinflussen wird.