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Gast1750669803
Guest
Danke für deinen langen und ausführlichen Text und entschuldige gleich meine kurze Antwort dazu.Einerseits muss ein Spiel für mich persönlich keine super gesellschaftskritische Story haben, um gut zu sein. Einige meiner Lieblingsspiele sind einfach nur sehr gut gemachte Heldenerzählungen, die den Way of the Hero sehr gut abbilden. Gerade Action RPGs können - insbesondere, wenn sie eher in Richtung Hack 'n Slash gehen - auch einfach nur Spiele sein, die auf der Rule of Cool basieren - siehe bspw. Devil May Cry oder Bayonetta.
Andererseits bin ich persönlich der Meinung, dass man die Zwänge, die Spielen in China unterliegen, kaum mit der woke culture vergleichen kann. Chinesische Spiele wollen mich nicht mit der Ideologie der CCP indoktrinieren; woke culture in ihren extremistischen Ausprägungen will mich aber belehren, dass ich als weißer cis-Mann die Wurzel des Bösen bin. Im Übrigen gibt's durchaus auch aus China kritischere Werke. Natürlich müssen die Autoren ihre Kritik gut verstecken, aber solche Art der Kritik gab's bei uns auch einst in der Form von Fabeln. Zumindest kann ich mich an einige Wuxia/Xianxia/Xuanhuan-Novels erinnern, die erst von der CCP verboten wurden, als sie es wirklich ganz offensichtlich übertrieben haben.
Das ist ein unfassbar komplexes Thema, über das man in seiner Gesamtheit einen Roman schreiben könnte. Aus dem Grund gibt's meine - sehr oberflächliche - Antwort im Spoiler:
Das Problem ist in der Regel nicht Wokeness in sich, sondern eher deren extremistischen Ausrichtungen, die Art und Weise, wie good old woke umgesetzt wird, die Unehrlichkeit und das Verhalten von den involvierten Parteien (Entwickler, Publisher und Presse) und vor Allem auch, dass keine abweichenden Meinungen geduldet werden. Es gibt Spiele, die woke as f*ck, aber trotzdem sehr gut sind, eben weil sie dennoch authentisch wirken, weil sie sich nicht so anfühlen, als würde man irgendwelche Checklisten abarbeiten. Wokeness existiert wie vieles auf einer Skala. Nehmen wir einmal einige Beispiele für good vs. bad woke:
- Eines der besten Beispiele für good woke dürfte Bladur's Gate 3 sein. Das Spiel ist woke as f*ck. Du konntest selbst sein, was du willst und du konntest v*geln, wen du willst - bis hin zu Nekrophilie und Zoophilie. Das Spiel hat seine Identität aber nicht ausschließlich darauf aufgebaut, sondern war in sich selbst ein hervorragendes CRPG mit einer tollen Handlung, die einen nicht belehren, sondern unterhalten wollte.
- Das Problem, dass viele bad woke Spiele haben, ist, dass ihre Charaktere neben ihrem diversity oder inclusivity Bestandteil nichts anderes haben. Overwatch war einst eines der besten Beispiele für good woke mit gut geschriebenen Charakteren, bei denen die Sexualität oder deren Ethnie nicht das einzige/bestimmende Charaktermerkmal war. Zwischenzeitlich hat ABK aber angefangen, "diverse Charaktere" immer dann zu bringen, wenn man sich irgendwas hat zu schulden kommen lassen, um die Charaktere als Schutzschild zu nutzen - dafür haben die sogar einen eigenen diversity algorithm.
- Beispiele für gute Charakterdarstellung, bei der nicht nur die Sexualität und/oder Ethnie das einzige/bestimmende Charakterbeispiel sind, sind bspw. CJ aus GTA San Andreas (crazy, we had a black protagonist 20 (!) years ago), Dion aus FF XVI (der schwul ist, bei dem das aber nicht das bestimmende/einzige Charaktermerkmal ist), Kaine aus NieR 2017 (ein Intersex-Charakter, aber einer der m.E. am besten geschriebenen Charaktere aller Zeiten) oder diverse Charaktere aus Elden Ring, die nicht strikt männlich oder weiblich sind.
- Eines der stärksten Beispiele für bad woke ist das Saint's Row Reboot. In dem Spiel wurden alle Charaktere als Karikatur irgendeiner Ethnie oder Sexualität dargestellt und das Spiel hat sich tonal völlig von den ursprünglichen Saint's Row spielen entfernt; wollte also quasi das Zielpublikum des Spiels völlig austauschen. Das ist m.E. eines der besten Beispiele dafür, wie man Spieler gegen sich aufbringt: Man nimmt ein Franchise in Geiselhaft und betreibt artistic vandalism, indem man sowohl auf das, was das Franchise erst groß gemacht hat, sche*ßt und andererseits der Stammspielerschaft des Franchises sagt, dass sie nicht mehr erwünscht sind.
