Um das Thema wieder auf Kurs zu bringen und einmal genauer zu erklären was da eigentlich passiert. Und weshalb weder warnaufkleber noch LED hinweisleuchten innerhalb eines PC-Gehäuse ausreichen um die Produktsicherheit nach CE wiederherzustellen.
Also...

Technische Skizze und Erklärung: Stromverteilung bei 12V-2×6 Stecker (600 W / 12 V)
---

1. Grundlagen
Leistung: 600 W
Spannung: 12 V DC
Gesamtstrom:
I_gesamt = P / U
I_gesamt = 600 W / 12 V = 50 A
→ Parallel geschaltet für Lastverteilung
---

2. Normale Lastverteilung (6 Pins intakt)
I_pro_Leitung_normal = I_gesamt / 6
I_pro_Leitung_normal = 50 A / 6 ≈ 8,33 A
Jeder der sechs Pins führt ca. 8,33 A – unterhalb typischer Belastungsgrenzen bei gutem Kontakt und ausreichendem Querschnitt (~18 AWG).
---

3. Szenario 1: Lediglich 1 Leitung ausgefallen (Kontakt defekt, mechanisch deformiert etc.)
I_pro_Leitung_ausfall = I_gesamt / 5
I_pro_Leitung_ausfall = 50 A / 5 = 10 A
Die verbleibenden fünf Leitungen tragen nun je 10 A – das entspricht einer Erhöhung um ~20 % pro Leitung.
Das klingt wenig, ist aber kritisch, weil:
I²R-Verluste steigen nicht linear, sondern quadratisch:
P_verlust ∝ I² · R
Der thermische Effekt steigt daher um ca. 44 % pro Leitung:
(P_neu / P_alt) = (I_neu / I_alt)²
= (10 A / 8,33 A)² ≈ 1,44
→ ca. 44 % mehr Wärmeentwicklung pro Leitung
---

4. Was passiert bei gleichem Leitungsquerschnitt (z. B. 18 AWG)?
Typische Dauerstromtragfähigkeit 18 AWG: 6–9 A bei guter Entwärmung
Bei 10 A: Grenzbereich bis überlastet, je nach Temperatur, Biegeradius und Umgebung
Folge: lokale Erhitzung, Isolationserweichung, Schmorbildung, eventuell Übergangswiderstandsanstieg → Teufelskreis
---

5. Wirkung zu enger Biegeradien auf Stromtragfähigkeit
Enge Biegeradien führen zu:
Mikrobrüchen in Einzellitzen → Effektiv reduzierter Querschnitt
Erhöhter Übergangswiderstand an mechanisch belasteten Crimp- oder Lötstellen
Wärmeakkumulation bei schlechtem Luftstrom
R_min ≈ 4 × Außendurchmesser (bei fester Verlegung)
R_min ≈ 6 × Außendurchmesser (bei beweglicher Verlegung)
Wenn
eine weitere Leitung ausfällt (also
nur noch 4 von ursprünglich 6 Pins aktiv sind), verschärft sich die Situation deutlich:
Neue Werte bei 2 defekten Adern (nur 4 aktive Pins):
- Strom pro Leitung:
Code:
I_pro_Leitung = 50 A / 4 = 12,5 A
- Das liegt deutlich über der typischen Dauerbelastbarkeit von 18 AWG-Kabeln (ca. 6–9 A bei Dauerbetrieb).
Wärmezuwachs im Vergleich zum Normalbetrieb:
| Zustand | Strom pro Leitung | Verlustwärme (relativ) |
|---|
| Normal (6 Leitungen) | 8,33 A | 1,00× |
| 1 Leitung defekt (5 aktiv) | 10,00 A | 1,44× |
| 2 Leitungen defekt (4 aktiv) | 12,50 A | 2,25× |
→ Die Verlustleistung steigt bei 2 defekten Adern um
+125 % im Vergleich zum Soll-Zustand.
Fazit:
Bereits der Ausfall von 2 Adern in der Parallelschaltung bringt jede einzelne Leitung in einen Überlastbereich, der deutlich jenseits der Spezifikation liegt.
Dies führt zu:
starker Erhitzung der verbleibenden Pins,
Alterung der Isolierung,
Kontaktverformung,
im schlimmsten Fall: Schmelzen, Brand oder Zerstörung der Buchse.

