Wie gesagt: Das waren nur die Summen für die Bearbeitung der Abfragen. Um Gewinn zu machen muss man vor allem die Erstellung des Angebots refinanzieren, nicht nur die Infrastruktur für dessen Roll-Out. Belastbare Zahlen zur Gesamtbilanz liegen mir aber nicht vor; das Risikokapital wird auch über mehrere Ebenen verteilt: Wenn Microsoft beispielsweise das Basismodell von Chat GPT bei Open AI lizensiert, könnte eine saftige Lizenzgebühr dort die Bilanz schnell mal ins schwarze ziehen. Die Implementationen in Windows, Office und Bing erfordern aber weiteren Programmieraufwand, jede Menge Training, ggf. massive Anpassungen an Datenschutz, eigene Deploymentkosten auf in diesem Fall sehr großer Breite und ähnliches, sodass die Gesamtrechnung "KI für User bereitstellen" weiterhin tief in den roten Zahlen stecken könnte. Man kann die Frage "wie rentabel sind 3D-Spiele?" ja auch nicht mehr Bilanz der Unreal-Engine-Entwickler beantworten.
Die zukünftige Entwicklung kann ich auch nicht abschätzen. Abgesehen davon, dass der KI-Hype kaum zwei Jahre alt ist, "in 10 Jahren" also ein ähnliche Extrapolationsfaktor wäre wie "welche Autos fahren wir 2600?", hängt extrem viel von den Anwendern bereit, die bislang überwiegend nur Zuschauer waren. Abzusehen ist bereits jetzt, dass weitere Qualitätssteigerungen der Modelle gleichzeitig in exponentiell steigende Hardware-Kosten (vor allem beim Speicher, der sich nur langsam weiterentwickelt) und gleichzeitig einen abnehmenden Grenzertrag laufen. Das heißt die heutige Fehleranfälligkeit von KI wird uns noch lange erhalten bleiben. Es gibt aber genug Beispiele für vergleichsweise fehleranfällige Systeme, die zumindest von einigen Herstellern kommend gehyped werden – selbst in sicherheitskritischen Anwendungen, wenn man sich z.B. Fahrassistenzsysteme mit gelegentlichen Phantomnotbremsungen und lebensbedrohenden Lenkeingriffen gerade in kritischen Situationen (Baustellen, fehlende Markierungen) anguckt.
Sollten die Verbraucher die Einstreuung erfundener Nachrichten, fragwürdige Rezepte, inhaltslose Videos, nutzlose Support-Systeme und vorgetäuschte Gesprächspartner in gleicher Weise akzeptieren, dann könnten schon in den nächsten Jahren in großem Stil bestehende, händisch abgestimmte deterministische Systeme, Ausbildungsprozesse und ganz einfach Mitarbeiter durch KI-Routinen ersetzt werden. Wenn dagegen von Chat GPT zusammenphantasierte Märchen auch in Zukunft gebrandmarkt werden, User und Unternehmen die so etwas verbreiten gecancelt, dann könnte die Blase auch komplett implodieren. Es ist ja nicht so als wäre für KI bislang ein generell neues Anwendungsgebiet gefunden worden. Bislang geht es immer um den Ersatz von Techniken, die weniger flexibel/eigenständig und deswegen auf kostspielige Menschen angewiesen waren. Ein selbstfahrendes Auto ist zum Beispiel nichts anderes als ein Taxi, ein KI-Suchergebnis nichts weiter als eine redaktionelle Zusammenfassung. Nur halt mit dem Unterschied, dass ersteres einfach mal auf der Kreuzung stehen bleibt und den Verkehr blockiert, letzteres einfach mal Bahnhof erzählt und beide kein Gehalt, keine Ausbildung, keinen Urlaub wollen. Das kann man als besseres oder als schlechteres Gesamtpaket sehen und ob die Mehrheit das macht oder nicht, wird sich zeigen.
Ich erinnere hierbei an andere durchwachsene Digitalisierungskonzepte wie beispielsweise Touch-only-Bedienung im Auto, kassenlose Supermärkte mit Permanentüberwachung oder automatische Bestelldienste nach Auswertung des persönlichen Konsumverhaltens. Erstere hat sich bei der Mehrheit durchgesetzt, mittlere sind mangels Interesse am kämpfen und letzterer standen selbst die Digital Naives so misstrauisch gegenüber, das gar nichts daraus wurde. Persönlich ist mir KI bislang vor allem in Form von Spam bei Suchergebnissen, auf Video-Plattformen und (berufsbedingt) Foren-Anmeldungen begegnet. Das kam nirgendwo gut an und wird von Leuten betrieben, bei denen ich bezweifle, dass sich mit denen Milliarden verdienen lassen.