- Ein wieder schlechtes Beispiel für bad woke ist das kommende Assassin's Creed Shadow, in dem Ubisoft mit den Konventionen der Serie (mehr oder minder einheimischer und fiktiver Charakter) bricht und mit Yasuke einen nicht-einheimischen, historisch tatsächlichen existierenden Charakter nimmt. Das Problem hieran ist, dass man sowohl die Erwartungen der Fans enttäuscht, die sich schon seit dem Anfang des Franchises gewünscht haben, einen japanischen Samurai/Shinobi in Japan spielen zu können, als auch direkt in mehrerer Hinsicht cultural appropriation begangen hat: Einerseits betreibt man Geschichtsrevisionismus, indem man japanische Geschichte und Kultur missachtet (hierzu zählt auch, dass man sich bspw. Artwork von anderen Organisationen und Franchises geklaut hat (einige Flaggen/Symbole gehören real existierenden Organisationen und das Katana, das man als Promo-Material genutzt hat, stammt aus One Piece), im Artwork mehrere Zeitepochen durcheinander wirft oder auch chinesische oder schlicht falsche Architektur nutzt - und das bei dem Umstand, dass es starke politische Spannungen zwischen Japan und China gibt) und dem japanischem Publikum sagt, dass ein japanischer Hauptprotagonist für das Spiel nicht gut genug ist und andererseits hat man diverse Afroamerikaner gegen sich aufgebracht, weil Yasuke stereotypisch dargestellt wurde komplett mit Hip-Hop-Musik und Co. (ironischerweise stammt der historische Yasuke aus Afrika und ist damit kein Afroamerikaner - das sind ebenfalls zwei völlig verschiedene Welten). Die Entschuldigung, die von Ubisoft dafür kam, war schlicht gelogen. Man kann einerseits nicht auf Fiktion abstellen, wenn man vorab in Interviews angibt, dass das Spiel so authentisch und historisch korrekt wie möglich sei und Spieler echte Geschichte von dem Spiel lernen könnten. Dass die Presse jeden, der noch so berechtigte Kritik gebracht hat, direkt als Rassisten bezeichnet hat, hat die Diskussion nur noch radikalisiert (ein zwischenzeitlich gelöschter Artikel hat sogar die Japaner als Volk als Rassisten bezeichnet). Ich möchte dabei gar nicht bestreiten, dass einige "Kritiker" durchaus Rassisten sind, aber es gibt schlicht und ergreifend durchaus valide Kritik an der Charakterwahl.
- Um mit einem positiven Beispiel abzuschließen (und, weil es so langsam spät und Zeit für's Bett wird): Das kommende Warhammer Space Marine 2 Spiel hat ebenfalls einen diversen Cast mit Charakteren verschiedener Ethnien. Daran stört sich allerdings niemand, weil die Space Marines auch wie Space Marines aussehen und für eine (Nichtbluts-) Bruderschaft auch nicht auf die Ethnie ankommt.
Ich eben nicht. Ich spiele Spiele für Eskapismus und - wenn's Bestandteil des Genres ist - für die Power Fantasy. Ich brauche keine realen Probleme in meinen Videospielen, wenn sie - zumindest gefühlt - nicht ins Spiel passen - und dabei habe ich nicht einmal etwas dagegen, wenn reale Probleme gut dargestellt werden und ins Spiel passen. FF VII halte ich bspw. immer noch für ein Meisterwerk, in dem Umweltschutz einer der Haupt-Plotpoints ist. Bei dem von dir angesprochenen Beispiel (GTA V) passen die Charaktere so, wie sie dargestellt sind, auch organisch in die Story.
Ich möchte in einem Spiel allerdings keinen unnötig unästhetischen Charakter spielen und halte es dabei so wie der Entwickler von Stellar Blade: Wenn ich schon dutzende von Stunden auf das Hinterteil des Charakters blicken muss, soll das Hinterteil wenigstens sehenswert sein. Das gilt im Übrigen auch für männliche Charaktere und hat rein gar nichts mit Sexismus zu tun. Menschen assozieren Schönheit grundsätzlich mit positiven Eigenschaften - pretty privilege gibt's nicht ohne Grund - und auch Frauen spielen lieber ästhetische Charaktere. Bei einigen Spielen werden - gerade weibliche Charaktere - mittlerweile aber zwanghaft hässlich dargestellt, obwohl ihre face models bildschöne Frauen sind (bspw. MJ in Spider Man 2 oder Kay Vess im kommenden Star Wars Outlaws).
