Der Klang ist einfach besser mit richtigem System.
Ich bin ja selbst ein Fan des Analogen, ob in der Produktion oder beim Konsum, aber ich weiß auch, was die Digitaltechnik kann; und rein technisch gesehen stimmt es einfach nicht, dass die Platte – bei gleichem Quellmaterial – besser klinge als die CD. Die CD hat einen nutzbaren Dynamikbereich von rund 96 dB, der Dynamikumfang der Schallplatte ist um Größenordnungen schlechter (typischerweise 50 bis 60 dB), nach unten begrenzt durch das Grundrauschen der Rille, nach oben durch die Mechanik. Ja, mit einer guten Anlage klingt eine Platte grandios – eine CD aber eben grundsätzlich auch. Auch hinter dem Digital-Analog-Wandler des CD-Players lässt sich eine analoge Signalkette errichten, die harmonische Verzerrungen ins Signal bringt. Um aus einer Schallplatte das klangliche Optimum rauszuholen, muss man allerdings beim Abspielgerät erheblich tiefer in die Tasche greifen als bei der CD.
Generell ist die CD ein ausgesprochen unterschätztes Medium, weil den wenigsten klar ist, dass sie mit ihrer Auflösung von 16 Bit (die den nutzbaren Dynamikbereich bestimmen) und der Samplingrate von 44100 Hz (welche von der höchsten im Nutzsignal gewollten Frequenz abhängt, siehe
Kotelnikow-Abtasttheorem) sehr genau auf das menschliche Gehör abgestimmt ist. Ich weiß, dass Audiophile dazu neigen, das Gras wachsen zu hören, aber an der Behauptung, dass das Audiomaterial von einer Schallplatte unter gleichen Bedingungen im Klang hochwertiger sei als von einer CD, ist genauso wenig dran wie an der Vorstellung, dass man im Digitalbereich einen Unterschied höre, wenn das Material in höheren Auflösungen oder Samplingraten vorliegt, weil ja „mehr“ vom Analogsignal erfasst wurde – so funktionieren digitale Signale schlichtweg nicht.
Der springende Punkt, warum die gleichen Songs, die gleichen Alben auf CD trotzdem schlechter klingen, wurde schon genannt: Anderes Master. Der Loudness War, der übrigens schon zu Vinyl-Hochzeiten losging, konnte mit der CD und der Digitalisierung der Produktionskette ganz neue Ausmaße erreichen. Seit die Plattformen und der Rundfunk aber einen einheitlichen integrierten Lautheitspegel vorgeben und alles, was darüber hinausgeht, automatisch runterregeln, hat es für die Produzenten keinen Vorteil mehr, ihr Signal für mehr Lautheit zu einer toten Wurst zu komprimieren, im Gegenteil ist der Anreiz bedeutend höher geworden, eine höhere Dynamik in seine Mischung zu bringen, mit der sich am Ende trotzdem im Mittel die gleiche Lautheit erzielen lässt. Vinyl hatte, wenn man so will, das „Glück“, dass es schon da war, bevor der Loudness War dermaßen eskalierte, und jetzt, wo man zumindest die Anreize korrigiert hat, sich wieder steigender Beliebtheit erfreut, während die Hochphase der CD dummerweise genau in die Zeit der Eskalation fiel, sodass man, wenn man von einem älteren Album zeitgenössische Exemplare in den Händen hält, auf der Schallplatte mit großer Wahrscheinlichkeit ein besser gemischtes Master hat als auf der CD. Natürlich klingt das dann besser. Umgekehrt gilt aber auch: Wird die gleiche Mischung als Grundlage für CD und Schallplatte genommen, wird sie sich auf der Schallplatte niemals besser anhören. Und um noch mehr Illusionen zu zerstören: So gut wie kein Tonstudio arbeitet noch komplett analog, so richtig mit Bandmaschinen und allem. Früher oder später hat jede Musik, die ihr hört, in der Verarbeitungskette einmal die Wandlung in Einsen und Nullen durchlaufen.
Die Musikindustrie hat sich außerdem, dämlich wie die Contentmafia halt ist, in den 2000er-Jahren mit „Kopierschutz“-Maßnahmen, die in Wahrheit ein Abspielschutz waren, der bei diversen CD-Playern (vor allem in Autos) wirkte, bis hin zu Rootkits (Sony) nicht gerade beliebt bei ihrer CD-Käuferschaft gemacht. Dazu waren nicht nur für die Industrie, sondern auch für den Großteil ihrer Kunden Tonträger im Wesentlichen lediglich ein Mittel zum Zweck, wo Kosten und Aufwand immer die wichtigsten Kriterien darstellten. Diese Faktoren haben es extrem begünstigt, dass erst (illegale) Downloads und schließlich Streaming die CD sehr schnell verdrängten, zumal die Hörgewohnheiten der meisten Leute durch den Loudness War bereits so kaputt waren, dass sie den Unterschied auch nicht mehr hörten. Digitale Distributoren, ob Download oder Streaming, haben bis auf wenige Ausnahmen auch kein Interesse daran, Musik unkomprimiert in CD-Qualität auszuliefern – kostet schließlich Bandbreite und Speicherplatz, und mit modernen Codecs ist da auch kein Unterschied mehr zwischen komprimiert und unkomprimiert wahrnehmbar, bei verlustfreier Kompression war es das noch nie.
