[...]Intel ist mittlerweile bekannt dafür, dass ihre Roadmaps eher eine Wunschliste, als irgendwelche Realitäten darstellen.
Stimmt, und gilt im dieser Form (leider?) sogar universell. Erscheinungsdatum bzw. ob überhaupt ein Produkt aus einer Ankündigung wird, Performancecharakteristik, sogar Preispunkt - Produkt oder Prozess - alles eher Kategorie Glaskugel in den letzten Jahren.
Um ehrlich zu sein müsste Lip-Bu Tan, Intels neuer CEO, sogar an dieser Stelle zuerst ansetzen. Die Kunden, vor allem eben die Großkunden, nicht wirklich wir paar schäbige Endkunden hier, müssen sich wieder auf das verlassen können, was Intel ihnen vorab verspricht. Auf diese Art und Weise hat es ja auch AMD geschafft, von einem Großkunden-Marktanteil von quasi null an das Schiff herumzudrehen. Dort hat man den großen Hyperscalern gesagt: "Diese und jene Fortschritte kommen zu einem bestimmten Zeitpunkt und werden folgende Vorteile bringen..." - und das genau so geliefert.
Also, wir können nur etwas bewerten, was da ist, nicht was die Zukunft bringen soll.
Das ist an und für sich richtig so - und aus unserer Endkundenperspektive auch fast das Ende der Geschichte.
Aber der Großkundenmarkt tickt da etwas anders. So ein Rechenzentrum oder Supercomputer plant sich nicht in 1-2 Wochen oder Monaten. Da ist es schon entscheidend, sich auf die Ankündigungen des Herstellers verlassen zu können, dass bestimmte Produkte mit der gewünschten (weil geplanten) Charakteristik zum vereinbarten Zeitpunkt auch zur Verfügung stehen. Diese Glaubwürdigkeit hat Intel in den letzten Jahren dramatisch verspielt. Ein Projekt wie El Capitan würde zur Zeit niemand mit Intel planen.
Aktuell können wir sagen: Ja, Intel ist in der Chipfertigung ein Nobody. Wäre dem nicht so, dann wären ihre Fabs gut ausgelastet von anderen Firmen (wie Apple oder Nvidia oder oder oder), aber kaum bis keiner lassen ihre Chips da produzieren.
Stimmt, Punkt. IFS muss sich (immer noch) erst am Markt beweisen. Und dazu gehört auf der offensichtlichen Seite erst einmal, Kunden zu haben, die überzeugende Produkte bei Intel fertigen lassen. Dem ist - offensichtlich - nicht so. Nicht einmal Intel selbst fertigt noch überzeugende Produkte in den eigenen Fabs (wie überzeugend die Produkte allgemein sind sei dahingestellt, darum geht es gerade nicht).
Weniger offensichtlich, aber in der Branche eigentlich sogar der wichtigere Teil, ist die Frage, ob Intels für IFS angedachte Prozesse auch ein für die Kunden überzeugendes Designkit haben. Damit steht und fällt alles. Der Prozess mag noch so gut sein, bringt alles nichts, wenn der (potentielle) Kunde ihn nicht optimal nutzen kann.
Aktueller Stand ist nun einmal, dass es nur noch drei Konzerne gibt, die modernste Prozesstechnik anstreben (China mal außen vor gelassen, Japans hochstrebende Pläne auch): TSMC, Samsung und Intel.
Intel: Hat bisher nie als Foundry gearbeitet, die Prozesstechnologie und vor allem die PDKs waren in-house optimiert. Der Prozess mag stimmen (18A), aber ist das PDK gut?
Samsung: Die PDKs mögen stimmen, aber offensichtlich taugen die Prozesse im Vergleich z.Zt. nichts. Quasi das Gegenteil von Intel.
TSMC: Nicht umsonst unbestrittener Marktführer. Die PDKs sind in jahrzehntelanger Übung und vor allem Zusammenarbeit genau darauf ausgerichtet, den Kunden zu dienen. Die Prozesse sind ausgereift und bieten höchste Ausbeite.
Das ist der Stand der Dinge. Den muss Intel hinnehmen, akzeptieren und lernen, wie sie sich daran anpassen. Pat Gelsinger hat dabei versagt. Lip-Bu Tan könnte der richtige Mann zur richtigen Zeit sein. Als ehemaliger CEO von Cadence dürfte ihm die zentrale Bedeutung eines guten PDK jedenfalls wohl bewusst sein.