Where Winds Meet (WWM) ist das neue große und ambitionierte Free to Play Live-Service-Game von Everstone Studio, das uns in eine wunderschöne und abenteuerliche Wuxia-Welt einlädt und sich auf Steam mit Spielerzahlen von über 250.000 zeitgleichen Spielern großer Beliebtheit erfreut.
I. Was ist Where Winds Meet?
WWM ist unfassbar ambitioniert und versucht, mehrere Spiele-Genres miteinander zu vermischen. Die Basis des Spiels ist ein Open World Action RPG, das seinerseits einen mehr oder minder optionalen „Online“-Modus bietet. Dieser besteht hauptsächlich aus instanziiertem Content mit anderen Spielern – also Bosskämpfen, Raids, (Arena-) PvP und anderen Aktivitäten – und andererseits aus sozialen Aktivitäten mit anderen Spielern in Social Hubs. Dazu kommen diverse Minispiele, die dafür sorgen, dass teilweise Parallelen zu den Yakuza-Spielen aufkommen lassen.
I.1. Solo Mode
Der Solo-Modus bietet ein Open World Action RPG in einem atemberaubenden Wuxia-Setting – einer wunderschönen Fantasy-Spielwelt im antiken China. Die Geschichte des Spiels beginnt mit einem sehr cineastischen Prolog, der einem die Grundlagen des Kampfsystems beibringt und dann nach einem Time Skip in einer abgelegenen Hütte mitten in der Natur und dem Charakter-Editor endet. Der Charakter-Editor ist sehr gut gemacht und ermöglicht es, sich selbst einen strahlenden Wuxia-Helden oder aber auch Ungeheuer zu erstellen. Gesehen habe ich bspw. schon Michael Jackson oder Yoda. Ab dann entfaltet sich eine typische Wuxia-Geschichte, in der der Spielcharakter die Martial-Arts-Welt, den Jianghu (wörtlich übersetzt: Flüsse und Seen) erkunden und erleben will.
Auf der teilweise witzigen, teilweise ernsten, teilweise traurigen und teilweise fantastischen Reise kennen wir diverse Charaktere kennen, kämpfen gegen diverse Bossgegner und erkundigen diverse Regionen. Die Haupt- und die großen Nebengeschichten sind hier in der Regel durch Map-Marker gekennzeichnet, während man sich die kleineren Nebengeschichten aus Notizen und Gesprächen zusammensuchen muss, so dass es durchaus Sinn macht, mit NPCs zu sprechen und Notizen zu lesen. Wer eine klassischere RPG-Erfahrung sucht, wird gerade diesen Punkt schätzen, da das dafür sorgt, dass die Spielwelt nicht nur Kulisse ist. Das Spiel bietet hier aber auch ein umfangreiches Journal, das bei der Erkundung unterstützt.
Schön ist hierbei insbesondere der Umfang der Geschichten, die man während des Spiels erleben kann. Es gibt u.a. Spionage-Missionen, in denen man ausländische Botschafter verfolgen und bestehlen und sich dann in einen großen Kriegsschiff-Prototypen schleichen muss, was dann in einem großen Bossfight endet; es gibt Missionen, in denen man Gräber erkundet und Puzzles lösen muss; es gibt Missionen, in denen man Detektiv spielen und bspw. herausfinden muss, was die Ursache einer Pest ist; es gibt Stealth-Abschnitte (in denen man mitunter auch den sog. „Skill Theft“ betreibt, um andere Martial Arts zu lernen – am Anfang des Spiels lernt man bspw. Tai-Chi von einem Bären); es gibt Nebengeschichten, in denen man Teil einer Totenprozession wird und das Geisterreich betritt und vieles mehr. Das Spiel bietet mithin eine sehr gute Single Player Story Experience.
