AW: Bericht: 560.000 Deutsche sind internetsüchtig - vermutlich
Ein paar relevante, wissenschaftliche Informationen, die zur Diskussion beitragen könnten:
1. Diagnostische Kriterien nach ICD 10 für die Abhängigkeit von einer Substanz
(drei oder mehr der sechs Punkte müssen für mindestens einen Monat anhalten)
- Starker Wunsch oder eine Art Zwang eine Substanz zu konsumieren
- Verminderte Kontrollfähigkeit (bzgl. Beginn, Beendigung und Menge des Substanzkonsums)
- Ein körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung des Konsums oder Verminderung der Entzugssymptome durch erneuten Substanzkonsum
- Nachweis einer Toleranz (d.h. Dosiserhöhung ist notwendig, um die gewünschte Wirkung zu erreichen)
- Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügungen oder Interessen zugunsten des Substanzkonsums, erhöhter Zeitaufwand, um die Substanz zu konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen
- Anhaltender Substanzkonsum trotz Nachweis eindeutig schädlicher Folgen (körperlich, sozial, psychisch)
2. Diagnostische Kriterien nach ICD 10 für den schädlichen Gebrauch (=Missbrauch) von einer Substanz
Diese Diagnose erfordert eine
tatsächliche Schädigung der psychischen oder physischen Gesundheit des Konsumenten. Diese kann eine körperliche Störung sein (z.B. Alkoholgastritis, Fettleber) oder eine psychische Störung, z.B. eine depressive Episode nach massivem Alkoholkonsum.
Die Kriterien müssen über ein Jahr vorhanden sein, um die Diagnose des Missbrauchs zu stellen und nicht für die Diagnosestellung der Abhängigkeit ausreichen.
3. Substanzungebundene Süchte
Die substanzungebundenen oder auch Verhaltenssüchte sind keine scharf abgegrenzte eigene Störungskategorie (Was jedoch diskutiert wird). Sie finden sich im ICD-10 überwiegend unter F6 „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen“ genauer F63 „abnorme Gewohnheiten/Störungen der Impulskontrolle“.
Dennoch weisen die Störungen starke symptomatische Ähnlichkeiten zu substanzgebunden Süchten auf. --> Gedanken drehen sich um Suchtverhalten, Vernachlässigung sozialer Kontakte, Verlust sozialer Kontakte, der Arbeit aufgrund Einengung des Verhaltens auf das Suchtverhalten, Toleranzentwicklung bei Spielsucht usw.
Bsp.: Spielsucht oder pathologisches Spielen F63.0:
· Beharrliches, wiederholtes Glücksspiel, das anhält und sich trotz negativer sozialer (Verarmung, Störung familiärer Verhältnisse), aufrechterhält bzw. steigert
· Abgrenzung nötig von:
[FONT="]o [/FONT]Z72.6: Gewohnheitsmäßiges Spielen um Geld zu verdienen oder aufgrund der Spannung…
[FONT="]o [/FONT]Exzessives Spielen während einer Manie
[FONT="]o [/FONT]Spielen im Rahmen von F60.2 dissoziale Pers. Störung.
- Prävalenz
- Männer sind häufiger betroffen als Frauen
- in Deutschland ca 100.000 Betroffene (Wikipedia)
4. Behandlungsmöglichkeiten von Spielsucht(aus Wikipedia):
Die Therapie erfordert sowohl psychotherapeutische (multimodale Psychotherapie) Maßnahmen wie auch Hilfestellungen zur Schuldenregulierung. Empfehlenswert ist die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe, z. B. an der der Anonymen Spieler.
Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim eröffnete im Januar 2009 eine Ambulanz für Spielsüchtige. Diese wird finanziert durch das baden-württembergische Ministerium für Arbeit und Soziales. In Österreich finden Betroffene und Angehörige im Institut Glücksspiel & Abhängigkeit allumfassende Hilfestellungen. Das Institut mit Sitz in Salzburg wurde 2002 gegründet und finanziert sich ausschließlich durch Spenden und Beratungsverträge. Beratung ist kostenlos und auf Wunsch anonym.
