Laudian
Moderator
Das ist (leider) das gleiche Problem das viele Spiele haben, die lange auf dem Markt sind.Erster Char frei-Schnauze war Müll, danach mit pre-build ne Chance. Dass Komplexität Tiefe bedeuten kann bestreite ich nicht, aber ich finde auch, dass ein Normalo ohne Habilitation in den Spielmechaniken mit "guten" Entscheidungen zumindest durchkommen sollte.
In WoW Classic hat man das z.B. wunderbar gesehen:
Damals bei Release war Molten Core für die Spieler ein schwerer Raid, weil niemand wirklich wusste wie das Spiel funktioniert. Es hat Monate gedauert, bis der Endboss das erste Mal besiegt wurde. Jetzt bei dem Remake wurde der Raid von einer Gruppe, die nur etwa halb voll war, innerhalb weniger Stunden besiegt, trotz gleicher oder sehr ähnlicher Skalierung.
Die Spieler werden besser. Bestimmte Synergien werden entdeckt, bessere Tools für Simulationen etc. werden entwickelt. Und diese Entwicklung kann man einfach nicht wieder rückgängig machen.
Und für wen sollen die Entwickler das Spiel jetzt balancen? Die Leute, die starke Builds nach Anleitungen spielen? Oder doch eher für die, die ohne Hilfe von anderen spielen wollen und entsprechend schwache Charaktere haben, weil sie einen extremen Wissensnachteil haben?
WoW ist diesem Problem mit der Einführung von Schwierigkeitsgraden für Raids begegnet. Erst 2 (normal/heroisch), dann kam ein dritter hinzu (mythisch).
PoE hat zwar für die meisten Inhalte auch verschiedene Schwierigkeitsgrade (einige Bosse ausgenommen), allerdings hat es noch das zusätzliche Problem, dass die oft multiplikativ skalierenden Synergien durch immer neue Mechaniken, Items und Fähigkeiten inzwischen extrem komplex geworden sind. Dadurch machen die guten Builds nicht 2-3x so viel Schaden wie einer, der frei nach Schnauze entwickelt wurde, sondern eher 20-300x so viel. Und so viel Spielraum kann man mit Schwierigkeitsgraden nicht wirklich abdecken.
Inzwischen ist es so, dass alle paar Patches die Lebenspunkte aller Bosse deutlich nach oben korrigiert werden, um auf immer stärker werdende Builds zu reagieren. Das hat dazu geführt, dass die "frei-Schnauze" Builds spätestens im Endgame einfach nicht mehr ausreichend sind.
Das heißt aber nicht, dass man alles exakt so machen muss, wie es im Guide steht. Jeder Build hat einen gewissen Kern, für den es kaum Alternativen gibt - für den Rest gibt es aber unheimlich viel Spielraum um Charaktere zu variieren - sinnvoll nutzen kann man den allerdings erst mit einiger Erfahrung.
Guides sind eher Snapshots davon, wie die Charaktere auf bestimmten Leveln aussehen könnten. Eine Skillung für Level 80, eine für 90, eine für 100, jeweil mit einem Beispielausrüstungsset dabei. Guides kennen aber dein Skilllevel und deinen Spielstil nicht.
Als Anfänger ist man quasi dazu gezwungen, seinen Charakter eher defensiv auszulegen, da man selten besonders gute Items hat und auch die Bosse noch nicht kennt. Mit steigender Erfahrung eröffnen sich einem dann viele Möglichkeiten.
Man entdeckt vielleicht, dass Lebenspunkte und Rüstung völliger Quatsch sind, wenn man den Fähigkeiten der Gegner auch einfach ausweichen kann. Oder man möchte etwas schneller sein und dafür weniger Schaden an Bossen machen. Oder du stellst fest, dass dir die Towerdefense Maps besonders viel Spaß machen und passt deinen Charakter darauf an.
Man lernt einfach immer mehr, wie man den Charakter an die eigenen Bedürfnisse und bestimmte Aspekte des vielseitigen PoE-Endgames anpassen kann.
Allerdings muss man die Möglichkeiten erst einmal kennen, bevor man sie nutzen kann. Die erste League wird man wahrscheinlich nur einen Guide befolgen und die Basics verstehen müssen, z.B. welche Kombinationen von Stats überhaupt auf Items drauf sein können.
Dann wird man sich lange mit der Tradeseite rumquälen und etwas die Lust verlieren...
In der zweiten League lernt man dann die meisten Bosse so langsam kennen und in der dritten kann man wirklich Gas geben und Builds selber variieren (die Einschätzung variiert natürlich stark mit der Spielzeit).