AW: Bundeskoalition - Neuwahlen oder Durchbeißen?
Klingt so.
Und damit fällt es in die mitlerweile sehr große Gruppe von Geschichten unterschiedlicher Intention, die logisch klingen, aber falsch sind.
In dem Fall sind es mal wieder die Grundlagen und Ungenauigkeiten, die hier einen verzerrten Eindruck generieren:
"Es ist der Zins, der allen Wohlstand und alle Absicherung verschlingen wird."
Im Endeffekt stimmt, dass Zinsen an Rücklagen knabbern. Haben sie aber schon immer gemacht und sie machen es auch nicht direkt - sondern über die Inflation, d.h. die Generierung von zusätzlichem Geld in Umlauf, dass den Wert der angespaarten Rücklagen verringert. Dadurch wird aber kein Wohlstand vernichtet. Das ist ein ganz banales und im Kapitalismus nötiges Mittel, um die Leute davon abzuhalten, große Mengen Geld einfach einzulagern - was an sich noch nicht schlimm wäre, aber eine Steuerung des Finanzsystems erheblich erschwert und das Risiko einer schleichenden Deflation oder einer schlagartigen, unkontrollierbaren Inflation birgt, wenn die Leute auf einmal das Geld doch rausholen. (de facto würden da die gleichen Mechanismen wie an der Börse wirken)
"Die Bibliotheken der Universitäten sind mit Wissen von Experten voll gestopft. Die meisten dieser Experten bewegen sich aber im Mainstream, in einer Konstellation aus Lügen, Unterdrückung und Wahrheiten."
Stimmt natürlich zu 100%. Natürlich bewegt sich die Mehrheit der Experten im "Mainstream". Der Mainstream ist schließlich über die Mehrheit definiert. Und natürlich gibt es in jedem Informationgebilde, an dem eine große Zahl von Menschen mitwirkt, auch Fälle von Lüge oder Unterdrückung. Aber was suggeriert der Artikel bzw. auf welche Aussage baut der Autor im weiteren Verlauf auf?
Das die Mehrheit der Experten Lügen verbreiten und der Unterdrückung von Menschen dienen und man sich statt dessen an Minderheiten halten sollte - und das ist mit ziemlicher Sicherheit falsch und alles, was "logisch" daran anknüpft entsprechend nutzlos.
"Es gilt weiterhin: Wenn es so viele Experten gäbe, hätte es die Finanzkrise nicht geben dürfen!"
Schlichtweg falsch. Wieso sollte es keine Krise geben, weil es Experten gibt? Die Krise gab es gerade wegen vieler Experten, d.h. einer großen Gruppe von Personen, die alle auf ähnlichen (weil bestmöglichen) Analysemodellen aufbaut und somit zeitgleich zu ähnlichen Schlüssen kommt und diese auch umsetzt -> schwere Störung des Systems. Hätten da tausende Laien gesessen, die frei nach Schnauze sinnloses Zeug machen, dann hätte es auch keine Rückkopplung zwischen unterschiedlichen Branchen geben können.
Was viele Leute vergessen: Die vielen Finanz-Experten, die es gab und gibt arbeiten nicht daran, gemeinsam Krisen zu verhindern. Die werden dafür bezahlt, maximalen Gewinn/minimalen Verlust für ihre einzelnen Auftraggeber rauszuschlagen. Und das haben sie gemacht, sehr erfolgreich (und zu Lasten der Allgemeinheit) imho.
"Um diese Frage zu beantworten, lösen wir uns ganz einfach von dem Expertenwissen und wir bedienen uns des guten alten Menschenverstandes."
Das dieser Ansatz nicht gut gehen kann, sollte eigentlich jedem auf Anhieb einleuchten, der Verschwörungstheorien nicht prinzipiell als die bessere Erklärung ansieht. Mit "gutem alten Menschenverstand" kann bei der Analyse komplexer Systeme i.d.R. rein gar nichts anfangen (egal ob Börse, Klima, Kernreaktor, Weltwirtschaft oder Ökosphäre), der ist darauf ausgerichtet möglichst schnell eine grobe Abschätzung des unmittelbaren Umfeldes zu liefern. Mit "logischem Denken" (das in der Folge stellenweise verwendet wird) käme man eher vorran - aber in jedem Fall braucht es eine stabile Ausgangsbasis. Und die wirft der Autor ganz offen in die Tonne um fortan auf wenigen Allgemeinplätzen aufzubauen...
"Es ist in der Realität aber leider noch viel krasser. Denn die armen Studenten werden sich Geld von den wohlhabenden Studenten leihen, um sich eine Mahlzeit kaufen zu können."
Siehe meine obige Aussage: An Zinsen direkt verlieren tut nur, wer so blöd ist, sich was zu leihen. Die, die viel Geld haben, verdienen nicht an denjenigen, die wenig haben. Sie verdienen an denjenigen, die
mehr haben wollen, ohne Rücksicht auf Zukunft und Vernunft.
"Die Krise ist nur vordergründig eine Schuldenkrise, denn sie ist im Ergebnis eine Zins-Krise."
s.o.: Probelmatisch sind nur die Schuldzinsen. Niemand gerät in eine Krise, weil er Zinsen auf sein Konto bekommt. Wenn niemand Schulden aufnehmen würde, täte er dass ja auch gar nicht. "Schuldenkrise" ist genau der richtige Ausdruck. Das diese mit Zinsen einhergehen, ist im Kapitalismus natürlich selbstverständlich, führt aber in die falsche Richtung.