I.2. Online Mode
Der Online-Modus besteht hauptsächlich aus dem Coop-Content, der stark an MMORPGs erinnert. So gibt es Gruppen- und Raid-Content gegen diverse Bosse oder auch Battle Royale PvP und Arena-PvP samt Leaderboards. Der PvE-Content kommt hier mit der typischen Klassen-Trinity aus Tank, Healer und DPS, die man aus MMORPGs kennt. Die Bosse kennt man hierbei bereits aus dem Solo-Modus, haben aber natürlich andere Movesets, die mehr auf Gruppen- und Raid-Content ausgelegt sind. Dazu gibt es auch noch einige andere Aktivitäten wie bspw. Gefängnisausbrüche. Daneben besteht der Online-Modus auch aus Social Hubs, in denen man diversen Aktivitäten nachgehen kann, bspw. Group-Cultivation, Minispiele gegeneinander oder auch die aus Kartenspielen bestehenden Professionen des Heilers oder Gelehrten.
II. Setting und Spielwelt
Das Spiel spielt in einer Wuxia-Spielwelt in der Song-Dynastie des 10. Jahrhunderts in China. Die bislang verfügbaren Gebiete des Spiels sind stark an das chinesische Hauptland angelehnt. Qinghe (das 1. Gebiet, das als Startpunkt der Story dient) bietet hierbei eine wunderschöne Natur, die u.a. aus Bambuswäldern, einigen Bergen, Blumenfeldern, aber u.a. auch aus einer sumpfigen Gegend besteht. Kaifeng (das 2. Gebiet) bietet hauptsächlich die gleichnamige Stadt, die auch im echten China existiert. Gerade Kaifeng ist hierbei eine der atemberaubendsten Städte, die ich – abseits von GTA natürlich – je in einem Videospiel gesehen habe und bietet diverse wunderschöne Vistas und eine atemberaubende Architektur. Gerade im Velvet-Shade-Teil der Stadt kann ich aufgrund der Architektur lange verbleiben; zudem gibt’s dort des Nachts regelmäßig Feuerwerk und ansonsten im Hauptgebäude Tanzshows, die man sich ansehen kann.
Wie für Wuxia-Settings üblich, betritt man die Bühne als namenloser Held, kann aber diversen Martial-Arts-Sekten beitreten. Die Sekten sind hierbei zwar nicht die üblichen, die man aus Wuxia-Novels kennt (wie bspw. die Shaolin, Mount Hua, Mount Kunlun oder ähnliche), erfüllen aber ihren Zweck und haben ihre eigene Identität und ihre eigenen Martial Arts. „Silver Needle“ ist bspw. eine Sekte, die sich auf Fächerkampfkunst und Heilung spezialisiert hat und eng mit dem Heiler-Beruf verwoben ist. Die „Midnight Blades“ auf der anderen Hand sind auf Dual Blades spezialisierte Assassinen, deren Kredo Blutvergießen ist und die ihrerseits als PvP-Sekte dienen.
Die Cultivation-Realms sind auch ein wenig anders dargestellt wie in den üblichen Wuxia-Geschichten. So gibt es die grundlegenden waffengebundenen Kampfkünste, die sich leveln lassen und in bestimmten Abständen einen Breakthrough benötigen; Dann gibt es die sogenannten „Inner Ways“ (wohl als Abbildung von Internal Cultivation Techniques), die diverse Boni bieten und von denen man bis zu vier ausrüsten kann; und schließlich gibt es die Mystic Skills, also waffenunabhängige Kampfkünste. Die Spielwelt in Kombination mit dem Setting, den Kampfkünsten und dem bereits in I.1. erwähnten Open World Design sorgen dafür, dass das Spiel eine sehr authentische Wuxia-Erfahrung bietet. Das wird noch durch dynamische Events in der Open World unterstützt, die die Spielwelt deutlich immersiver wirken lassen.
