Der kalte Krieg hat das Leben in Deutschland auch in den 80ern noch mehr geprägt, als es heutige Kriege machen. Was gabs zusätzlich? Bin etwas zu jung dafür, aber ich glaube Waldsterben war weiterhin ein Thema, Ozonloch ein frisches und diverse Gewässer steuerten ihre eigene Chemie bei. Wirtschaftlich war das Ruhrgebiet am abstürzen, international tobte der erste Golfkrieg und (wie in jedem Jahrzehnt der nahe Osten), die Region der heutige Ukraine machte mit so einer kleiner Panne in der Nähe von Pripjat auf sich aufmerksam. Und die Ereignisse in der DDR werden heute zwar rückblickend positiv als "wir haben die Wiedervereinigung" erreicht gelesen, aber man sollte sich vielleicht noch einmal in Erinnerung rufen, dass es nach Jahrzehnten konstanter Trennung und Scheindemokratie sämtliche anderen Parameter waren, die soweit abstürzten, dass den Leuten endgültig und trotz verbundener Gefahren nur noch der Gang auf die Straße blieb.
90er? Allein die sogenannte Musik und die Klamotten
Ich erinnere mich spontan an den wirtschaftlichen Kollaps in den neuen Bundesländern, "Baseballschlägerjahre" mit ganz realer Bedrohung durch rechtsextreme Gewalt im Alltag, im Urlaub flogen einem NATO-Staffeln gen (ex-)Jugoslawien über den Kopf, am Golf tobte die zweite, aus europäischer Sicht ungleich bedrohlichere Runde. Zu Hause gab es regelmäßig Ozonalarme/Schließungen von Einrichtungen, vielerorts Wassernotstand und weltpolitisch konnte man sich zum Beispiel gegen französische Atomtests engagieren. Klimakrise ist in der Breite auch ein Thema der 90er – Rio 92, Kyoto 97. Zur/kurz nach der Jahrtausendwende folgten dann, für alle, die aus der T-Aktie nichts gelernt hatten, der Dotcom-Crash und ein Jahr später 9/11 mit den bekannten Folgen. Wiki listet noch ein paar Wirtschaftskrisen in Asien mit globaler Auswirkung. Ebenfalls in Deutschland weniger direkt beachtet, aber ganz sicher schwerwiegende Krisen waren der erste Tschetschenienkrieg sowie rund ein Dutzend großer Konflikte, einschließlich ausgewachsenem Völkermord, in Afrika. Mit Kongo, Sudan und Yemen (und natürlich naher Osten) geht der Großteil der heutigen großen, kriegerischen Krisen, direkt auf damalige Konflikte zurück.
Also mal abgesehen von der Corona-Epidemie, die allgemein als singuläres Ereignis betrachtet wird, zu dem es seit der spanischen Grippe und somit seit Beginn der Globalisierung nichts vergleichbares gab, würde ich sagen: Krisen waren immer da. Und auch wenn der Medienkonsum früher umständlicher war, so haben die Leute sich dennoch damit beschäftigt – wo man heute fünfmal mit der gleichen Katastrophe berieselt wird, musste man früher halt fünfmal soviel Zeit investieren, um sich einmal darüber zu informieren. An Informationsgewinn und Beschäftigungszeit ändert das aber wenig. (Was traurig ist, wenn man bedenkt, wie viel mehr Informationen moderne Medien eigentlich vermitteln könnten.)
Was sich offensichtlich geändert hat: Die Bereitschaft (oder Fähigkeit?) von Menschen allgemein, einfach mal Augen und Ohren zu schließen, wenn ihnen was zu viel wird. Dabei mag auch die leichtere Zugänglichkeit eine Rolle spielen, da einem beim Tageszeitung-nicht-kaufen-gehen auch die eigene Faulheit und beim Tagesschau-verpassen die eigene Verplantheit unterstützen, aber eigentlich sollte TikTok-nicht-öffnen doch auch nicht so schwer sein? Umgekehrt macht es mir etwas Hoffnung, dass die Menschen heute von den ganzen Krisen betroffener zu sein scheinen. Denn wie oben schon angedeutet sind viele Kriegsbeziehungen, Klimawandel, Atomdebatte, gesellschaftliche Spaltungen und manches mehr so alt, dass Gen Z das eigentlich nur aus Geschichtsbüchern zu kennen bräuchte. Wenn Gen X denn mal mehr dagegen getan hätte. Vielleicht hat es Gen Beta (?) dann mal besser. Wobei: Dazwischen ist noch Gen Alpha. Im Gegensatz zu Gen Z und früher, die in ihrer Kindheit noch eigene Medien konsumiert und den oben genannten Scheiß den Erwachsenen überlassen hat, wurde Alpha die Google- (oder Apple-)Bindung in die Wiege gelegt und Corona hat bei denen die wichtigsten Entwicklungsjahre überhaupt getroffen. Wer weiß, was das für die Zukunft für Folgen haben wird?
gez.: Gen whYtf??
Staatliche Förderprogramme für KI sind zwar mittlerweile weit fortgeschritten, aber noch immer nicht wirklich am laufen. Die hunderte Milliarden (oder sind wir insgesamt schon bei einer Billion?), die bislang investiert wurden, kamen von Konzernen; nicht von Institutionen, die sich um Menschen sorgen.