"Und sie bieten auch gleich die Lösung an: »Rettungspackete«"
Die
Notlösung. Wieder ein kleiner aber wichtiger Unterschied. Die Rettungspakete sind der Versuch, die Situation nicht eskalieren zu lassen. Sie beheben nicht die Ursache und behaupten das auch nicht. Ein Rettungsboot dient schließlich auch nicht dazu, dass Schiff wieder seetüchtig zu machen, sondern es verhindert, dass neben dem Schiff auch noch Menschenleben verloren gehen.
"Und die sogenanten »Rettungs«-Packete sind Zins-Zahlungen an die Halter des internationalen Kapitals."
Die Rettungspakete sind in vielen Fällen nichtmal Zahlungen, geschweige denn Zins-Zahlungen und sie gehen primär auch nicht an die Halter, sondern an die Kontrolleure des internationalen Kapitals.
"Die 90 Prozent der Bevölkerung, die Ihre Cent verzinsen wollen, sind die Zugpferde vor dem Tross derer, die das Gesamtkapital halten. Mit anderen Worten: Die Interessen der Bevölkerung werden äußerst erfolgreich in den Dienst der Elite gestellt. Der kleine Mann ist die Masse, und diese Masse wird in der Verteidigung der eigenen profanen Interessen schlichtweg im Sinne der Elite instrumentalisiert."
Und hier sind wir an der Stelle, an der der Artikel vom unseriösen ins populistisch-hetzerische umschlägt... Hat hier irgendjemand ein Konto? Vermutlich viele. Wurdet ihr in irgend einer Weise von Eliten instrumentalisiert, in Dienst gestellt,...?
Mit ziemlicher Sicherheit nicht. Denn das ist schlichtweg nicht nötig. Die Mehrheit der "kleinen Leute" eifert vollkommen freiwillig und aus Eigeninitiative dem nach, was die Eliten vormachen. Wenn Multimilliardäre Reibach an der Börse machen, dann kommt klein Michel an und will (T-

) Aktien kaufen. Von ganz allein. Da muss man nichts instrumentalisieren - und wer was anderes erzählt, längt letztendlich vom Problem ab: Anstatt den Leuten zu erklären, dass sie ihr Verhalten ändern müssen, wird suggeriert, dass "die" (da oben; Politiker; Manager; oberen Zehntausen; bei entsprechend gesinnte Quellen auch gern mal bestimmte Ethnien oder Religionen) einen "unterdrücken". Und schon wird gemeckert, statt nachgedacht und gehandelt.
(Wär ich Verschwörungstheoretiker, könnte ich dem Autor jetzt unterstellen, dass er die Massen im Sinne der grauen Emminenzen dahingehend manipulieren will, dass sie sich dritte als Feindbild aussuchen, um ganz bewusst von der Wahrheit abzulenken, deren Entdeckung schwerwiegende Umverteilungsprozesse in Gang setzen könnte. Bin ich aber nicht

)
"Die 90 Prozent jener ohne Kapital"
Man beachte übrigens auch die schleichende Bedeutungsänderung, die typisch für Hetzschriften ist. Weiter oben waren es 90% mit 10% des Kapitals, jetzt haben sie rein gar nichts mehr...
"Die europäischen Staaten haben angefangen, sich an den Zinszahlungen zu beteiligen,"
Wieder ein Fall von "letztlich richtig, aber":
Natürlich fließen erhebliche Summen, die letztlich auch mal Zinsen repräsentieren, durch die Staatshaushalte. Aber bei dieser Formulierung entsteht ganz schnell der Eindruck, dass wäre eine fürchterlich neue fürchterliche Bedrohung. Dabei ist so ziemlich das einzige, was diese Forumlierung rechtfertigt, die Staatsverschuldung - und somit eine (tatsächlich hochproblematische, aber im kapitalistischen Wettkampf zwischen Staaten unvermeidbare) Erfindung des vorletzten Jahrhunderts.
"Aber auch fähige Wissenschaftler der Neuzeit haben immer wieder auf die Gefahren des internationalen Zinssystems hingewiesen. Und was denken Sie, wie viel Beachtung diese Kritiker fanden? Haben Sie vor 2008 jemals vom Begriff des »umlaufgesicherten Freigeldes« gehört? Sagt Ihnen der Name Silvio Gesell etwas? Nein? Dann gehören Sie zu den 90 Prozent der Bevölkerung, die aufgrund unterdrückter Informationen brav den Wohlstand und die Absicherung der Elite erarbeitet."
Sagt jemandem hier der Name Dennis L- Meadows etwas?
Nö? Merkwürdigerweise ist der (imho wesentlich brisantere) Inhalt eines von ihm verfassten Berichtes in den meisten Bibliotheken (vermutlich allen Unbibliotheken) und in seiner Aussage auch online frei einsehbar. "Unterdrückung"? Wenn man es so nennen mag. Aber der Unterdrücker sitzt nicht, wie das hier imho suggeriert wird, im Bundestag oder einem Aufsichtsrat, sondern irgendwo zwischen linker und rechter Schädelwand. Ressourcenverknappung und Überbevölkerung wurden schon im 19. Jhd. diskutiert, trotzdem will die Spaßgesellschaft von heute nichts davon wissen. Klimaerwärmung ist seit 20 Jahren ein wissenschaftliches Thema.
Aber die Ignoranz der Leute lässt eben jede Information in Bedeutungslosigkeit versinken, die nicht in einen Satz mit 5 Wörtern passt und mit mulimillionen$-multimedia-Kampagnen ins Hirn gehämmert wird.
Was der Artikel aber akzeptabel hinbekommt: "Aber ja, die hier genannten Beispiele sind ungenau, weil vereinfacht!" An das Niveau schließe ich mich mal an. Also nicht rummeckern liebe VWL-Experten, wenn ich nur die Richtung nicht das Ergebniss und den Weg 100% wiedergebe
