@Raff
Der Unterschied zwischen Steam und Epic ist, Steam führt sich nicht als Monopolist auf und handelt auch nicht so [...]
Und in die Geschäftsbedingungen eine Klausel zu packen, die es Steam-Händlern verbietet, ihre Produkte auf anderen Plattformen zu besseren Konditionen (günstigere Preise oder exklusive Inhalte) als bei Steam anzubieten, ist kein Monopolisten- bzw. Marktführergehabe? Auch Preisgestaltung gehört zum Wettbewerb, insofern stellt eine derartige Klausel eine Wettbewerbsbehinderung dar. Eine Klausel, die übrigens auch dazu führt, dass Publisher nicht einmal, wenn sie es wollten, die Möglichkeit hätten, die geringere Marge bei Epic über einen günstigeren Verkaufspreis zumindest teilweise an die Spieler weiterzugeben und ihnen somit zumindest finanziell einen Anreiz zu geben, bei Epic zu kaufen, wenn Epic schon keine bessere Plattform entwickeln will. Außer natürlich, sie verkauften gar nicht bei Steam – „Wettbewerb“ ginge auch ohne Steam, z.B. mit Spiel für 50 € mit DRM bei Epic und alternativ für 60 € DRM-frei bei GoG –, aber das würde den Spielern ja auch wieder nicht passen.
Und wann immer behauptet wird, der himmlische Gottkaiser GabeN und seine Firma seien „nicht kundenfeindlich“, dann frage ich mich, wann sich die Ansicht durchgesetzt hat, dass DRM keine Kundengängelung sei. Selbst wenn es nicht verpflichtend sein mag –
kundenfreundlich wäre es gewesen, es gar nicht erst einzuführen und komplett darauf zu verzichten. Ist es kundenfreundlich, Store-Inhalte für ein ganzes Land zu zensieren, weil man sich zu fein ist, für dieses eine jugendschutzgesetzkonforme Alterskontrolle einzubauen? Ist es kundenfreundlich, Benutzer zu sperren, welche diese Zensur mittels VPN zu umgehen zu versuchen (Globalisierung und freier Markt sind eben doch nicht für alle); mit der Begründung, sie dürften nicht einfach die Spiele dort kaufen, wo sie am günstigsten seien, während die Firma ihre (europäischen) Einnahmen natürlich in Luxemburg versteuert (und nicht dort, wo sie tatsächlich generiert werden)? Wie kundenfreundlich ist es, einer Person durch so einen Bann ihre gesamte Spielesammlung, die sie über Jahre zusammen„gekauft“ hat, auf einen Schlag entziehen zu können? Ganz zu schweigen davon, dass es vermutlich bis heute kein Rückgaberecht bei Steam gäbe, wenn die EU deswegen nicht mächtig Stunk gemacht hätte. Steam-Guthaben (von dem sie sich bei jeder Community-Markttransaktion was abzweigen) kann man übrigens bis heute nicht ausgezahlt bekommen, das Geld bleibt auf ewig bei Valve.
Das alles ändert natürlich nichts daran, dass Epics Auftreten aus Kundensicht eine tolldreiste Katastrophe ist; und je mehr Sweeney davon faselt, den PC-Gamesmarkt spielerfreundlicher zu machen und mehr Wettbewerb zu schaffen, desto konsequenter macht er das genaue Gegenteil. Statt eine Plattform zu erschaffen, die sich nicht nur mit Steam messen kann, sondern diese sogar übertrifft, versucht er, Epic über Exklusivdeals „gewaltsam“ in den Markt einzukaufen, womit er keinen Wettbewerb schafft, sondern reihenweise Mini-Monopole; ganz zu schweigen von den Schäden, die Epic so für kleinere Mitbewerber wie GoG anrichtet und billigend in Kauf nimmt, wenn nicht gar beabsichtigt. Bei den „lebenslangen“ Exklusivrechten wüsste ich übrigens gern, wie er sich das vorstellt: Einmal die Definition des Begriffs „lebenslang“ – ich kenne Personen, nach deren Definition von „lebenslang“ es sich nur noch um Tage handeln könnte. Größere Zweifel habe ich an der Vereinbarkeit mit geltendem Recht. Patente erlöschen in Deutschland nach 20, maximal 25 Jahren; urheberrechtlich geschützte Werke werden 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers automatisch gemeinfrei. Bisher fehlt es an Präzedenzfällen, da Videospiele ein zu junges Medium sind, aber falls es sie in hundert Jahren noch geben und das heutige Recht auf diesem Gebiet noch gelten sollte, dürfte deren Gemeinfreiheit eine spannende Streitfrage werden. Angesichts der Unabsehbarkeit derartiger Zeiträume gerade in der modernen Wirtschaft halte ich Sweeneys Aussage für 1% böse, 99% heiße Luft.