III. Gameplay
WWM bietet diverse Gameplay-Loops. Der Hauptloop besteht hier selbstverständlich aus dem Kampfsystem, das viele wohl als Soulslike-ähnlich bezeichnen würden, m.E. aber trotz den Soulslike-Elementen (Ausdauer, Dodge, Parry, Haltung, etc.) näher an einem normalen Action RPG dran ist. Das Kampfsystem ist hierbei wirklich gut gemacht und bietet diverse Kampfstile und Waffen. Gerade die Waffenvielfalt ist wirklich cool. So gibt es neben den üblichen Waffen wie Schwertern und Speeren auch Waffen wie Fächer und (Regen-) Schirme. Das System ist einfach genug, um zugänglich zu sein, es ist flashy, hat aber genug Tiefe, um nicht langweilig zu werden. Kritisieren könnte man allenfalls, dass gerade Bosskämpfe zu stark auf das Brechen der gegnerischen Haltung durch Block/Parry setzen, um dann einen starken Konter auszuführen können. Meines Erachtens macht das Kampfsystem aber viel Spaß und fühlt sich gerade in Kombination mit den gut inszenierten Bosse sehr gut an.
Neben dem Kampfsystem gibt es aber auch diverse andere Gameplay-Loops. Es gibt die Professionen Heiler und Gelehrter, mit denen man andere NPCs oder auch Spieler von Krankheiten etc. heilen oder – gerade bei Spielern in Bezug auf den Gelehrten-Beruf – vor falschen Verdächtigungen von NPCs verteidigen kann. Besonders witzig: Begeht man als Spieler Straftaten, kann man ins Gefängnis gesteckt werden (selbst mitten in einem Bosskampf). Die Strafe kann hierbei durch Public Shaming im Online-Modus reduziert werden – einem Event, in dem andere Spieler den Verbrecher mit verfaulten Gemüse bewerfen können. Es gibt (s.o.) Stealth-Abschnitte, in denen man u.a. auch Skill Theft betreibt, um andere Martial Arts zu lernen. Es gibt weiterhin auch diverse Minispiele (Brettspiele, Kartenspiele, Trinkspiele, Musikspiele à la Beat Saber und vieles mehr – Yakuza lässt grüßen) oder auch einen Construction Mode, in dem man sich selbst Häuser o.ä. bauen kann.
Schließlich steht einem natürlich auch die Open World zur Erkundung offen. Es gibt diverse Collectibles zu finden und viele Questlinien und Bosse zu entdecken. Man findet an diversen Ecken und Enden Schatzkisten, sog. Oddities für Stat Upgrades, dynamische Events und vieles mehr. Es gibt hierbei sechs Erkundungslevel, von denen man zumindest Level vier erreichen sollte, da man dann seine Movement Skills nutzen kann. Besonders beeindruckend sind hierbei natürlich als Wuxia-Standard die Lightness Skills – also Movement Skills, mit denen man quasi auf lange Entfernung durch die Luft fliegt.
IV. Story
Die Story hat mir bislang sehr gut gefallen und hat die Geschichte eines Wanderers, der in diverse atemberaubende Geschichten in einer Dog-eat-Dog-Welt, in der das Recht des Stärkeren herrscht, stolpert, gut umgesetzt. Die Geschichte bietet dabei eine Vielfalt an Emotionen, ist teilweise ernst, teilweise traurig und teilweise albern. So sieht man auf der einen Seite bspw. das Elend der damaligen Bevölkerung in den Slums. Auf der anderen Seite entkommt man feindlichen Soldaten dann aber dadurch, dass man Gänse auf sie hetzt und als Waffen missbraucht. Die Geschichte erreicht zwar selbstverständlich nicht die Höhen von Meisterwerken bspw. Clair Obscur: Expedition 33, ist aber dennoch sehr gut und führt den Spieler gut durch die Spielwelt. Besonders viel Spaß haben mir auch die in I.1. erwähnten Nebengeschichten gemacht. So war bspw. der Bosskampf am Ende des bereits erwähnten Kriegsschiffes sehr episch.