5. Befunde
In einer
aktuellen Studie (Grant et al.: A double-blind, placebo-controlled study of the opiate antagonist naltrexone in the treatment of pathological gambling urges) konnten mit
Naltrexon (Opioidantagonist
--> wird auch bei der Heroinabstinenz eingesetzt) 40 Prozent der Teilnehmer wenigstens einen Monat auf das Spielen verzichten, in der Placebogruppe waren es hingegen nur knappe 11 Prozent!
Studie von Hahn & Jerusalem (2001): in Deutschland sind ca. 2,7% der Bevölkerung internetsüchtig
• Begriff „Internetsucht“ ist Problem beladen, besser „exzessiver Internetgebrauch“
Fragebogen zur Internetsucht: Internet Addiction Questionnaire (Young, 1996)
Faktoren, die Internetsucht begünstigen, Studie von Montag, Jurkiewicz & Reuter (under review):
Selbstgerichtetheit (SelfDirectedness) (=Die Fähigkeit aktiv Probleme zu bewältigen und die eigene Person bzw. Persönlichkeit zu akzeptieren) ist ein besserer Prädiktor als Neurotizismus für exzessiven Internetgebrauch.
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Bildgebungsstudien deuten auf eine veränderte Funktion des mesokortikolimbischen dopaminergen Belohnungssystems sowohl bei stoffgebundener als auch bei stoffungebundener Abhängigkeit hin. [/FONT]
Idee: sowohl stoff- als auch nicht stoffgebundene Süchten liegen die gleichen biologischen Mechanismen zu Grunde (wölfing et al., 2009)
Persönlichkeit und pathologisches Glücksspiel
- Moran (1970), Seager (1970) & Blaszynksi et al. (1985) fanden einen Zusammenhang zwischen pathologischem Glücksspiel und erhöhten Neurotizismuswerten (gemessen mit EPQ)
- Erhöhte Depressionswerte (Moravec & Munley, 1983; Graham & Lowenfeld, 1986) sowie erhöhten Werten auf Psychopathie (Roston, 1961; Bolen et al., 1975) bei Glücksspielern gemessen mit dem MMPI
- Sensation Seeking: uneinheitliche Befunde
- Höhere Werte auf Eysenck’s Impulsivity Scale (Perry, 2001)
- Insgesamt: Assoziationen mit negativer Emotionalität & Impulsivität, es gibt aber auch nicht so etwas wie eine „Spielerpersönlichkeit“ – es handelt sich eher um persönlichkeitsbedingte Risikofaktoren.
- Achtung vor dem Henne-Ei Problem: Das sind Korrelationen und keine Kausalzusammenhänge!
Geschlecht und pathologisches Glücksspiel
- Das Geschlecht erwies sich in bundesdeutschen Untersuchungen als zuverlässiger Prädiktor für die Teilnahme an Glücksspielen. Männer sind in der Regel „spielfreudiger“ als Frauen.
- In Casinos machen Frauen gerade 20% der Spieler aus, obwohl 50 % der Besucher weiblich sind (eher als Begleitung ^^)
- Beim „kleinen Spiel“ der Automatencasinos sind allerdings über die Hälfte der Spieler weiblich (Hübl et al., 1987)
- Vielleicht aussagekräftiger sind Daten von Bühringer & Türk (1987) mit einer repräsentativen Umfrage in den neuen und alten Bundesländern: dort spielen 13,1 % bzw. 12,6 % der Männer und 2,9 % bzw. 1,2 % der Frauen (Verhältnis 1:4 bzw. 1:10)
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Durch die Emanzipation der Frau und deren finanzielle Unabhängigkeit zeigen sich hier aber ebenfalls stark steigende Zahlen unter den Spielerinnen[/FONT]