Dabei hätte Valve echten Konkurrenzdruck dringend nötig, um bei sich nachzurüsten, denn Valve ist im Laufe der Jahre unglaublich träge geworden, das erkennt man nicht nur an ihrem nicht vorhandenen Portfolio neuer Spiele aus dem eigenen Haus. DRM-Freiheit wäre eine Sache, ist aber leider den meisten Spielerinnen und Spielern nicht wichtig genug, sonst wäre GoG längst Marktführer. Das Nächste wäre die Wiedereinführung einer gescheiten Qualitätskontrolle, welche die Einhaltung gewisser Mindeststandards prüft, damit nicht mehr jeder Asset-Flip den Store zumüllt, was sich auch negativ auf die Verkaufschancen *guter* Indie-Spiele auswirkt. Auch in der Hinsicht ist der Epic-Store aus Entwicklersicht deutlich attraktiver. Und Steams Download-Infrastruktur, die bei Leitungen im dreistelligen Megabit- oder gar Gigabit-Bereich immer noch der Flaschenhals ist und bei jedem Sale erst einmal zusammenbricht, ist mir auch bis heute ein Dorn im Auge.
Halten wir fest: Ich verabscheue Epic und Sweeney für das, was sie mit dem Epic Games Store zum Nachteil der Spielerinnen und Spieler tun, zutiefst; aber das Stockholm-Syndrom, was nicht wenige Spielerinnen und Spieler gegenüber Valve, Steam und GabeN zum Ausdruck bringen (sowohl im Rahmen der EGS-Kontroversen als auch generell), finde ich nicht weniger gruselig als die Unterstellung, dass jeder Epic-Kritiker automatisch ein Steam-Fan sei. Beide Firmen und ihre Repräsentanten sind nicht unsere Freunde; sie alle sehen auf uns herab und bauen darauf, dass die Mehrheit sich als Konsumenten behandeln lässt, statt sich als Kunden zu begreifen, und auch ihr letztes bisschen Würde hergäbe für die schiere Gelegenheit, etwas zu kaufen, weil die Gier auf die Produkte am Ende doch größer ist als die Selbstachtung. Ich respektiere jeden, der es damit, die Spiele einfach nicht zu kaufen, ernst meint und das durchzieht; ich habe aber auch gelernt, dass Boykottvorhaben und -ankündigungen im Gaming-Bereich stark dazu neigen, sich als Luftnummer zu entpuppen, sonst wäre schon Steam als das, als was es einst startete – ein Pflichtclient mit Onlinezwang und DRM-Gängelei – in Nullkommanichts wieder von der Bildfläche verschwunden gewesen oder hätte sich gänzlich anders – nach meiner Einschätzung besser – entwickelt. Insofern bezweifle ich bei allem Shitstorm, dass die Spielerinnen und Spieler wirklich aktiv Einfluss auf Epics Kurs nehmen werden. Aber selbst dann sollte man sich nicht noch für sie als unbezahlter Kreuzritter ins Internetgefecht werfen, sie danken es einem sowieso nicht.