Nach seriösen Quellen zogen bis 1973 in etwa 4 Millionen Gastarbeiter nach Deutschland durch die Anwerbeverfahren in verschiedenen europäischen Ländern und der Türkei, plus dem dazugehörigen Familliennachzug nach 1973, also erzähle mir nicht, dass die Bundesrepublik, wenn die Grenze 1961 aufgeblieben wäre, ihre Grenzen dicht gemacht hätte und keine, von gesetzeswegen, deutschen Staatsbürger mehr aufgenommen hätte, auch wenn die jedes Jahr zu Hundertausenden oder sogar eine Millionen pro Jahr ausgemacht hätten.
Ich habe zuvor das genaue Gegenteil geschrieben, warum also sollte ich dir jetzt etwas anderes erzählen wollen?
Noch einmal: Während des Wirtschaftswunders hätte die Bundesrepublik liebend gerne zahlreiche Deutsche aus der DDR aufgenommen, weil sie Arbeitskräfte brauchte. Als sie keine mehr brauchten, waren die türkischen Gastarbeiter ebenso eine Belastung, wie eine größere Anzahl DDR-Aussiedler eine gewesen wären.
Und wie ich schon mal ausgeführt habe, gab es in der DDR auch überzeugte und es gibt Menschen, die wollen ihre Heimat nicht verlassen,
Eine begründete Schätzung, wie viele DDR-Bürger deines Erachtens nach dem Mauerfall in einer wirtschaftlich nicht tragfähigen, jedoch als eigener Staat weiterbestehenden DDR verbleiben wären, statt in der BRD ihr Glück zu suchen, müsstest du schon liefern.
Ich behaupte, dass wäre davon abhängig gewesen, wie viel Aufbauhilfe die BRD dem neuen deutschen Nachbarstaat hätte leisten können und wollen. Und das wäre unter fortbestehenden Notaufnahmegesetz eine ziemliche Zwickmühle gewesen, denn das Kernproblem besteht weiter: Die Konsumenten östlich der Grenze waren gewünscht, die Konkurrenz nicht. Die Bundesrepublik hätte sich kein Niedriglohnland in direkter Nachbarschaft heranziehen wollen, aber auch keinen gescheiterten Staat, der Wirtschaftsflüchtlinge und andere Probleme über eine offene innerdeutsche Grenze exportiert.
Was meinst du wohl, warum die EU erst knapp 15 Jahre später um ehemalige Ostblockstaaten erweitert wurde? Weil diese sich erst einmal *in sich* stabilisieren sollten, bevor sie durch den EU-Beitritt automatisch Freizügigkeit laut Schengener Abkommen genießen. Und selbst da ging im rechten und (neo-) liberalen Lager das Gespenst um, es würden Heerscharen an Wirtschaftsflüchtlingen in der Bundesrepublik aufschlagen.
also kann man davon ausgehen, das man das locker geschafft hätte, ohne dein suggerieren die Bundesrepublik hätte ihre Grenzen dicht gemacht, oder sogar auf die Leute geschossen.
Also bitte, Don. Du bist doch sonst nicht so sehr neben der Spur. Darüber, wie die Bundesregierung reagiert hätte, kann man diskutieren, aber wo bitte suggeriere ich denn, die Bundesrepublik hätte auf Flüchtlinge aus der DDR bzw. dessen Nachfolgestaat geschossen?
Was ich in meinen anfänglichen Beitrag klarstellen wollte und nach wie vor klarstellen will: Die Kräfte, die sich *heute* angesichts von ein paar tausend Flüchtlingen darin versteigen, man müsste an einer deutschen Grenze auf selbige schießen, um das Überleben der Bundesrepublik zu sichern, finden sich *nicht* auf der linken Seite des bundesdeutschen politischen Spektrums, sondern leicht bis stramm rechts. Also in der Ecke, in der man paradoxerweise bei jeder Gelegenheit die Todesschüsse an der innerdeutschen Grenze ausgräbt, überspitzt und eine Tradition zur heutigen Linken insinuiert.
Wie ich bereits schrieb: Es gibt sehr gute Gründe, die Linke nicht zu wählen, aber dazu gehört nicht, dass sie zwingend eine Diktatur nach Modell der DDR schaffen wollen. Dies streben eher ideologische Vertreter der Diktatur davor an.
Der Linken muss man jedoch eine höchst unbeholfene Aufarbeitung von DDR-Unrecht vorwerfen. Diese befindet sich auf der selben Stufe wie die unbeholfene Aufarbeitung des Nationalsozialismus der konservativen Mitte, was allerdings seit Gründung der Bundesrepublik keine Mehrheit davon abhielt, sie trotzdem zu wählen. Und dieser mitgeschleifte Rechtsdrall fällt uns heute auf die Füße, denn während das Fußvolk der Neuen Rechten aus der ostdeutschen Tiefebene kommt, stammen die Vordenker aus dem bürgerlichen Lager der alten Bundesrepublik - und finden paradoxerweise Dinge nötig und vertretbar, aufgrund derer wiederum die Linke zur "SED-Nachfolgerpartei" deklariert wird.
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber solche Absurditäten stören mich. Nicht zuletzt deshalb, weil damit durch Konstruktion einer scheinbaren Bedrohung von der tatsächlichen abgelenkt wird und der deutsche Michel es auch noch frisst.