Die Konstruktion ist thermisch nicht fehlertolerant.
12V-2×6-Stecker sind auf perfektes Kontaktverhalten angewiesen.
Schon der Ausfall einer Ader bringt das System an den thermischen Randbereich.
Verstärkte Biegung, falsche Kabelführung oder Fertigungstoleranzen wirken direkt auf Stromtragfähigkeit und Lebensdauer.
Das Design ist nicht fehlertolerant – und damit nach EN 62368-1 in Frage zu stellen, wenn keine Gegenmaßnahmen implementiert sind.
→ Nach
EN 62368-1:2020 (Kap. 5.3) müsste genau dieser Fehlerfall
mechanisch oder elektrisch abgesichert sein – das ist hier nicht der Fall.
Stellungnahme zur Wirksamkeit von LED-Sicherheitsanzeigen gemäß EN 62368-1:2020

Was solche LEDs leisten können:
Sie bieten eine optische Rückmeldung, z. B.:
Stecker ist nicht korrekt eingerastet
Sense-Pins liefern unplausible Werte
Stromaufnahme außerhalb des Sollbereichs
Sie können Fehlzustände signalisieren, bevor thermische Schäden auftreten
Sie sind nützlich als ergänzende Informationsquelle

Warum das allein nicht normkonform ist:
1. Keine aktive Schutzmaßnahme, nur
passiver Hinweis
Gemäß EN 62368-1, Kapitel 5.3.7.1:
> „Gefährliche Energiequellen müssen durch
geeignete Maßnahmen so begrenzt werden, dass sie keine thermischen oder elektrischen Gefährdungen für Benutzer verursachen können – auch im Fall vorhersehbarer Fehlanwendung.“

Eine
optische Warnung ist kein
physischer Schutz – sie begrenzt weder Strom noch Temperatur.
2. Zielgruppe: Laien
EN 62368-1 unterscheidet klar zwischen Nutzergruppen (siehe auch TÜV-Nord-Auslegung):
Nutzergruppe || Erwartete Reaktion auf Warnsignal
Laie: || >Muss nicht in der Lage sein, technische Signale korrekt zu interpretieren oder zu reagieren<
Unterwiesene Person: || >Kann Warnhinweise erkennen und handeln<
Fachkraft: || >Erwartet Eigenverantwortung und Sachkunde<

Bei Grafikkarten für Endverbraucher handelt es sich
eindeutig um Produkte für Laien.
> Eine LED-Warnung erfüllt nicht die Anforderung an eine Schutzmaßnahme für Laien, da nicht garantiert werden kann, dass sie erkannt, verstanden und richtig interpretiert wird. (ganz zu schweigen von der Wahrnehmung in einem geschlossenen Computergehäuse)
3. Schutz muss automatisch und systemintern greifen
Nach EN 62368-1:2020, Abschnitt 5.4 (Fehlerbedingungen) ist es nicht ausreichend, auf die Reaktion des Nutzers zu setzen. Vielmehr gilt:
> „Die Sicherheit des Produkts muss auch bei Fehlern, unsachgemäßer Verwendung oder unterlassener Benutzerreaktion gewährleistet sein.“

Ein optischer Hinweis
ohne automatische
Strombegrenzung,
thermische Abschaltung oder
Systemverriegelung ist
insuffizient.
---

Fazit 2
LED-Warnanzeigen sind hilfreich, aber sie ersetzen keine normgerechten Schutzmaßnahmen.
> Sie gelten nach EN 62368-1 nur als ergänzende Schutzklasse 3 (Warnung), während bei gefährlicher Energiequelle mindestens Schutzklasse 1 oder 2 erforderlich ist:
Schutz durch Konstruktion
Schutz durch Trennung
Schutz durch Begrenzung
Eine LED kann nicht verhindern, dass ein Stecker sich durch Übergangswiderstand überhitzt – sie kann es höchstens anzeigen, wenn es bereits passiert oder unmittelbar bevorsteht.
Abschluß:
LED-Safety-Indikatoren sind ein Versuch der Hersteller, das offensichtliche Problem „weich“ zu entschärfen. Aber aus Sicht der EN 62368‑1:2020 reicht diese Maßnahme nicht aus, um Konformität mit den Sicherheitsanforderungen herzustellen.