Dieser Staat zeigt doch exemplarisch wie destruktiv die konservative Auslegung (Fundis wären eher SA etc)
des Islam oder von Religion insgesamt einem Staat schadet. Das haben die Menschen dort damals selbst begriffen
und auch das Kopftuch aus großen Teilen der Gesellschaft verbannt.
Nichtmal an Universitäten dürfte man Kopftuch tragen (und das ist eine so viel größere Einschränkung als von
der wir in Deutschland reden)
Und die Türkei heute?
Ich empfehle mal die Artikel "Brief aus Istanbul" zu lesen (FAZ)
Das ist doch gerade der Knackpunkt: Der Dampfhammer-Laizismus, verbunden mit Nationalismus, ist ebenso dafür verantwortlich, wie es heute aussieht. Die Türkei ist immer noch stark nationalistisch, aber dazu kommt die Gegenbewegung zu einer oktroyierten, rein
oberflächlichen Verbannung religiöser Identität.
Entscheiden ist aber doch, was
im Kopf vorgeht, nicht was man auf selbigem trägt. Oder ist/wird beispielsweise eine gläubige Muslima weniger gläubig, wenn sie im Dienst kein Kopftuch tragen darf? Es ist immer noch der selbe Mensch - und Vertrauen entsteht daraus, wie dieser Mensch tatsächlich handelt, nicht daraus, ob ich als Gegenüber ein Symbol sehe oder nicht.
Tendenziell liegt sogar das Gegenteil vor: Wenn ich weiß, das Kopftücher untersagt sind und ich sehe eine Behördenmitarbeiterin, bei der ich vermuten könnte, dass sie eigentlich gerne eins tragen würde, würde ich mich als voreingenommener Bürger trotzdem fragen, ob sie dienstlich neutral handelt. Und als unvoreingenommener Bürger frage ich mich nun zusätzlich, ob sie nicht womöglich
aufgrund dieses Aktionismus' angepiept ist und
gerade deshalb womöglich nicht mehr so dienstlich neutral handelt, wie sie es ohne konstruierte Eingriffe in ihre Persönlichkeit tun würde.
Dies gesagt, wird zwar das Kopftuch hierzulande gerne als Ausdruck des Islam verstanden, ist aber tatsächlich eher eine sittliche Konvention bestimmter Kulturkreise und wird in selbigen auch von Frauen anderer Religionen oder auch Atheisten getragen. Die Verbannung des Kopftuchs entspricht also eher dem, als würde man "urdeutschen" Behördenmitarbeiterinnen das Tragen von Hosen oder langen Röcke verbieten und sie quasi auf Miniröcke festnageln.
Wie
@Nightslaver kürzlich ganz richtig festgestellt hat, geht es natürlich nicht nur um das Koptuch, sondern auch darum, wie es konkret getragen wird.
Allerdings sehe ich gerade deswegen hier ein Problem in der initialen Argumentation, da es ja (vorgeblich) darum geht, Vertrauensverlust beim Bürger zu vermeiden. Und ob der jetzt unbedingt erkennt, ob ein Kopftuch weltanschaulich neutral oder nach religiöser Vorschrift gewickelt ist, darf doch ernstlich bezweifelt werden. Und wenn der Bürger den Unterschied kennt, ist er in aller Regel informiert genug, um keine Vorbehalte zu haben, weil die Person auf der anderen Seite des Schreibtischs - Oh Schreck! - sichtbar einen Glauben hat, den sie unsichtbar ebenso haben könnte.
Deshalb halte ich solche Vorstöße auch weiterhin für bestenfalls Aktionismus, schlimmstenfalls für programmatische Hirnsülze und sehe den Sinn von Kleidervorschriften eher dort, wo rational-pragmatisch etwas für bzw. gegen bestimmte Kleidung spricht.
Sprich, beispielsweise wäre Verschleierung abzulehnen, weil das die Kommunikation mit dem Gegenüber
tatsächlich behindert; und ein Kopftuch dort, wo es mit einer dienstlich vorgeschrieben Kopfbedeckung kollidieren würde, die zur besseren Erkennbarkeit und/oder dem Schutz dient.