Linux ist keine Alternative. Es fehlt mir die Unterstützung von HW und Software z.B. im Recording und im Foto- Bereich. [...]
Leider hat es Linux nicht geschafft, die Hersteller zu überzeugen wie es Windows tun konnte.
Aber von Windows gab es ja glücklicherweise auch immer nur eine aktuelle Release und keine >800.
Ich denke das ist einer der Hauptgründe, die mangelnde Standardisierung und die völlig unnötige Diversität der Systeme, dass es Windows immer noch so hinterherhumpelt, was HW/Applikationssupport anbelangt.
Ich bin mittlerweile von dem Punkt abgerückt, Linux die Schuld dafür zu geben, dass die Hard- und Softwareindustrie seit 30 Jahren nicht den Arsch hochbekommt.
Nehmen wir gleich als Beispiel Recording: Wenn Linux-Support so eine Raketenwissenschaft ist, als die er immer hingestellt wird, wie kann es dann sein, dass ein kleines Entwicklerteam wie Cockos es schafft, seine DAW, die zudem eher im unteren Preisbereich liegt, auch für Linux zu implementieren; aber der ach so große Postpro-Marktführer Avid, der über Größenordnungen mehr Mittel verfügt, und dessen schweinisch teure Hardware nicht einmal mit dem Betriebssystem sprechen muss (und im Fall der DSP-Karten auch nicht kann), es nicht geschissen bekommt, sein ebenso schweinisch teures Pro Tools darauf zu portieren? Oder ein Riesenkonzern wie Yamaha (Steinberg)?
Wie kommt es, dass eine verhältnismäßig kleine Firma wie Valve mehr für Gaming auf Linux tut als die gesamte restliche Spielindustrie, die sonst groß rumposaunt, umsatzstärker zu sein als alle anderen Unterhaltungsindustrien zusammen? Und wie können dann die zahlreichen Ehrenamtler, die nicht einmal dafür bezahlt werden, immer irgendeine Lösung entwickeln, um Hardware doch noch auf dem System lauffähig zu machen, obwohl sie nicht einmal Zugang zum Quellcode der Originaltreiber oder Schaltplänen haben, die Hersteller, die ihre Hardware kennen, aber nicht? Von fehlenden Mitteln oder zu hohem Aufwand kann da keine Rede sein.
Selbst dem Dschungel an Linux-Distributionen kann man durchaus begegnen, und wenn man wie Blackmagic sein Programm nur auf eine ganz bestimmte Linux-Distro eicht, die noch nicht mal zu den bekanntesten Distros zählt. Deren Lösung ist zwar auf anderen Distros mit viel Schmerzen zu installieren und ohne Nvidia-Hardware auch eher begrenzt einsatztauglich, aber der Ansatz ist da, auf dem man aufbauen könnte.
Nein, das hat nichts mit Können zu tun, sondern mit Wollen. Die Hardwareindustrie will es nicht, weil sie dafür erhebliche Teile ihres Treiber-Quellcodes offenlegen müsste – monolithischem Kernel und GPL sei Dank. Statt sich bei Linux einen Vorsprung zu erarbeiten, hängen alle in dem Denkmuster fest, dass von dem offenen Quellcode alle profitieren würden, außer demjenigen, der seinen zuerst veröffentlicht hat, und besonders die Konkurrenz. Deswegen spielt man weiter schön Entwickler-Mikado – wer sich zuerst bewegt, verliert. Und was die Softwareindustrie betrifft, gibt es eine andere These, die man wieder beim Beispiel Recording untermauern kann: Was REAPER von Pro Tools oder Cubase/Nuendo am stärksten unterscheidet, ist die DRM-Freiheit. Sobald irgendwie DRM ins Spiel kommt, ist Linux bei vielen Herstellern direkt raus, weil sie einem quelloffenen Betriebssystem genauso wie ihrer eigenen Kundschaft aus Prinzip misstrauen – man könnte ja so etwas nutzen, um die Software zu cracken. Oder denkst du, iLok mit Hardware-Dongle auf Linux wäre zu kompliziert zu programmieren? Man sieht es ja auch an anderen Beispielen, etwa dass Netflix selbst mit UHD-Abo auf Linux im Browser nur 720p ausspuckt. Auch Android wird nur geduldet, solange der User keinen Root-Zugang hat, und selbst das reicht heutzutage oft nicht mehr, da muss dann noch
Spyware in Form von Google Play Services mitlaufen. Dass die Leute mit Mac und Windows genauso cracken – egal, mit Fakten haben wir es hier nicht so. Wir nutzen ja auch seit Jahrzehnten wider besseren Wissens weiter unbeirrbar Schlangenöl, weil die Versicherungen, die ebenso blöd wie beratungsresistent sind, sonst nicht zahlen, wenn die Sekretärin mal wieder auf einen Link in der Mail vom Prinzen aus Nigeria geklickt hat.
Auch finanzielle Argumente und dass Firmen wirtschaften müssen, ziehen hier nicht. Die genannten Totalverweigerer haben im Unterschied zu denjenigen, die uns seit Jahren Linux-Support für ihre Produkte und die anderer bieten, Geld wie Heu, und es wäre auch nicht das erste Mal, dass sie ein Produkt zunächst quersubventionieren müssen, um damit langfristig in die Zukunft zu investieren.
Die immer noch unzureichende Versorgung unter Linux ist das Ergebnis bewusster Entscheidungen von Herstellern, die am Ende alle das gleiche Ziel verfolgen, welches sich rein zufällig auch mit dem Ziel von Microsoft und Apple deckt: Maximale Kontrolle über das Mastvieh namens Konsument. Und es ist eine Konsequenz der jahrelangen Haltung von Third-Party-Herstellern wie auch der Kundschaft, Convenience über alles andere zu stellen. Wie viele Leute in der Audio- und restlichen Kreativbranche kaufen sich einfach einen Mac und denken dann nicht weiter darüber nach? Nicht nur tun sie damit genau, was Apple will, sondern es ist ja gerade ihr Ziel, einen Rechner zu haben, mit dem sie sich nicht weiter beschäftigen müssen. Und die meisten Microsoft-Kunden, professionell wie privat, ticken genauso. Große Unternehmen hätten sowohl die Interessen als auch die Druckmittel, um von ihren Software-Lieferanten Linux-Support einzufordern – tun sie trotzdem nicht. Dieselben Unternehmen, die uns mit DRM plagen, präferieren auch hier die Convenience und vertrauen einfach darauf, dass Microsoft, Apple und Google mit ihrem geistigen Eigentum, das sie mit Recall und Co. extrahieren können, schon keinen Scheiß anrichten werden – eine Annahme, die nun endlich mit den „KI“s dieser drei Konzerne und deren Training mit Userdaten immer mehr in sich zusammenfällt. Hand in Hand haben wir so Stück für Stück unserer Souveränität über die Hard- und Software, die wir kaufen, geopfert. Bequemlichkeit ist der größte Feind sowohl von Freiheit als auch von Sicherheit.