Das Problem zeitgenössischer Geschlechterdarstellung ist allerdings wieder ein ganz anderes Problem, über das man einen Roman schreiben könnte.
Hier vergleichst du Äpfel und Birnen. Mario und ähnliche Charaktere entstammen eben nicht aus Titeln, die fotorealistisch sein wollen; zu Michael und Trevor hatte ich zuvor schon geschrieben.
Das Problem ist, dass sowohl die Medien (dazu zählt im deutschen Raum insbesondere auch PCG als Schwestermagazin zu PCGH) als auch die Entwickler selbst die Diskussion aufgeheizt und das zu einem "Wir gegen Euch" Kampf gemacht haben. Aggressivere Wokeness in Videospielen hat schon früher als vielleicht gedacht angefangen (ich denke da bspw. an Wolfenstein Youngblood). Entwickler hatten jetzt mehrere Jahre, um das gut umzusetzen, haben es aber nicht geschafft. Stattdessen bekommen Kritiker sowohl von Medien als auch von Entwicklern zu hören, dass sie einfach nur Rassisten oder [wasauchimmer]-phob seien. Dadurch sind die, die inclusivity predigen, selbst nicht inclusive, weil sie keine anderen Meinungen akzeptieren. Einige Entwickler sagen sogar frei heraus, dass sie Spieler nicht leiden können. Welcher Kunde möchte schön hören, dass der Verkäufer ihn nicht leiden kann?
Dass das aufgeheizte Klima durchaus auch negativ sein kann und einige Leute einfach viel zu weit gehen, möchte ich gar nicht bestreiten - und da schließe ich mich selbst auch durchaus mit ein, denn auch ich bin da mitunter aus den im Spoiler aufgegriffenen Gründen zu emotional unterwegs. Mir tut's dann besonders leid, wenn Entwickler unberechtigte Kritik erfahren, nur weil ihre Charaktere einer Minderheit entspringen. Wenn ich mich richtig erinnere, gab's da einen afrikanischen Entwickler, der ein Spiel entwickelt hat, das - duh! - in Afrika spielt (kann mich aber leider an den Titel nicht mehr erinnern). Dass der dafür völlig unberechtigte und übertriebene Kritik erfahren hat, dass das Spiel woke sei, halte ich für krassen Bullsh*t und völlig ungerechtfertigt. Wenn ich mir vorstelle, man würde versuchen, Meisterwerke wie GTA San Andreas zu canceln nur wegen des schwarzen Protagonisten, wird mir schlecht.
Das Problem dürfte hier sein, dass viele gute Titel nicht dem üblichen Mainstream entsprechen und daher wenig Beachtung finden, viele westliche Titel aber gerade Probleme mit Wokeness haben. Wenn du irgendwelche guten Titel hast, die wenig Beachtung finden, kannst du darüber gern diskutieren. Ich glaube, dass die Mehrheit der Leser dir dafür sogar dankbar wäre.
Ich sehe einfach, dass mich diese Themen im Spiel nicht so triggern wie dich und da bin ich sehr froh darüber. Du schreibst du willst in einem Spiel nicht mit realen Themen/Problemen konfrontiert sein, aber genau das machst du in meinen Augen selbst, ohne das es dir ein Spiel vorgibt, denn du vergleichst es ja Real gemischt mit deinen Vorstellungen.
Ich bin froh, dass ich eventuell ein nur einfacher Gamer bin und kann auch eigentlich in jedes Game eintauchen und ziehe dann mein Fazit völlig losgelöst von realen Ereignissen. Ob ein Charakter jetzt dick,dünn,groß,klein ist, macht sich bei mir in Games nicht bemerkbar. Ich will am Ende eines stressigen Tag oder auch einmal an einem Sonntag in ein Spiel tauchen und da liegt es mir fern, ob Flaggen oder Schwerter irgendwo geklaut wurden oder ob mein Protagonist jetzt ein wirklicher Japaner ist oder doch ein Spanier alles egal, denn das Game welches ich spiele möchte ich inhaltlich inhalieren fernab von der realen Welt.
Ich hab selbst keine Adonis Figur, noch rette ich die Welt, noch habe ich eine einzigartige Eigenschaft die heraussticht, daher erwarte ich auch in Games nicht unmittelbar, dass mein Protagonist perfekt ist und das macht mich einfach Happy, dass ich in diesen Punkt nicht so bin wie du, sondern es einfach genießen kann.
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