Schade fand die Zahlen auch immer sehr aussagekräftig. Die prozentuale Verteilung der verkauften Produkte wird 1zu1 auch bei allen anderen Händlern so der Fall sein.
Leider nicht im geringsten.
Mindfactory hat nicht nur einige großen Marken prinzipiell nicht geführt und so das Bild von vorneherein verzerrt, sondern auch seine Verkaufsstrategie konsequent auf Niedrigpreise optimiert, von der Warenauswahl bis zur Serviceausgestaltung und der Selbstvermarktung. Wenn man Wissen wollte, was Leute kaufen, die in Preisvergleichen "Euro absteigend" und dann das erste Produkt anklicken, dann waren die Mindfactory-Zahlen okay. Aber bei höheren Anforderungen, sei es an Produkte oder an Dienstleistungen des Händlers, war Mindfactory teils gar keine oder nur noch eine zweitrangige Option.
Dieser Prozess ist auch nicht zufällig und somit nicht statistisch rausmittelbar: Hatte Mindfactory eine Rabattaktion oder besonders gute Einkaufskonditionen für ein bestimmtes Produkt, ging dessen Absatz bei Mindfactory natürlich durch die Decke. Bei anderen Händlern konnte er umgekehrt sogar sinken, eben weil danach Suchende zu Mindfactory gegangen sind. Wollte ein Kunde dagegen umgekehrt zum Beispiel ein Asus-Mainboard in seinem Rechner, dann hat er automatisch gar nichts von Mindfactory gekauft, weil er das da nicht bekommen hat. Durch diese PC-typische Bündelung in Systemen erfasst der Mindfactory-Bias sogar allgemein gut und einheitlich verfügbare Produkte. Zum Beispiel hat Mindfactory schon früh hohe AMD-Absatzzahlen gemeldet, als Intel-CPUs durchaus noch konkurrenzfähig waren (ja, lang ists her) und nur mäßig teurer. Die Kundschaft bei sogenannten "Apothekenhändlern" (ich nenn mal keine Namen) hat nicht gejuckt, wenn sie 30 Euro mehr für eine gleich starke CPU ausgeben mussten, erst Recht nicht wenn dieser noch (subjektiv) andere Vorteile (z.B. vermeintliche Stabilität) zugeschrieben wurden. Aber für die "Hauptsache der Preis stimmt"-Zielgruppe von Mindfactory war das ein entscheidender Unterschied, der das Kaufverhalten massiv verschoben hat – und eben nicht für CPUs, sondern z.B. in der Lücke zwischen X570- und Z590-Generation auch bei PCI-Express-4.0-SSDs oder im Bereich RAM hin zu bestimmten Geschwindigkeiten, die dem AMD-Sweetspot entsprechen und bei einem Händler mit höherem Intel-Anteil in der Kundschaft ganz anders nachgefragt werden.
Hinzu kommt, wo ich gerade ein CPU-Beispiel gebracht habe, dass die Mindfactory-Zahlen gerne auf den Gesamtmarkt projiziert wurden. Genauso wenig, wie Mindfactory-Angaben für den allgemeinen Retail-Markt repräsentativ sind, sagen allgemeine Retail-Marktzahlen aber etwas über die Attraktivität von AMD-/Intel-/Nvidia-Produkten bei den großen OEMs und deren Kundschaft aus, die den Löwenanteil des gesamten IT-Absatzes bestreiten. Von daher muss man ganz ehrlich sagen: Der heutige Tag ist ein Fortschritt für die allgemein Informationsvermittlung.
Es war zwar schön, die Mindfactory-Statistiken für deren Marktnische zu haben. Aber diese Angaben zu einem Kreis von schätzungsweise einigen 100.000 Nutzern insgesamt wurden so oft zu Unrecht auf den Gesamtmarkt von mehreren Millionen projiziert, dass sie meiner Meinung nach zu mehr Fake-News denn Wissenserweiterungen geführt haben.
P.S.:
Durchgängig Vergangenheitsform, da ich von Mindfactory im Zuge von Besitzerwechsel und laufendem Insolvenzverfahren dieses Jahr einige Veränderungen erwarte.