Die Inflation ist eigentlich ein Anachronismus im Kapitalismus.
Da die Waren aufgrund der ständigen Rationalisierung immer weniger Wert sind (Tauschwert), müßte ja alles billiger werden.
Warum nur ist das nicht so?
In vielen Bereichen ist das durchaus so. Was kostet eine Rechenmaschine mit der Leistung eines Athlon 1000? Soviel wie ein gebrauchtes Einsteiger-Smartphone von vor fünf Jahren (="geschenkt" inklusive "Monitor"). Vor 20 Jahren hätte man eine gut vierstellige Summe dafür auf den Tisch legen müssen, vor 30 Jahren (als es besagten Athlon noch gar nicht gab) eine 5- bis 6-stellige. Damals hätte sich auch kaum jemand eine interkontinentale Flugreise leisten können, heute ist die Karibik für 80-90 Prozent der Bevölkerung in Reichweite. (Auch wenn 30-50 Prozent lieber in die günstigere Türkei fliegen – wo man vor 30 Jahren nur mit dem PKW nach Norditalien gekommen wäre.)
Gleichzeitig haben sich aber auch die Anforderungen gewandelt: Anstatt das Gleiche für weniger haben zu wollen, verlangen die Leute heute das x-Fache, was natürlich entsprechend kostet. Über Löhne und Lohnkosten wirkt sich dass auch auf Produkte aus, die eigentlich gleich teuer bleiben sollten. Kartoffeln zu Beispiel produziert man heute kaum anders als vor 20 Jahren, aber heute will der Bauer eben genug damit verdienen, um eine Playstation 5 und nicht nur eine Playstation 1 bezahlen zu können. Entsprechend verlangt er mehr für seine Kartoffeln.
Es gibt aber noch einen zweiten, weniger greifbaren Grund für Inflation: Sie ist gewollt und wird notfalls künstlich herbeigeführt.
Dass die Preise jedes Jahr steigen, motiviert zum Konsum – wenn du dein Geld nicht jetzt ausgibst, bekommst du nächstes Jahr weniger dafür. Was dagegen in einer Deflation passiert, bei der die Preise stetig fallen, kann man bei Kryptowährungen beobachten: Jeder hortet soviel, wie er nur kann, in der Hoffnung, dass seine Tokens nächsten Monat mehr wert sind als in diesem. Aber gleichzeitig beobachtet auch jeder sorgfältig, ob sich nicht ein Ende der Deflation abzeichnet und sobald das passiert, will jeder so schnell verkaufen wie nur irgendwie möglich. Das Ergebnis sind extreme Preisschwankungen, die schon bei einem virtuellen Nischen-Spekulationsobjekt schwerwiegende Auswirkungen haben – versuch mal eine Grafikkarte zu kaufen. Der gleiche Kursverlauf bei einer Alltagswährung wäre absolut tödlich. Nicht nur im metaphorischen Sinne für die Wirtschaft, die nichts mehr produzieren könnte, sondern auch im wortwörtlichen Sinne: Du willst nicht, dass der Bauer umgekehrt auf den nächsten Kursrutsch wartet, weil er wegen Deflation im Moment zu wenige Euro/Bitcoin für seine Kartoffeln bekommt. Du willst jetzt deine Kartoffel zu einem "normalen" Preis kaufen können, weil du jetzt Hunger hast. Unter anderem um das sicherzustellen sorgt die EZB mittlerweile mit Strafzinsen dafür, dass es eine ganz schlechte Idee ist, viele Euros einfach nur rumliegen zu lassen, bis sie "mehr wert sind".