AW: Rise of the Tomb Raider: Steam-Shop-Seite deutet Release-Termin für PC an
Ich fand es durchaus gut herausgearbeitet wie sich Lara von der Studentin notgedrungen zur später bekannten Lara Croft wandelt. Aber da hat jeder ein anderes Empfinden.
"Durchaus gut herausgearbeitet"?
Das ist in genau EINEM QTE passiert, in der Szene, in der Lara zum ersten Mal einen Russen töten muss. Von diesem Zeitpunkt an ist sie einfach nur eine eiskalte Killerin, zumindest dem Gameplay nach, auch wenn die Zwischensequenzen (und die lächerlich doofen Todessequenzen, in denen Lara unablässig herumstöhnt...) etwas anderes suggerieren wollen. Und das ist ja gerade die Inkonsistenz zwischen Gameplay und Story, von der ich geredet habe. Und genau deshalb ist Laras Charakteriserung über das ganze Spiel hinweg auch einfach nur schlecht gelöst und widersprüchlich.
Ich weiß ja nicht, wie andere das sehen, aber zumindest mir will es nicht einleuchten, dass ein normale Frau, innerhalb von nur ein paar Minuten oder Stunden in eine wahre Tötungsmaschine mutiert, die keinerlei Skrupel hat, dutzende oder gar hunderte anderer Menschen zu lynchen. Klar, das machen andere Spiele auch, aber es ist sehr wohl eine Frage des Kontext. Wie schon geschrieben, wenn man sein Spiel nicht ernsthaft aufzieht (sprich satirisch, over-the-top oder sogar ganz ohne Kontext) oder einen gewissen nachvollziehbaren erzählerischen Kontext für seinen Protagonisten hat (GTA bzw. Hitman), dann ist das widerum ok. Dann passt das. Aber gerade WEIL Tomb Raider ja so ernsthaft sein will, gerade WEIL Crystal Dynamics Lara als echte, verletzliche Frau präsentieren will, ist der Bruch zwischen Geschichte/Charakter auf der einen Seite und dem Gameplay auf der anderen Seite ja so groß. Jeden Anflug von Nachvollziehbarkeit für den Charakter durch die Story wird durch das unreflektierte Gameplay sofort zunichte gemacht.
Mir ist es auch mehr als schleierhaft, wie man von "Die Russen wollen sie finden und töten." zu "Lara hat selbst das "Recht", jeden einzelnen Russen auf der Insel zu töten." Das ist moralisch mehr als fragwürdig und entspricht in keinster Weise unserem westlichen Wertecodex. Und es geht nicht um Situationen, in denen Gegner schon auf Lara schießen. Das ist natürlich Selbstverteidigung. Es geht um Situationen, in denen Lara sich anschleicht und Gegner aus dem Hinterhalt töten, am besten noch per Kopfschuss für Extra-XP. Das geht sogar über Selbstjustiz hinaus, das ist in der Tat schlicht Mord, egal wie man es dreht und wendet. Und es ist auch imo mehr als seltsam, dass scheinbar noch keiner, der das hier als moralisch "ok" zu verteidigen versucht, in Betracht gezogen hat, dass man diese Situation auch anders lösen könnte. Warum versucht Lara nicht etwa, sich vor den Russen zu verstecken? Warum sind die Levels genau so aufgebaut, dass man fast alle Russen töten MUSS, damit man weiter kommt? Es ist ein großer, sehr großer Schritt zwischen "Survival" und "Ich kille alle Gegner auf der Insel".
Die Wahrheit ist, dass Tomb Raider vom Gameplay her ein reines "Killerspiel" ist (und eben kein Survivalspiel), das eine Story übergestülpt hat, dass eine scheinbar verletzliche Protagonistin zeigen will, die einfach nur am Leben bleiben will und sich selbst verteidigt. Das gibt das Gameplay aber nicht her und so ist das Spiel auch nicht entworfen. Es zwingt den Spieler vielmehr dazu, so viele Gegner wie nur möglich zu töten, und motiviert den Spieler durch Bonus-XP dazu, möglichst brutal bzw. effektiv vorzugehen. Mit der natürlichen bzw. wahrscheinlichen Entwicklung Laras hat das nichts zu tun bzw. ist völlig unglaubwürdig, wenn man nicht von vorn herein ausgeht, dass Lara selbst ein absoluter Psychopath bzw. Soziopath ist, der selbst Befriedigung daran hat, andere Menschen zu töten.
Wenn es in den letzten Jahren ein gewaltverherrlichendes Killerspiel gegeben hat, dann war das nicht Counter Strike oder sonst irgendein Shooter, sondern der Tomb Raider Reboot. Eben weil es die Brücke schlägt zwischen einem scheinbar nachvollziehbaren Charakter und der angewendeten Gewalt und dadurch die Gewalt (inklusive Mord) moralisch zu rechtfertigen versucht. Die unterschwellige Message des Spiels ist "Die anderen wollen euch ja auch umbringen, also ist Töten und Morden völlig ok und auch der einzige Weg, mit der Situation umzugehen." Wenn das nicht gewaltverherrlichend ist, was dann? Und an diesem Thread alleine sieht man ja schon, dass die Message sehr wohl bei einigen angekommen ist...