V. Live-Service-Aspekte
Da das Spiel ein Live Service ist, stellt sich zwangsweise die Frage: Ist es Pay to Win? Die erfreuliche Antwort: Nein. Die Monetarisierung besteht ausschließlich aus Kosmetika. Man kann sich also keine Power wie in anderen Live-Service-Titeln kaufen. Neben dem Kosmetika-Gacha, in dem es die besonders funkelnden Kosmetika gibt, gibt es auch diverse Kosmetika im Direktkauf. Man kann sich diverse Kosmetika jedoch auch im Spiel erarbeiten, so dass man nicht zwangsweise auf den Cash-Shop angewiesen ist. Für einen Free-to-Play-Titel sind bis zu rund 30 EUR für die besseren Outfits auch noch in Ordnung. Selbst im Premium-Battle-Pass, den man für 18 EUR kaufen kann, gibt es bereits ein sehr schönes Outfit. Die Premium-Gacha ist allerdings sehr teuer und man kann sich im Spiel selbst auch kaum Premium-Gacha-Pulls erarbeiten. Zudem benötigt das mittlerweile in Gacha-Games übliche Pity-System ganze 150 Draws für ein Premium-Item – das sind rund 365 EUR. Besonders krass sind hierbei die Kosten für das Item, durch das die Monetarisierung des Spiels in Social Media berüchtigt geworden ist: Man kann sich für die Premium-Currency, die man aus der Premium-Gacha erhalten kann, ein Schiff als Social Hub kaufen, das dann der ganze Server betreten kann. Der Preis? Wenn RNGesus dir gesonnen ist, zahlst du dafür „nur“ 42.000 EUR.
Ansonsten – und das ist m.E. die große Schwäche des Spiels – drückt sich die Auswirkung des Live-Service-Modells hauptsächlich in den Auswirkungen auf das Game Design aus. Um langfristiges Engagement mit dem Spiel zu begünstigen, gibt es diverse Progressionssysteme. Das an sich ist nicht unbedingt schlimm; schlimm ist aber die gesamte Menüführung des Spiels, in der es Menüs in Menüs in Menüs in wieder anderen Menüs gibt. Das sorgt leider dafür, dass das Spiel sehr unübersichtlich und auf den Spielanfänger sehr überwältigend wirken kann. Selbst ich entdecke nach rund 100 Stunden in dem Spiel noch neue Untermenüs, die ihrerseits neue Spielsysteme oder Nebengeschichten bieten.
Dafür ist das Spiel allerdings auch völlig kostenlos und bietet eine sich über die Zeit erweiternde Geschichte. In dem bisherigen Patch kann man allein mit der Story schon mit Leichtigkeit mehr als 50 Stunden verbringen. Dazu werden weitere Regionen kommen, die ihrerseits neue Story-Abschnitte mit sich bringen. In der chinesischen Version des Spiels gibt es bereits zwei neue große Gegenden – eine Wüste und eine Schneeregion – sowie neue Waffentypen. In sehr naher Zukunft kommt auch ein Konstruktionssystem, das der Ultrahand aus The Legend of Zelda: Tears of the Kingdom ähnelt, man sich also diverse Maschinerie bauen kann.
VI. Fazit
WWM bietet eine atemberaubende und faszinierende Wuxia-Erfahrung wie man sie bislang im Gaming noch nicht erleben konnte. Auch, wenn das Spiel versucht, diverse Genres zu verbinden, wirkt das nicht inkohärent. Im Gegenteil: Irgendwie ist dem Entwickler das gelungen, so dass das Spiel für diverse Spieler Content ihrer Wahl bietet. Der große Schwachpunkt des Spiels ist die überbordende und unübersichtliche Menüführung. Kleinere Schwächen liegen in der Lokalisierung (man nimmt besser Chinesisch als Dub; die Übersetzung ist nicht die beste – man kommt als jemand, der seit Jahrzehnten Animes mit Fan-Subtitles schaut, aber damit klar), den Herausforderungen, um das World-Level zu steigern, hätte man besser gestalten könnten, und den mitunter auftauchenden technischen Fehlern (mitunter gibt es ein wenig Stutter beim Laden von Texturen), die m.E. aber nicht den Spielspaß beeinflussen. Von mir bekommt WWM eine sehr starke
9/10 und eine ausdrückliche Empfehlung für diejenigen, die Liebhaber von Action RPGs sind.