Die Schallplatte ist da sowohl für Liebhaber als auch die Plattenfirmen attraktiver: Auf Konsumseite schöner zum Sammeln und Zeigen, komplett andere Haptik und anderes Nutzungserlebnis als bei digitaler Musik von der CD oder HDD, und die Plattenfirmen können sie aufwendiger gestalten und damit teurer verkaufen, nachdem ihnen mit dem Siegeszug von Streaming das Tonträgergeschäft und damit ein riesiger Teil ihres Umsatzes weggebrochen sind. Letzteres ist auch der Grund, warum Lizenzvergaben umso wichtiger sind und die Musikindustrie zu den schlimmsten Abmahn- und „Urheber“rechtstrollen überhaupt gehört, weil Streaming für die Plattenfirma wenig abwirft und für die einzelnen Musiker noch viel weniger.
Der höhere Preis wiederum ist zum einen auf Sammlerseite selbst ein Aushängeschild, zum anderen führt er dazu, dass die Neigung stärker wird, sich dieses Investment zurechtzurationalisieren. Darum behaupten Vinyl-Fans unentwegt, dass die Platte einfach immer besser klinge als alles Digitale, was bisweilen schon esoterische Züge annimmt, aber einer wissenschaftlichen Überprüfung einfach nicht standhält. Wann immer Hörtests basierend auf dem gleichen Quellmaterial durchgeführt werden, belegen sie vor allem eines: Die entscheidende Komponente, welche Unterschiede man hört und welches Medium „besser“ klingt, nennt sich „Confirmation Bias“. Die Tatsache, dass eine Schallplatte aufgrund des viel lauteren Rauschens und der Abnutzung (im Grunde ist jeder Abspielvorgang schädlich für die Platte und führt zu Qualitätsverlust) gegenüber der Silberscheibe bzw. digitalen Formaten generell klanglich im Nachteil ist, wird dagegen ausgeblendet oder schöngeredet, das sei ja „Teil des Erlebnisses“. Mag ja sein, aber besser wird der Klang dadurch halt nicht. Den größten Vorteil gegenüber der CD hat die Schallplatte dagegen bei der Alterung – während sich das Material von CDs langsam, aber sicher zersetzt und sie nach zwei, drei Jahrzehnten schlichtweg nicht mehr lesbar sind, sind vernünftig gelagerte Schallplatten nahezu unbegrenzt haltbar – wenn man sie nie abspielt.
Wenn die CD verschwinden sollte, dann, weil sie weder die Bequemlichkeit und den niedrigen Preis von Streaming und Downloads bieten kann, noch die Haptik, das Erlebnis, und den Voodoo der Schallplatte. Aus Sicht beider Lager ist die CD nichts Halbes und nichts Ganzes. Die Tonqualität hilft ihr nicht, wei a) man diese digital auch ohne die CD bekommen kann, b) sich die meisten Leute dafür nicht interessieren und c) sie aufgrund zahlreicher Mythen und Halbwahrheiten vor allem aus dem Vinyl-Lager von den wenigsten richtig eingeschätzt wird. Dazu kann sie im Gegensatz zu rein digital vertriebenen Formaten keinen Raumklang über Stereo hinaus, von 5.1 bis zu Atmos (was vor allem bei Klassik richtig was hermacht, die entsprechende Anlage vorausgesetzt), das kann die Schallplatte aber auch nicht, und ein Massenmarkt war das noch nie, darum sind auch SACD, DVD-Audio und schließlich BD-Audio immer eine Nische geblieben (zumal erstere beide auch noch spezielle Abspielgeräte erforderten), und deswegen ist das kein entscheidender Faktor. Ich denke dennoch, dass sie nach wie vor ihre Daseinsberechtigung hat, da sie immer noch einen einfachen Weg darstellt, die Künstler zu unterstützen, gerade bei Musik, die nicht auf Schallplatte veröffentlicht wird (ich höre sehr viel Soundtracks auch zu älteren Werken), es da teilweise auch sehr schöne Sammelboxen gibt, und eine vernünftig abgemischte CD, deren Dynamikbereich ausgereizt wird, mit jeder Schallplatte den Boden wischt (und das sage ich als Vinylfan). Und im Auto ist eine CD auch schneller und mit weniger Blindflug gewechselt als eine digitale Playlist – nur dort aufbewahren sollte man sie im Hochsommer lieber nicht.